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Jagsthausen

Kurzweilig, poetisch, komisch

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Rund 2,5 Millionen Zuschauer haben seit 1955 den "Götz von Berlichingen" im Burghof gesehen. Wie kann man dem Traditionsstück neue Aspekte abgewinnen? Zumal das Sturm-und-Drang-Gerangel nicht zu Goethes starken Dramen zählt. Eine Theater-Revolution darf man in Jagsthausen nicht erwarten.

Von unserer Redakteurin Claudia Ihlefeld
Er anerkennt nur Gott und Kaiser, alle anderen können ihn "im Arsch lecken": Bilderbuch-Götz Walter Plathe im Burghof Jagsthausen.
Foto: Lutz Schelhorn
Er anerkennt nur Gott und Kaiser, alle anderen können ihn "im Arsch lecken": Bilderbuch-Götz Walter Plathe im Burghof Jagsthausen. Foto: Lutz Schelhorn

Die Dekonstruktion des "Götz" und mögliche Folgen wagt auch Regisseur Peter Dehler nicht, aber eine der anregendsten Inszenierungen seit langem. Unterm Jahr Schauspieldirektor in Schwerin, hat Dehler aus dem Säbelrasseln ein Schauspieler-Spiel gemacht: einen kurzweiligen Spaß, ohne die Botschaft des Dramas zu verraten.

Nicht, dass in diesem "Götz", der am Mittwochabend die 66. Burgfestspiele eröffnet hat, keine Säbel rasseln und keine Köpfe rollen. Dehler und sein munteres Ensemble samt Laienschar nehmen den Stoff mit Humor, will heißen, mit wohl dosierter ironischer Distanz.

Am Schlagzeug

Wie aus einem Comic geschnitten bewegen sich die Figuren, ein Erzähler am Schlagzeug führt durch die verschlungene Handlung und stellt mit Tusch und Trommelwirbel die Personen vor. Als Haudegen mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn begeistert Walter Plathe in der Titelrolle: kein zaudernder Schöngeist, sondern ein Lebemann mit Witz, der am Ende nachdenkliche Töne anstimmt. Götz ist als freier Ritter den traditionellen Werten Ehre und Treue verbunden und erkennt nur Gott und Kaiser an.

In der Übergangszeit vom Mittelalter zur Moderne führt er einen aussichtslosen Kampf gegen die neue Weltordung. Den allerdings zieht Plathe ohne moralinen Pathos durch, dafür mit Schalk im Nacken.

Marco Albrecht ist Weislingen, ein Schürzenjäger und Spieler, der scheinbar mühelos die politischen Lager wechselt. Ein köstlicher Bösewicht mit Läuterungspotenzial. Der Jugendfreund von Götz und heutige Gegenspieler gibt den politischen und ökonomischen Menschen der Moderne − mit allen Widersprüchen. Plathe und Albrecht zuzuhören und zuzusehen, macht Freude. Wie überhaupt dieses "Götz"-Ensemble prima funktioniert. Adelheid zum Beispiel: verkörpert von Jasmin Wagner, einigen als Blümchen in Erinnerung, dem Gesicht für deutschen Techno-Pop der 90er Jahre.

Leichen

Diese Adelheid geht über Leichen, selbstbewusst setzt sie ihre weiblichen Waffen ein in einer Männerwelt, die es nicht anders verdient. Eine femme fatale: schön, intelligent, gefährlich, trinkfest. Lacher provoziert Karsten Kramer, der in der Doppelrolle als Götz' Knappe Georg und Sohn Karl den debilen Spätgeborenen köstlich persifliert.

Ihren unangefochtenen Auftritt hat die Götzenburg. Als Kulisse braucht sie wenige Zutaten. Ein Podest aus dunklen Brettern auf der rechten Bühnenseite genügt, um zu streiten, zu lieben, zu richten und zu meucheln. Und dazu ein Tisch und Bänke auf der linken Seite, schon verströmt der historische Spielort seine Aura und wird zur Folie einer Regie, die vergnügt mit Stilelementen und Theatermitteln spielt.

Gänsehaut

Da spricht eine Figur einen Prolog und fragt ins Publikum: "Wie machen wir es, alles neu?". Ein antiker Chor ertönt, der Moritatensänger (Olaf Paschner, der noch in zig andere Rollen schlüpft) lenkt durch die Vielzahl an Handlungsorten. Bauernhochzeit und Bauernkrieg werden mit dem Charme der Augsburger Puppenkiste illustriert, mitunter bis zur Schmerzgrenze. Anleihen aus Gothic Novel und B-Movie-Thriller sorgen für Gänsehaut, filmreif stirbt Marco Albrechts Weislingen in weißem Beinkleid (Kostüme: Volker Deutschmann) und zuckt und bäumt sich auf wie Nosferatu, das Phantom der Nacht.

Eine große Rolle spielt die Musik: Sie untermalt nicht nur, sie erzählt, setzt Zäsuren und orchestriert das nachdenkliche, poetische Ende. Traurig, aber nicht gebrochen sagt uns Götz eine düstere Zukunft voraus. Nicht hinter Gittern stirbt er bei Peter Dehler, sondern steht wie seine Frau Elisabeth (couragiertes Muttertier: Hannelore Droege) auf der Bühne. Die Freiheit hat das letzte Wort − eine Utopie?

Nach 140 Minuten ist Schluss, Riesenapplaus im Burghof. Einige Striche und Kürzungen verträgt aber auch dieser "Götz": Dann hätte er das Zeug zum Kultstück.

Weitere Vorstellungen

www.burgfestspiele-jagsthausen.de


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