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Heilbronn

Flaneur durch vermintes Gelände

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Kabarettist Dieter Nuhr präsentiert knapp 2000 Fans "Nur Nuhr" in der Harmonie in Heilbronn.

Von Leonore Welzin
Sinnierte in der Heilbronner Harmonie über Gott und die Welt: der Kabarettist Dieter Nuhr.
Foto: Leonore Welzin
Sinnierte in der Heilbronner Harmonie über Gott und die Welt: der Kabarettist Dieter Nuhr. Foto: Leonore Welzin

Isch ficke Dieter Nuhr, diesen Riesenhaufen Kacke", so Bushido auf seinem Album "Carlo Cokxxx Nutten 3" von 2015. Die Abrechnung des Gangster-Rappers gilt nicht nur dem Komiker Nuhr. Auch Promis wie Alice Schwarzer, Kai Diekmann, Sami Khedira, Gregor Gysi werden beleidigt und verhöhnt, im Jargon "gedisst". Nuhr, der Kabarettist mit Grübchen und politischem Anspruch, dementiert Bushidos Behauptung, lässt aber die Steilvorlage des "großen Popsängers" nicht unkommentiert.

Er holt zum Konter aus

"Ey, Bushido, alte Rapper-Grütze, mit deinem Bärtchen brauchst du eine riesen Mütze, vom Kopf bis in die Pfütze, in 20 Jahren lebst du eh nur noch von Stütze. Dein Gedisse zieh ich mir durch die Ritze. Ich bin Rapper an der Spitze, träum von deiner Mutter Zitze. Ich zieh die Leute von den Sitzen, ohne schwitzen, ohne Gift zu spritzen.

Gemüter erhitzen, an Witzen schnitzen, die blitzen - (zum Publikum:) bleiben Sie sitzen!" Rappen kann er also auch, der Nuhr. Mit der Nummer habe er das Schlimmste hinter sich, kommentiert er die Reimerei und erwähnt, dass er dem Gangster-Rapper mit dem Unwort "Popsänger" nebenbei noch einen linken Haken verpasst habe. Und "ficken" - er wiederholt das in allen szeneüblichen Varianten - sei für Rapper kein böses Wort, eher ein Hilfsverb, das jedes andere Verb ersetzen könne.

Nuhrs Spezialitäten

Wie bei allen seinen Bühnenprogrammen ist der Name Nuhr auch in "Nur Nuhr" Programm. Die Art sich mittels sprachtheoretischer Überlegungen aus dem verminten Gelände polarisierender Themen (wie "ficken") zurückzuziehen, gehört zu Nuhrs Spezialitäten.

Mit Verweis auf seine grün-alternative Sozialisation lacht er sich eins über die transdisziplinäre Geschlechterforschung, die Sex als vom biologischen Körper unabhängiges, soziales Konstrukt definiert und dafür 200 Professuren eingerichtet hat: "Ist auch notwendig, weil einer alleine käme nicht drauf". Damit meint er unter anderem den Schwachsinn geschlechtsneutraler Bezeichnungen, also aus "dem Professor" und "der Professorin" ein neutralisiertes "Professix" zu machen. Schlägt Astrologix vor, mal über Wasserfrau, Stierin und Steingeiß nachzudenken.

 Aufklärung als zentrale Botschaft 

Wollte das Kabarett früher aufrütteln, den Wutbürger mobilisieren, gibt Nuhr den moderaten Mediator, der den Gedanken der Aufklärung als zentrale Botschaft proklamiert. So suspekt wie die unbefleckte Empfängnis wäre es, wenn seine Tochter käme und sagte, sie sei schwanger von einer Whatsapp. Ein argumentatives Stelldichein von Genderforscher, Hirnforscher und Proktologe ("Den kennen die meisten nicht, der kommt von hinten") mutet an wie absurdes Theater: "Wenn der Darm ein eigenes Universum ist, könnte es sein, dass unser Universum der Darm eines höheren Wesens ist?" Den Urknall möchte er nicht weiter erläutern.

Vor dem Hintergrund wachsender Machtbesessenheit zu kurz gekommener Despoten geißelt Nuhr die Naivität der Deutschen, prangert die Entmündigung durch Algorithmen an, kritisiert die Ignoranz gegenüber den Fakten, die durch Vorurteile ersetzt würden. Wider den alltäglichen Alarmismus führt er Steven Plinker ins Feld, der behauptet, die Welt sei gewaltfreier als je zuvor. Gegenargumente übersieht er, stattdessen Medienschelte, die beim Publikum gut ankommt.

Am Ende des riskanten Schlingerkurses bedankt sich der Zeitgeist-Flaneur für die "sitting ovations" und plaudert noch etwas, um "das Gedrängel beim Verlassen der Parkplätze" zu entschärfen; man solle den Saal ruhig in Etappen verlassen. Da ist er wieder ganz der nette, auf flüssigen Verkehr bedachte Moderator.

 

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