Im Reich der Angst

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Heilbronn - Gefeierte Premiere der Puccini-Oper "Turandot" im Großen Haus des Stadttheaters

Von unserem Redakteur Uwe Grosser

Calaf (Rafael Rojas) verfällt der Schönheit von Turandot (Irina Rindzuner), die hier als Videoprojektion erscheint.Foto: Saarländisches Staatstheater
Calaf (Rafael Rojas) verfällt der Schönheit von Turandot (Irina Rindzuner), die hier als Videoprojektion erscheint.Foto: Saarländisches Staatstheater

Heilbronn - Das Reich der Mitte ist ein Zwitter, der versucht, altkommunistische Parteidiktatur mit beinhartem Kapitalismus zu verbinden. Bilder von märchenhafter Exotik, wie Giacomo Puccini sie beim Gedanken an China noch vor Augen hatte, als er seine 1926 uraufgeführte Oper "Turandot" komponierte, passen heute auf keine Theaterbühne mehr.

Entsprechend sucht man buntseidene Kostüme vergeblich in Dominik Neuners Inszenierung dieses Spätklassikers der italienischen Oper. Das Ameisenhafte in Blau und Grau, das Mao einst seinem Volk verordnete, dominiert die Szene in dem mit begeistertem Applaus gefeierten Gastspiel des Saarländischen Staatstheaters Saarbrücken im Großen Haus des Theaters Heilbronn. Das Premierenpublikum war am Samstagabend hingerissen von so viel Sangeskunst und orchestraler Wucht. Die Inszenierung rückt hier tatsächlich ins zweite Glied. Dabei hat Neuner durchaus Gewichtiges zu erzählen von Machtmissbrauch, Gnadenlosigkeit und Unmenschlichkeit in einem Land, das angeblich auf dem Weg in die Moderne ist. Seine Bilder sprechen eine andere, eine archaische Sprache. Hier wird noch mit der Axt enthauptet, was gegen die Macht aufbegehrt, und die Köpfe werden in Vitrinen ausgestellt.

Prinzessin Turandot, die jedem Freier drei Rätsel stellt und in köpfen lässt, wenn er versagt, ist Repräsentantin eines Willkürstaats, dessen Apparat den eigenen Machterhalt über alles stellt.

Mit seiner Bilderwelt erweist sich der Regisseur als feinsinniger Deuter einer Partitur, die zum Aufregendsten gehört, was die italienische Oper im frühen 20. Jahrhundert zu bieten hatte. Es steckt viel Angst und Schrecken in der Klangwelt des Giacomo Puccini. Dirigent Andreas Wolf erweist sich dabei als überaus umsichtiger musikalischer Leiter, der alle Hände voll zu tun hat, um Chor, Orchester und Solisten in den mitunter tumultartigen Momenten zusammenzuhalten. Und nur wenige Augenblicke später zerlegt Wolf das Lyrische in feinste Klangnuancen, zart und verspielt.

Superhit

Musikalisch ist diese "Turandot" durchweg ein Genuss. Und jeder Opernfreund wartet auf den einen großen Moment: wenn der Tartarenprinz Calaf "Nessun dorma!" singt, diesen Superhit der Opernliteratur. Rafael Rojas machte seine Sache dabei schlichtweg großartig. Im ersten Akt braucht der Mexikaner zwar eine Weile, bis er auf Betriebstemperatur ist, doch seine Stimme wird zunehmend sicherer. Und dennoch ist sein Tenor mitunter etwas zu sanft. Im leidenschaftlichen Duett mit Irina Rindzuner als Turandot zieht er den Kürzeren. Die Amerikanerin ist eine so kraftvolle Turandot, dass sie schier endlos forcieren kann, ohne ins Schrille abzudriften.

Das stimmliche Juwel des Saarbrücker Ensembles ist aber Izabela Matula als Liù. Zwischen hauchzart und energisch auftrumpfend bewegt sich die Stimme der polnischen Sopranistin − und bleibt dabei immer kristallklar. Eine grandiose Leistung, für die es bei der Premiere Bravorufe gab.

Insgesamt besticht das Staatstheater Saarbrücken mit einem sehr homogen besetzten Opernensemble, bei dem auch der Chor überzeugt: stimmgewaltig und rhythmussicher. Diese "Turandot" gehört zum Überzeugendsten, was das Theater Heilbronn in den letzten Jahren an Oper zu bieten hatte.

17. und 20. November, 14., 16. und 22. Dezember, 10. und 15. Januar.

Karten: 07131 563001.

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