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"... Halb Frau, halb Künstlerin...": Kunsthalle Vogelmann zeigt Bilder von Käte Schaller-Härlin und Mathilde Vollmoeller-Purrmann

Von unserer Redakteurin Claudia Ihlefeld
 Foto: Heibel, Matthias

Auch in Zeiten vermeintlicher Gleichberechtigung ist es schwer, Beruf und Familie, Spitzenjobs und Kinder, unter einen Hut zu kriegen und bestimmen Männernetzwerke über Karrieren. Doch war die Situation Anfang des 20. Jahrhunderts für Frauen ungleich komplizierter − nicht nur, weil ihnen das Studium an einer Kunstakademie bis 1919 verwehrt blieb und sie Kunstgewerbeschulen oder private Malklassen besuchten.

Mit "Halb Frau, halb Künstlerin..." stellt die Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn mit Käte Schaller-Härlin und Mathilde Vollmoeller-Purrmann zwei Malerinnen vor, die zu Lebzeiten gut vernetzt und erfolgreich waren, heute aber weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Eine Ausstellung, die einiges über die württembergische Kunstgeschichte erzählt und die Sozialgeschichte zweier Künstlerinnen.

Als Töchter aus bürgerlichen Familien mit schwäbisch-theologischem Hintergrund war die soziale Herkunft ein Sprungbrett. Mathilde Vollmoeller (1876-1943), Tochter eines Textilfabrikanten und Kommerzienrats, heiratete den Maler Hans Purrmann. Käte Härlin (1877-1973) kam als Tochter eines Missionars in Indien zur Welt und heiratete den Kunsthistoriker Hans Otto Schaller vom gleichnamigen Stuttgarter Kunsthaus. Beide Frauen waren gleichermaßen gebildet wie talentiert, gingen spät ihre Ehe mit jeweils jüngeren Männern ein, trugen einen Doppelnamen − und pflegten eine Beziehung zu Heilbronn und zur Region.

In Paris sind sie sich wohl um 1910 an der privaten Malakademie von Henri Matisse begegnet. Sowohl der Einfluss von Matisse als auch von Paul Cézanne ist greifbar in jenen Jahren. "Die unstreitig stärkste Begabung unter den ausstellenden Deutschen aber hat Fräulein Vollmöller", schrieb eine Pariser Zeitung 1911 über eine Schau im Salon des Indépendants. Doch mit der Geburt der Kinder gab Mathilde Vollmoeller-Purrmann die Ölmalerei auf, wandte sich der weniger aufwendigen Aquarellmalerei zu und lebte neben Berlin, München und Florenz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf Schloss Hohenbeilstein. Ihr Vater hatte 1898 die Burganlage samt Amtshaus gekauft und ließ dort eine Villa bauen. Landschaftszeichnungen in Tusche dokumentieren diese Zeit bis 1916. In späteren Aquarellen entfaltet sich Vollmoeller-Purrmanns souveräner Umgang mit Licht und Farbe

Käte Schaller-Härlin machte sich als Porträtistin einen Namen und ernährte nach dem frühen Tod ihres Mannes die Familie mit Auftragsarbeiten − auch für die Heilbronner Bürgerschaft. Theodor Heuss öffnete die Türen. Er, ein Freund ihres Mannes, beauftragte Bildnisse von sich und seiner Familie und vermittelte Aufträge etwa der Unternehmerfamilien Schneider und Wüst.

Moderner als in ihren klassizistisch anmutenden Porträts wurde Schaller-Härlin in der sakralen Malerei. Ihre Wand- und Glasarbeiten für Kirchen zeugen vom Geist des frühen Wegbereiters der Abstraktion Adolf Hölzel, wie einige wenige ausgestellte Entwurfsarbeiten zeigen. Die Schau in der Kunsthalle Vogelmann mit Leihgaben aus Privatbesitz, dem Kunstmuseum und der Staatsgalerie Stuttgart, der Pfalzgalerie Kaiserslautern und dem Purrmann-Haus Speyer beginnt im Erdgeschoss mit dem Frühwerk beider Frauen, um im ersten und zweiten Obergeschoss sich jeweils einer Künstlerin zu widmen.

Der Blick auf den Querschnitt ihres Schaffens − 90 Werke werden präsentiert − vermittelt eine Idee davon, wie sich beide auf ihre Weise durchsetzten in der Zeit vor und während des Ersten und Zweiten Weltkriegs: zwischen Erfolg und Karriereknick. Während der Nachlass der früh verstorbenen Vollmoeller-Purrmann mit rund 350 Arbeiten überschaubar ist, sind von Schaller-Härlin über 2000 Arbeiten erhalten.

Der Ausstellungstitel ist dem Tagebuch von Käte Schaller-Härlin entnommen, die 1910 kurz vor der Heirat ihren Zielkonflikt notierte: "Ich bin viel zu leidenschaftlich bei meiner Kunst und was wäre einem Mann eine solche Frau? Eine Enttäuschung u. halb Frau u. halb Künstlerin sein halte ich für unmöglich." Nachgerade philosophisch brachte Mathilde Vollmoeller ihre Skepsis auf den Punkt − bis der Kosmopolit Purrmann sie zum Jawort bewegen konnte. "Giebt es etwas Besseres als Freundschaft u. Vertrauen? Der Rest ist nicht viel Wert."

Ausstellungsdauer

Bis 21.?Oktober, täglich außer Montag 11 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr. Ein Katalog erscheint im August.

Käte Schaller-Härlin: Selbstporträt mit Hut, 1906.
Käte Schaller-Härlin: Selbstporträt mit Hut, 1906.  Foto: Heibel, Matthias
 Foto: Heibel, Matthias
Sabine Lepsius, Porträt Mathilde Vollmoeller, Berlin um 1900.
Sabine Lepsius, Porträt Mathilde Vollmoeller, Berlin um 1900.  Foto: Heibel, Matthias
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