„Expressionismus Schweiz“ in der Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn
Eine Revolution der Farben und Formen: Mit ausgewählten Werken präsentiert die Kunsthalle Vogelmann die helvetische Ausprägung des Expressionismus zwischen Naturempfinden und sozialem Wandel. Warum ist diese Stilrichtung wegweisend für die Moderne?

Warum der Expressionismus die Moderne par excellence verkörpert? Diese erst einmal spezifisch deutsche Erfindung der Kunstgeschichte, die gegen den französischen Impressionismus ausgespielt wird? Innerlichkeit und kühner Ausdruck treten an gegen die bloße Wiedergabe des Äußeren und gegen Dekor: Der Expressionismus Anfang des 20. Jahrhunderts kommt einer künstlerischen Revolution gleich.
Verfremdete Form- und Farbgebungen wollen provozieren
Sein Ziel: das betont subjektiv Erlebte durch verfremdete Form- und Farbgebung in Kompositionen bannen, was manch Zeitgenossen provoziert und bis heute als Inbegriff der Moderne gilt. Als Seelenlandschaften werden etwa die Bilder von Ernst Ludwig Kirchner bezeichnet, diesem herausragenden Vertreter dieser Stilrichtung, die sich nicht eindimensional definieren lässt und Anleihen an Kubismus, Fauvismus und Futurismus vornimmt. In Deutschland sind die Gruppen Der Blaue Reiter und Die Brücke expressionistische Avantgarde.
Auch in der Schweiz mit ihrer konservativen Kunstszene etablieren Künstlerinnen und Künstler den Expressionismus auf ihre Weise. Mit der Ausstellung „Expressionismus Schweiz“ präsentiert die Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn bis Ende Februar Vielfalt und Vertreter dieser spezifisch helvetischen Ausrichtung des Expressionismus, an der aus Deutschland emigrierte Künstler ihren Einfluss haben.
Heilbronn will eigene Akzente setzen

Eigene Akzente Die Schau ist eine Übernahme vom Kunst Museum Winterthur – und setzt doch eigene Akzente. Was zum einen die Räume in der Kunsthalle mit sich bringen, aber auch konservatorische Gründe hat. Auch war „Expressionismus Schweiz“ zuvor im Museo Archeologico Regionale Aosta zu sehen.
Von dieser nach den Modernen aus Südafrika (2021) und vor Emil Nolde (2018) bisher teuersten Ausstellung – Museumschef Marc Gundel spricht von einer Summe im „unteren bis mittleren sechsstelligen Bereich“ – erhofft sich der Hausherr regen Zuspruch. „Herbst und Winter sind für uns die besten Monate.“
Ausstellungen zur klassischen Moderne, die die Städtischen Museen Heilbronn alle zwei bis drei Jahre als „publikumswirksame“ Schau bieten, sind „Teil der Profilbildung“. Neben zeitgenössischen Coups wie dem Ernst-Franz-Vogelmann-Preis, der 2023 an Gregor Schneider verliehen wird – aber das ist eine andere Geschichte.
Nicht nur Großstadtalltag und Nachtleben
Die Schweizer Expressionisten und jene, die in dem neutralen Land im Exil leben, interpretieren im internationalen Austausch den sozialen Wandel, finden aber nicht nur im Großstadtalltag und im Nachtleben Inspiration. Sondern in der Landschaft der Alpen und naturverbundenen Bergbauerndörfern. Es sind Künstlergruppen wie der Moderne Bund, Le Falot in der Westschweiz oder Orsa Maggiore im Tessin, die dem Expressionismus in der Schweiz ein Gesicht geben.
Die Ausstellung in der Kunsthalle lenkt zudem den Blick auf Einzelpositionen: auf Ignaz Epper, Johannes Robert Schürch, Otto Morach, auf die exilierte Brücke-Mitbegründerin Marianne von Werefkin, Alexej von Jawlensky oder die herausragende und doch wenig bekannte Alice Bailly.
Der Maler in kantig-schroffer Gebirgslandschaft
Als programmatisch darf man das Bild „Der Maler“ von Hermann Scherer verstehen, das der Kirchner-Schüler 1925 schuf. Durch eine kantig schroffe Gebirgslandschaft, die Farbigkeit und Größenverhältnisse auf den Kopf stellt, schreitet der Maler mit grün-blauem Antlitz, die bemalte Leinwand unter den linken Arm geklemmt. Der Wanderer durch die Natur, ein Einsiedler, ist wohl ein Selbstbildnis Scherers.
Expressiv im Wortsinn besticht Ernst Ludwigs Kirchners „Drei Künstler“: ein Porträt der befreundeten Kollegen Scherer, Paul Camenisch und von sich selbst, arrangiert im Halbkreis, Kirchner mit Pfeife im Mund in der Mitte, links Scherer, der die Arme in die Hüfte stemmt, rechts Camenisch in Denkerpose.
Camenisch und Scherer bilden später mit Albert Müller und anderen, die ebenfalls in der Kunsthalle vertreten sind, die Gruppe Rot-Blau, die ihren eigenen Beitrag leistet für die Moderne in Europas höchstgelegenem Land.
Ausstellungsdauer und Begleitprogramm
Bis 26. Februar 2023 präsentiert die Kunsthalle Vogelmann mit 73 Arbeiten verschiedener Leihgeber „Expressionismus Schweiz“, eine Kooperation mit dem Kunst Museum Winterthur und der Eventmanagement-Firma Expona, Bozen. Vernissage: heute, 19 Uhr. Die Ausstellung ist täglich außer Montag von 10 bis 17 Uhr geöffnet, Dienstag bis 19 Uhr. Eintritt: 8 (5) Euro, Katalog (Hirmer): 35 Euro. Das Begleitprogramm (www.museen-heilbronn.de) bietet Vorträge, literarische Rundgänge, Kunstgespräche, Kunst und Kulinark, Familienführungen, Ferienworkshops. Das Format Baby auf Kultur wird wiederaufgelegt.
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