Ilija Trojanow über Flucht und Utopie im Literaturhaus Heilbronn
Der Schriftsteller Ilija Trojanow erzählt im Literaturhaus Heilbronn vom Leben nach der Flucht und der Illusion Heimat - und warum es eine Freiheit ohne Auto gibt.

Da wir viel vorhaben, müssen wir gleich loslegen." 20 Minuten darf Ilija Trojanow lesen. Den Essay "Nach der Flucht", 2017 erschienen, dürfte er in- und auswendig kennen. Miniaturen über Fluchterfahrungen, eigene und fremde. Autobiografisches und Allgemeingültiges. Trojanow blättert vor und zurück in dem 125-Seiten-Bändchen - "das gefällt mir alles nicht", kokettiert er mit der Auswahl der Textstellen.
Mit sonorer Stimme und bewusst gesetzten Pausen
"Der Flüchtling ist meist Objekt. Ein Problem, das gelöst werden muss. Eine Zahl. Ein Kostenpunkt. Ein Punkt. Nie ein Komma. Weil er nicht mehr wegzudenken ist, muss er Ding blieben", beginnt Ilija Trojanow zu lesen, mit sonorer Stimme und bewusst gesetzten Pausen.
"Es gibt ein Leben nach der Flucht. Doch die Flucht wirkt fort, ein Leben lang." Der mit zahlreichen Literaturpreisen geehrte Autor, Übersetzer und Verleger, 1965 in Sofia geboren, floh mit seiner Familie 1971 nach Deutschland. Ein Jahr später zog die Familie weiter nach Kenia. Heute lebt Trojanow, wenn er nicht unterwegs ist, in Wien. "Der Weltensammler" heißt nicht von ungefähr einer seiner Romanerfolge.
"Der Anblick von Flüchtenden beunruhigt die Sesshaften"
"Die Flucht rechtfertigt sich selbst." Knapp bringt Trojanow das Wesen der Flucht auf den Punkt und konterkariert es mit der romantischen Vorstellung des Flüchtlings als einem, der spät in einer Winternacht in den Gasthof tritt. "Der Anblick von Flüchtenden beunruhigt die Sesshaften", seziert Trojanow unser Dilemma. Die Frage, woher kommst du, werde erst selbstverständlich, wenn man ebenso selbstverständlich fragt, wohin gehst du.
Ilija Trojanow, der seinen Essay seinen Eltern gewidmet hat, "die mich mit der Flucht beschenkten", erzählt von der Illusion von Heimat - "Heimatlosigkeit muss nicht falsch sein", vom Leben zwischen den Sprachen - "man kann die Sprache nicht wechseln, man kann eine neue adoptieren". Und davon, dass Heimkehr unmöglich ist und man besser von "Fremdkehr" spricht.
Zwei Moderatoren und eine recht alberne Regel
Als die Lesezeit um ist, übernehmen zwei Moderatoren das Frage-Antwort-Spiel mit dem Autor. Eine recht alberne Regel haben sich Friedrich von Borries und Alexander Estis dazu ausgedacht. 42 Minuten soll das Ganze dauern, sechs Themenfelder haben sie sich überlegt, à sieben Minuten. Danach klingelt von Borries" Handy.
Was diskutiert wird, muss nicht zwingend rund sein, erklärt der Designtheoretiker von Borries aus Hamburg. Schließlich findet der Abend im Literaturhaus im Rahmen des Projekts "Heilbronn Hauptstadt der Folgenlosigkeit" statt. Und so führen von Borries, einer der Projektinitiatoren, und Alexander Estis, Heilbronns Stadtschreiber im Kontext ebenjenes Projekts, das Gespräch unter dem Zeichen der Folgenlosigkeits-Idee, was dann mitunter konstruiert und krampfhaft wird.
Lästiger Handy-Klingelton
Um Flucht und Kapitalismus geht es und die Frage, ob der Geflüchtete nicht der Idealtypus, sprich Opfer, für den Kapitalismus ist, zumindest in der ersten Phase seiner Orientierungslosigkeit. Wenn Kapitalismus die Akkumulation von Kapital ist, ist der Geflüchtete nicht der mit dem Schuldenschnitt?
Nach dem Handyzeichen - einem lästigen Klingelton ("Ich weiß nicht, wie man das ändert", nuschelt von Borries) - geht es um Flucht und Utopie. Dabei ist Utopie für Trojanow keine Flucht, vielmehr ein Prozess des Tagträumens, der Fantasie. Auch Alarmruf und Brückenschlag. Ohne visionäres Denken keine Zukunft, sagt Trojanow und gibt ein Beispiel. "Utopie ist: Es gibt eine Freiheit ohne Auto."
Klimawandel als Ursache von Flucht und Bürgerkrieg
Die russische Misere, eine seit Lenin totalitär ausgerichtete Machtpolitik, wird angesprochen. Die moralische Unverlässlichkeit des Menschen, aber auch die Notwendigkeit, die Dinge auf den Kopf zu stellen, wenn man einen Paradigmenwechsel denn wirklich will. Und, dass der Klimawandel hauptsächliche Ursache ist von Flucht und Bürgerkrieg.
"Ich empfinde eine große Unruhe, wenn ich nichts tue", räumt Ilija Trojanow ein, warum eine zentrale Forderung des Folgenlosigkeits-Projekts - das bewusste Nicht(s)tun - nichts für ihn ist. Schreiben ist für ihn Sucht. Zur Sucht gehört auch die Extase, sinniert er und problematisiert dann das Dogma des Erfolgs, den Gruppenzwang, die herrschende Ideologie der Selbstoptimierung.
Keine Zeit für Fragen aus dem Publikum
Die drei Herren plaudern eitel weiter. Für Fragen aus dem Publikum ist keine Zeit. Die möge man dem Autor beim Signieren am Büchertisch stellen, zieht von Borries nach 90 Minuten im gut besuchten Literaturhaus den Schlussstrich.
Zur Person: Geboren 1965 in Sofia, floh Ilija Trojanows Familie 1971 und erhielt politisches Asyl in Deutschland. 1972 zog die Familie nach Kenia. Bis 1984 lebte Trajanow, unterbrochen von einem Deutschlandaufenthalt, in Nairobi. Nachdem er sein Studium der Rechtswissenschaft und Ethnologie in München abbrach, gründete er zwei Verlage, spezialisiert auf afrikanische Literatur. Nach Bombay und Kapstadt lebt er heute in Wien.
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