Kuscheltag mit Hindernissen
Uta Koschel inszeniert "Taxi Taxi" im Großen Haus des Stadttheaters

Die Handlung überdrehen und ad absurdum führen: Das macht eine gute Komödie aus. Erst recht, wenn wir uns als Zuschauer ertappt fühlen. Denn die Lüge als Überlebensstrategie kennt jeder. Und genau so funktioniert die 1982 uraufgeführte Komödie "Taxi Taxi" von Ray Cooney.
Uta Koschel inszeniert die Farce des Briten Cooney konventionell, aber souverän als launige Screwball Comedy − zur hellen Freude des Premierenpublikums am Samstag im Großen Haus des Heilbronner Theaters. Immanuel Kant wäre entsetzt: "Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen" heißt der kurze Aufsatz aus dem Jahr 1797, in dem der deutsche Denker streng argumentiert, warum es selbst bei Gefahr für Leib und Leben kein Recht auf eine Lüge gibt.
Das dürfte dem Taxifahrer John Smith wenig imponieren. Die Story: Smith gelingt ein bemerkenswertes Doppelleben. Er ist mit zwei Frauen verheiratet, die nichts voneinander wissen, obwohl sie gerade viereinhalb Minuten voneinander entfernt wohnen. Mit einem akribisch geführten Stundenplan und dank wechselnder Arbeitszeiten gelingt dem unverfrorenen Bigamisten ein Doppelleben in frecher Harmonie. Einmal SMM − Samstagmorgen mit Mary − einmal HTB, halber Tag mit Barbara. Bis ein Handtaschenraub alles durcheinander bringt. Hier setzt das turbulente Treiben auf der Bühne ein.
"Run for your Wife", so der Originaltitel von Cooneys Kracher, bringt auf den Punkt, worum es geht. Lauf um deine Frau, das klingt wie: Lauf um dein Leben. Und genau das ist der Job von Nils Brück, der als Gatte zweier Ehefrauen versucht, den Schwindel aufrecht zu erhalten, aber mitnichten Schuldgefühle hegt. Das Dilemma des Mannes, der nicht nein sagen kann: Der Schauspieler Brück kostet es aus, schaut mal treuherzig-unschuldig wie ein kleines Kind, mal dummdreist wie ein ertappter Galan.
Der Zuschauer weiß immer schon mehr mit Blick auf die Bühne von Tom Musch, der die beiden Wohnungen der Damen Smith − die eine lebt in Wimbledon, die andere in Streatham − als ein großes Wohnzimmer präsentiert mit quietschgrüner Sofalandschaft vor pink-himmelblauen Wänden mit mehreren Eingängen und Fluchttüren, die munter aufgerissen und zugeknallt werden.
Diese Gleichzeitigkeit des sich bahnbrechenden Irrsinns ist charmant. Ein Spinnennetz, in dem sich im Laufe des Abends alle verstricken: Judith Lilly Raab als bonbonfarbene Mary Smith mit einem sympathischen Hang zur Hysterie, die in ihrer Verzweiflung niedlich mit den Beinen strampelt, Sabine Unger als fordernde Femme Fatale im fortgeschritteneren Alter und Leopardenlook, Tobias D.Weber als loyaler Freund von John mit Proloattitüde − schließlich ist er arbeitslos und hat jede Menge Zeit. Richtig komisch geraten die Auftritte von Hannes Rittig als schwuler Nachbar Bobby in rosafarbenen Mokassins: Obwohl Rittig dem Affen, also dem Publikum, Zucker gibt, schwingt ironische Distanz zur Rolle mit. Dass Frank Lienert-Mondanelli und Stefan Eichberg als Polizeiinspektoren mit Kojak-Lolly und Trenchcoat zuverlässig für mehr Verwirrung als Aufklärung sorgen, liegt in der Logik des Genres. Dass 2017, in dem Jahr, in dem das Bundesverfassungsgericht neben er und sie ein drittes Geschlecht akzeptiert, Witze über Schwule, Tunten und Transvestiten noch solche Lachsalven auslösen, erstaunt dann aber doch.
Da werden Klischees forsch abgenudelt über Presse-Fuzzis und Popo-Prinzen: so, dass es niemandem weh tut. Ein harmloser und doch kurzweiliger Abend mit Längen vor der Pause, dafür mit einem erfrischenden Ensemble.
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