Keine einzige Wolke über Europa
Daedalus Company zeigt im Winterprogramm der Freilichtspiele Henning Mankells "Lampedusa"
Noch bevor das Thema Flucht und Asyl die Politshows eroberte und die Bilder afrikanischer Bootsflüchtlinge Alltag wurden, schrieb der kürzlich verstorbene schwedische Schriftsteller Henning Mankell das Bühnenstück "Lampedusa". Das freie Theater Daedalus Company mit Sitz in Frankfurt ist spezialisiert auf Stücke mit gesellschaftlicher Relevanz.
Schauspielerin Birte Hebold (Anna) ist selbst erstaunt, wie das Stück von 2006 an Aktualität gewonnen hat. "Wir reisten, um nicht Flüchtlinge zu werden": Wörtlich findet sie diese Sätze von Mankell in der Tagesschau wieder.
Herausforderung In der Haalhalle spielt das Ensemble um Regisseurin Regina Busch ein Stück, das die Probleme und Herausforderungen der Gegenwart früh erkannte. Für Schauspieler Pedro Stirner (Anders Persson) ist "Lampedusa" aber über die aktuelle Diskussion erhaben: "Mir kommt es bereits wie ein historisches Gemälde vor." Als die aufreizende und selbstbewusste Titania (Mirjam Tertilt) zum Vorgespräch der Talksendung erscheint, stimmt Annas Welt nicht mehr. Sie hatte eine verschüchterte Muslima erwartet. Außerdem ist der Tee leer und der skurrile Meteorologe Persson nervt. Bald ist klar, dass die Ein-wanderin aus Sambia aus einem ganz persönlichem Grund den Weg in die Öffentlichkeit sucht: Sie ist lesbisch. Die Erfolgsmoderatorin wittert die Story ihres Lebens.
Doch bereits das Kennenlernen scheitert. Zuletzt rennt ihr Gast aus dem Studio. Titania ist nicht bereit, Annas verachtende Kommentare zu ertragen. So bleibt nur eines übrig: das Wetter. Persson erzählt von ei-nem Tag, an dem keine einzige Wolke über Europa zu sehen war. Erst nach zwölf Stunden machte sich eine Wetterfront von Afrika aus auf den Weg.
Vorurteile Dem kleinen Ensemble gelingt es meisterhaft, aneinander vorbei zu reden, sich zu isolieren, Vorurteile und kulturelle Spannungen zu überzeichnen. Bausch legt das Stück als ein Planspiel an: Weiße Felder auf schwarzem Grund, ansonsten ein schlechtes Catering. Vereinzelte Rollos werden zu Mauern und Projektionsflächen. Ebenso steril wie der Raum ist die Gefühlswelt der Personen. Härte und Kälte zeichnen Anna und Persson aus, sie sind aggressiv, angespannt und einsam. Mirjam Tertilt verkörpert eine überlegene Titania, die trotz ihres bewegten Lebens kaum Mitleid zu erwarten hat − weil sie es nicht will.
Henning Mankells Text wirft Fragen auf, ohne sie zu beantworten. Auch Bauschs Inszenierung maßt sich nicht an, einen Weg aus individuellen und sozialen Dilemmata aufzeigen zu wollen.
Kommentare öffnen
Stimme.de
Kommentare