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Stuttgart

Er macht die Türe zu und geht

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17 Jahre als Tänzer und 22 Jahre als Intendant: Reid Anderson verlässt das Stuttgarter Ballett.

Von Claudia Ihlefeld
Foto: de arge lola
Foto: de arge lola  Foto: de arge lola

Ich bin ein Gegenwartstyp", erklärt Reid Anderson, warum er problemlos loslassen kann. "Als Intendant hatte ich jahrzehntelang die Zukunft anderer in der Hand." Jetzt geht es um seine Zukunft, "das ist ein schönes Gefühl".

22 Jahre ist der gebürtige Kanadier Intendant des Stuttgarter Balletts, 17 Jahre war er hier Tänzer. Dazwischen wirkt er zehn Jahre als Ballettdirektor in Kanada, bevor er 1996 die Geschicke der renommierten Stuttgarter Compagnie von Marcia Haydée übernimmt. Am Sonntag räumt er nun sein Büro im Opernhaus. "Ich kann die Tür zumachen und gehen", sagt Reid Anderson. Die letzten Tage sind dicht getaktet: Interviews, Anfragen, Dinge abwickeln − nichtsdestotrotz nimmt er sich Zeit für ein Gespräch.

Noch hängen Bilder und Zeichnungen an den Wänden, viele Bücher überlasst er der John-Cranko-Schule. Künftig waltet hier Tamas Detrich als Intendant, ein Stuttgarter Eigengewächs, ehemals Startänzer und bisher Andersons Stellvertreter. Reid Anderson wird in Stuttgart bleiben, aber sicher nicht jede Vorstellung besuchen, dafür viel unterwegs sein. "Ich bin jetzt Ehrenmitglied der Staatstheater, bekomme zwei Karten für die Premieren und werde versuchen, da zu sein."

"Stuttgart ist der rote Faden meines Lebens." Hier lebt er − vom kanadischen Intermezzo abgesehen− seit bald 50 Jahren mit seinem Partner Dieter Gräfe. Jeder Abschied ist ein kleiner Tod, lautet ein Sprichwort, das für Anderson keine Bedeutung hat. "Natürlich ist es leichter, hallo zu sagen als good bye", räumt der 69-Jährige ein, der nahezu perfekt Deutsch spricht − wohl mit kanadisch-amerikanischem Akzent.

Vor drei Jahren, erzählt Anderson und lehnt sich konzentriert zurück am geschwungenen Intendantentisch, habe er darüber nachgedacht, andere Seiten seines Lebens kennenzulernen. Niemand hat es ihm nahegelegt. Im Gegenteil. "Ich bin insgesamt 32 Jahre Ballettdirektor. Das bedeutet Druck, Stress und sehr viel Verantwortung." Gleich nächste Woche geht er aufs Schiff und fährt durch die Fjorde von Norwegen. Er kann jetzt reisen, wohin er will, als Tourist. "Ich hatte überall auf der Welt mit Tanz zu tun. Habe so viele Städte gesehen, jeder Tag war von Training und Vorstellung bestimmt."

Sein Leben lang dachte Reid Anderson in Spielzeiten. Jetzt gibt es wieder Jahreszeiten. Klingt, als ob es dem Ballettdirektor mitunter zu viel war? Mitnichten, korrigiert Anderson. "Tanz ist mein Leben. Ich habe keine Hobbys. Nix." Die kommenden Monate sind bereits verplant. Anderson wird weiterhin Cranko-Werke einstudieren. Als nächstes in Essen, dann in Chile, in den USA und in Berlin.

Dieter Gräfe, der Erbe der Cranko-Lizenzen, und Anderson besitzen die Rechte für Crankos Choreographien. Und wachen streng über die Pflege der Ballette weltweit. Und so ist der Intendant immer beides gewesen: ein Hüter des Vermächtnisses des legendären Choreographen John Cranko, der das sogenannte Stuttgarter Ballettwunder in den späten 60er und 70er Jahren erst möglich gemacht hat. Und der Entdecker von Talenten, der Förderer von Tänzer- und Choreographenkarrieren. Mehr als 2000 Vorstellungen und 120 Uraufführungen lagen in Andersons Verantwortung. Denn Stuttgart, Hochburg des klassischen Tanzes, ist auch Plattform für Innovationen.

Immer noch schwebt Cranko wie ein Übergott über der Compagnie − und lässt Raum für Neues. Fragt man ihn nach dem Phänomen John Cranko, wird Reid Anderson ganz ernst. "Er bedeutet alles für mich. Ich bin mit 19 Jahren nach Stuttgart gekommen." Ein schüchterner, junger Mann. "Er hat mein Leben geprägt. Dieter war Johns Sekretär und lebte im selben Haus. Als wir ein Paar wurden, zogen wird dort ein."

Der junge Kanadier hat Cranko immer beim Choreographieren zugeschaut und viel gelernt. Es waren die Jahre von Marcia Haydée, John Neumeier, Jirí Kilián, Richard Cragun, Egon Madsen, Birgit Keil. "Eine Offenbarung." Aber auch davor in London, beim Royal Ballet, sieht Anderson absolute Tanzkoryphäen wie Margot Fonteyn, Rudolf Nurejev, Frederick Ashton. In diesem Milieu ist er Tänzer geworden. Und hat erfahren, was der Unterschied ist zwischen Können und "diesem magischen, überirdischen Ding", das Anderson Talent nennt.

"Ich habe einen Riecher, wenn jemand dieses Es hat." Hat er niemals daneben gegriffen, sich getäuscht? "O ja, aber Gott sei Dank nicht so oft, wie man meinen könnte, wenn man mit Hunderten Tänzern und Choreographen zu tun hat." Reid Anderson ist ehrlich und direkt − und bleibt freundlich, wenn er Mitarbeitern und Kollegen die Wahrheit sagen muss. Jetzt blickt er auf die Uhr und steht auf. Der nächste wartet. "Auf Wiedersehen und danke."


1949 in New Westminster, im kanadischen British Columbia, geboren, beginnt Reid Anderson seine Tanzausbildung in Burnaby. Mit 17 geht er als Stipendiat an die Royal Ballet School nach London, 1969 holt ihn John Cranko nach Stuttgart, wo er 1974 Solist und 1978 Erster Solist wird. 1987 wird er Direktor des Ballet British Columbia und 1989 Direktor des National Ballet of Canada. 1996 kehrt er als Intendant des Stuttgarter Balletts zurück. Um auch nach zwei Hüftoperationen fit zu bleiben, fährt der Frühaufsteher Anderson täglich morgens zu Hause eine Stunde Rad und macht strikt eine halbe Stunde Bodenübungen.

 

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