Ina Müller singt und plaudert in Heilbronn aus dem Leben
Bei ihrem Konzert in der Harmonie sorgt die Hamburgerin von Anfang an für gute Stimmung - und erzählt dabei so manches pikante Detail aus ihrer Jugend.

Schon bevor es losgeht, hat Ina Müller das Publikum auf ihrer Seite. Hinter dem Vorhang, aus dem Off, ein "Hallo Heilbronn" und in der ausverkauften Harmonie antworten Hunderte mit Jubel und Applaus.
Mit einem Jahr Verspätung geht die Hamburgerin mit ihrer Band auf Tour, das Konzert 2022 wurde auch in Heilbronn abgesagt. Umso mehr feiert das Publikum die Sängerin am Sonntagabend (8.1.). "Vor fünf, sechs Jahren" war sie zuletzt am Neckar, erinnert sich die Sängerin: "Da war Corona noch ein Bier."
Frei von der Leber weg
Ina Müller plaudert herzerfrischend und frei von der Leber weg aus dem Leben, erzählt aus ihrer Jugend, von ihrer Familie und ihren Beziehungen. Zwischendurch und mit ihren Lieder. Einprägsame Texte sind das Markenzeichen der 57-Jährigen, oft doppeldeutig und mit viel Witz, mal rockig, mal gefühlvoll.
Los geht es in der Harmonie mit "Ich halt die Luft an" von ihrem Album "55" aus dem Jahr 2020, genauso wie "Obwohl du da bist", "Wohnung gucken", "Fast hält länger als fest" oder "Wie Heroin". Alle so authentisch wie "Rauchen", ein Song, in dem sie sich fragt, wie das Leben ohne Kippe verlaufen wäre: andere Freunde, andere Themen. Dazu zündet sich Müller eine Zigarette an: Sie ist eine Frau, die zu ihren Lastern steht, "auch wenn es vier Feuerwehrmänner extra" hinter der Bühne erfordert.
Müllers Konzerte sind mehr als Musik, sie sind kurzweilige Unterhaltung. Geradewegs aus dem Schellfischposten, nur ohne Bier und Shantys. In ihrer Talkshow stellt Müller die Fragen, die sich andere nicht zu fragen trauen, direkt und ohne Berührungsängste. Diese Offenheit bringt sie mit auf die Bühne, klagt über Doppelkinn und Hitzewallungen, aber auch über moderne Regenduschen, unter denen Frauen Handstand machen müssen - was sie flugs demonstriert. Nicht ohne vorher über Körperbehaarung zu philosophieren. Schließlich hat man als Frau Jahrgang 1965 schon viel erlebt.
Witzig bis unter die Gürtellinie
Auch unter der Gürtellinie bleibt es witzig - "kann man ja mal drüber reden", meint schließlich die Künstlerin mit dem ihr eigenen, entwaffnenden Charme. Genauso wie über ihre Schwester, die mit 65 Jahren zum ersten Mal geheiratet hat. Was die Frage aufwirft, ob das noch sein muss. Ina jedenfalls empfiehlt Satinbettwäsche als Geschenk: "Das ist ein Gamechanger."
Jugenderinnerungen ziehen sich durch den Abend, musikalisch mit "Fünf Schwestern", das die Jugend im hohen Norden thematisiert mit vier Schwestern, Klamottenklau, Gummistiefeln aufm Hof und der Bushaltestelle als "Tor zu Welt". Alles ein bisschen eng, aber auch sicher: "Eine kümmert sich schon." Trotzdem: 18 will Müller nicht mehr sein. Zu anstrengend war das damals, als man noch jedes Wochenende in die Großraumdiskothek musste, um beim "analogen Tindern" einen Kerl zu finden. "Das Schlimmste, was man sein konnte, war Single." Ihre Demonstration, wie Mädchen dort einst aufs Klo gingen, die Hosenbeine hoch haltend, das Portemonnaie im Mund, die Oberschenkel leicht gebeugt, ist ganz großes Kino.
Ina Müller ist komisch im bitteren Ernst, egal ob es um Kindergarten, Zeugnisse oder One-Night-Stands geht, die damals noch Stichproben hießen.
Ina Müller kann Party
Ina Müller plaudert pausenlos drauflos, als würden ihr die Geschichten gerade einfallen. Und sie kann Party. Nach zwei Stunden bittet sie das Publikum zum Tanzen nach vorne und rockt zum Abschluss die "Amazonen", ein Lied, das wie kein anderes Frauenfreundschaft beschreibt. Eine Zugabe gibt es anschließend noch. Und als nach zweieinhalb Stunden die Scheinwerfer ausgehen, bleibt die gute Laune.
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