Hubert von Goisern in Künzelsau: Besuch aus der analogen Welt
Hubert von Goisern und seine Band machen 1900 Fans im Carmen-Würth-Forum in Künzelsau glücklich.

Seit fast sechs Jahren hat Hubert von Goisern kein Konzert mehr gegeben. Stattdessen hat er seinen Roman-Erstling "flüchtig" verfasst und an einem Album gearbeitet, in das er alles hineinpackte, was ihn jemals fasziniert hat. "Zeiten & Zeichen" ist ein überbordendes Werk von 75 Minuten Spieldauer geworden, ein Konzeptalbum also, was heute im Zeitalter des Streamings und der schnellen Bedürfnisbefriedigung ein aussterbendes Phänomen sein dürfte. Deshalb ist der Besuch eines Konzerts von Hubert von Goisern fast wie eine kleine Reise zurück in die analogen 90er, als er mit dem Album "Aufgeigen statt niederschiassen" den Durchbruch schaffte.
Frenetische Begrüßungsjubel für Hubert von Goisern
Auf der Bühne des Carmen-Würth-Forums steht dieses gestandene Mannsbild mit dem markanten Gesicht - im Herbst wird er 70 - und genießt den frenetischen Begrüßungsjubel der 1900 Besucher im ausverkauften Saal. Das Publikum, mit ihm gealtert, ist hungrig nach seiner Musik, Hubert von Goisern ist hungrig nach der Live-Atmosphäre. Er trägt ein T-Shirt mit der zweizeiligen Aufschrift "ANA LOG" und begrüßt seinerseits mit einem gepflegten Jodler an der Ziehharmonika.
Hubert von Goisern: ein Musiker, der weiß, was er will
Was in zweieinhalb Stunden folgt, ist schlichtweg überwältigend: Ein Konzert mit Hip Hop und Oper, Rap und Rammstein, Elektropop und Folklore, klassischem Rock und Goethe-Liedgut. Hubert von Goisern ist nach "Koa Hiatamadl" nicht stehengeblieben und hat sein Repertoire unbeirrt nach seinem Gusto erweitert. Ein Musiker, der weiß, was er will - und tut.
In Künzelsau spielt sich der 69-Jährige mit seiner exzellenten fünfköpfigen Band durch das im August 2020 erschienene "Zeiten & Zeichen". Immer wieder sinniert er zwischen den Songs in seinem Salzkammergut-Zungenschlag über die Zeit, die Gleichzeitigkeit der Ereignisse und die Zwischenwelten, die er im künstlerischen Prozess erlebt. Alles sehr dezent, so wie das Bühnenbild, auf dem, wer mag, die ukrainischen Farben erkennen kann.
Fast wie Udo Jürgens
Auch gegen Impfschwurbler und Verschwörungstheoretiker erhebt er später seine Stimme, sachlich und ruhig, nicht plakativ und provokant. Mit "Brauner Reiter" stampft ein düsteres Stück im Rammstein-Gewand. Direkt danach der Kontrast: "Manchmal verbirgt sich mir die Zeit" singt er in "Future Memories". Und da klingt von Goisern fast wie Udo Jürgens - mit Trompete.
In "Glück ohne Ruh" bearbeitet der Charismatiker "Rastlose Liebe" von Goethe und Franz Schubert. Das stellt er neben den Techno-Rhythmus von "El Ektro" mit Robotergesang und Zitaten der Techno-Pioniere Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF). Der Geradeaus-Rocker "A Tag wie heut", der Solidarität über alle Grenzen hinaus beschwört, bildet die Flanke zu von Goiserns Grönland-Liebe. Während "Eiweiß" als humoristische Einlage durchgeht, ist der "Grönlandhai" sein Loblied auf die Entschleunigung. Mit dem Motto "Maul auf, Augen zu" erreicht das Tier ein biblisches Alter von bis zu 400 Jahren.
Keiner weiß, wann wieder einer durchdreht
Zu den Höhepunkten zählen "Freunde", eine beklemmende, zwischen Rap und Operette angesiedelte Nummer mit Sprechgesang à la Falco über den von den Nazis ermordeten Lehár-Librettisten Fritz Löhner-Beda. "Sünder", eine Bearbeitung des Gospel-Klassikers "Sinnerman" von Nina Simone, hat dagegen fast prophetische Qualitäten. Zu einem schwebenden Vibraphon, Jazz-Groove und sirrender Geige singt von Goisern "Koana woaß, wann wieder oana durchdrah"t, koana woaß, wie lang"s die Welt no geb"n wird." Gitarrist Severin Trogbacher glänzt hier mit einem opulenten Solo. Trogbacher, der auch Geige spielt, und Multiinstrumentalistin Maria Moling, die auch mal jodeln und singen darf, sind die auffälligsten Mitglieder der Band.
Nach all diesen großen Momenten folgt ein 45-minütiger Zugabenteil mit dem umjubelten größten Hit "Brenna tuats guat" und den 30 Jahre alten Sehnsuchtsliedern "Weit, weit weg" und "Heast as nit?" Wunderschön.
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