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Heilbronn

Liebeserklärung à la Chopin

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Heilbronn - Der russische Klaviervirtuose Nikolai Tokarev brillierte beim Württembergischen Kammerorchester in der Harmonie.

Von Matthias Slunitschek

Nikolai Tokarev bot in der Harmonie eine glänzende pianistische Leistung unter der Leitung von Gastdirigent Avner Biron.
Foto: Thomas Braun
Nikolai Tokarev bot in der Harmonie eine glänzende pianistische Leistung unter der Leitung von Gastdirigent Avner Biron. Foto: Thomas Braun  Foto: Braun

Heilbronn - "Ein Chopin zum Verlieben", hieß es nach dem Konzert sehr richtig. Der russische Klaviervirtuose Nikolai Tokarev zeigte Württembergischen Kammerorchester Heilbronn (WKO) unter Leitung des Gastdirigenten Avner Biron mit Chopins 1. Klavierkonzert in e-Moll seine herausragende Spielfertigkeit.

Ebenso wie das Streichquartett op. 10 in g-Moll von Claude Debussy war auch Chopin in einer Bearbeitung für Soloinstrument und Streichorchester zu hören. Das Publikum in der wie immer zu solchen Anlässen sehr gut besetzten Harmonie honorierte technisches Können und musikalisches Einfühlungsvermögen.

 Lyrisches Unisono

Der Anfang von Debussys Streichquartett, dieses lyrische Unisono ist so schon sehr einnehmend. Doch wie hört sich das erst an, wenn nicht nur vier Streicher, sondern ein ganzes Orchester erklingt. Das muss sich auch Georg Oyen, seit gut 25 Jahren Cellist des WKO, gedacht haben, als er davon 2001 ein Arrangement für Soloquartett und Streichorchester erarbeitete. Erst recht, da sich Debussy bei seiner Komposition für Streichquartett nicht am klassizistischen Ideal einer Konversation unter vier ebenbürtigen Partnern orientierte.

 Vier Solostimmen

Und so scheint es, als tauchten die vier Solostimmen, Zohar Lerner und Johannes Hehrmann (Violine), Irene Lachner (Viola) sowie Gabriel Faur (Cello), immer wieder aus dem Lärm einer belebten Straße auf. Der israelische Dirigent Avner Biron unterstreicht diesen Effekt. Die chorische Mehrfachbesetzung der Stimmen wird hervorgehoben, während die Soli zurückgenommen wirken.

Voraussetzung ist aber das richtige Timing. Im 2. Satz Assez vif et bien rythme erklingen gezupfte und gestrichene Passagen wie von einem Instrument. Das Streichquartett funktioniert also bestens mit Streichorchester. Auch wenn Oyens Fassung die Einzigartigkeit des Quartetts infrage stellt − es war Debussys einziges −, kann die Aufführung des WKO durchaus als effektgetreu gelten.

 Musikalische Leidenschaft

Frédéric Chopin hat es nicht so genau genommen. Ob ein Streichorchester seine Klavierstücke begleitete oder nicht, war eher sekundär. Doch Tokarevs musikalische Leidenschaft gewinnt durch begleitende Streicher. Bereits 1877 erschien die Bearbeitung für Klavier und Streichorchester von Richard Hofmann.

Der 30-Jährige Tokarev fliegt über die Tasten und gibt auf dem lustvollen Höhepunkt chromatischer Läufe das Spiel weiter an den Klangkörper des WKO. Chopins Klavierkonzert gewinnt an Kontur. Immer wieder fischt Tokarev aus der Ursuppe unendlich virtuoser Läufe die melodischen Einzeller und entwickelt sie − ganz im Sinne Chopins − zu großen, gefühlvollen Melodien. Für Chopin war dieses Stück gleichbedeutend mit einer Liebeserklärung. Das leuchtet auch während Tokarevs Spiel ein, spätestens mit der Romanze des zweiten Satzes.

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