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Interview

Einst 340, heute 170 Kilo

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"Ich bin immer noch eine sehr dicke Frau", sagt Nicole Jäger. Die 33-Jährige weiß, was es heißt, übergewichtig zu sein. Gleichzeitig weiß sie aber auch, was es heißt, abzunehmen. 170 Kilo hat sie bereits verloren - von einst 340.

Von Stefanie Sapara
 Foto: nicht angegeben

Aus ihren Erfahrungen heraus hat sie ein Coaching für jene entwickelt, denen es ähnlich geht und das Buch "Die Fettlöserin" geschrieben. Nicht jeder, der abnehmen will, wolle sich schließlich von einer Frau in Größe 34 erklären lassen, wie es geht. Im Interview sprach Nicole Jäger offen über ihr Leben.

Frau Jäger, Ihr Gewichtsverlust erscheint unfassbar. Wie lange haben Sie gebraucht, um 170 Kilo zu verlieren?

Nicole Jäger: Ich bin im achten Jahr. Am Anfang habe ich sehr schnell sehr viel abgenommen, dann gab es Stillstände, ich habe Dummheiten gemacht und aus Ungeduld Eiweißshakes getrunken. Damit habe ich sehr viel ab- und danach sehr viel wieder zugenommen. Ich glaube, wenn man abnehmen will, ist das kein Durchmarsch.

Eine Möglichkeit, bei starkem Übergewicht Kilos zu verlieren, ist eine Magenverkleinerung. Das wollten Sie aber nicht.

Jäger: Ich dachte, das sei auch für mich die Lösung. Dann sagte ein Adipositas-Chirurg einen Satz, der mich bewogen hat, doch den Hintern hochzukriegen: Weniger als zwei Prozent der Menschen mit einem BMI über 45 - meiner war damals bei 111 - schaffen es, aus eigener Kraft abzunehmen. Das klang wenig, aber es schien nicht unmöglich. Ich hatte auch Angst vor der Operation und am Ende, und das ist das Ausschlaggebende, bin ich ein relativ cleveres Mädchen und weiß, dass Schokolade mehr Kalorien hat als Kohlrabi. Die Frage war: Warum setze ich das nicht um?

Haben Sie eine Antwort gefunden?

Jäger: Mein Magen ist nicht das Problem, sondern der Kopf, das Emotionale, die Psyche. Also war eine Operation am Magen nicht die Lösung. Außerdem sind die Langzeitfolgen von Adipositaschirurgie nicht unerheblich, oft kämpfen Menschen danach mit anderen Süchten wie Alkohol oder Depressionen, und daran sieht man einfach, dass das Problem auf einer anderen Ebene liegt. Bei mir auch. Niemand wird so schwer, nur, weil er den ganzen Tag nichts anderes zu tun hat, als zu essen. Da liegt ein großes emotionales Defizit vor. Deshalb wollte ich das Problem da angehen, wo man es angehen sollte: an der Wurzel. Ich musste also an mir selbst arbeiten.

Was war der erste Schritt und wie hat es schließlich geklappt, abzunehmen und auch das psychische Problem anzugehen?

Jäger: Natürlich hat sich einiges an meiner Ernährung geändert, und ich habe mich bewegt. Am Wichtigsten aber war der Mut, über das Gewicht zu sprechen und einzusehen, dass ich ein verdammtes Problem habe. Das war schwer. Niemand möchte von sich behaupten, versagt zu haben. Die ersten Schritte waren voller Angst und Schmerzen, aber es hat sich gelohnt. Am Anfang stand kein Erfolg, sondern Schonungslosigkeit. Ich glaube, dass das sehr heilsam ist. Das geht nicht über Nacht, ich arbeite noch heute an meiner psychischen Hygiene. Ich muss nicht ohne Macken sein, ich muss mit ihnen umgehen.

Nun ist ein soziales Leben mit einem solchen Gewicht kaum noch möglich. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie Ihre Wohnung kaum noch verlassen haben. Wie verlief Ihr Leben?

Jäger: Ich weiß nicht, ob man das noch als Leben bezeichnen kann. Ich hatte Schmerzen und zwar sobald ich wach war, vor allem im Rücken. Mein Universum reichte vom Schlafzimmer über das Bad bis zum Wohnzimmer. Man hat nicht mehr viel. Auch eine Ausbildung habe ich erst hinterher gemacht. Ich hatte Freunde, die hatte ich damals, und die habe ich heute noch, die kamen auch zu Besuch, aber ich selbst ging nicht mehr nach draußen. Dadurch passiert im Leben natürlich nicht allzu viel.

Wie haben die Menschen auf Sie reagiert?

Jäger: Fürchterlich. Ausschließlich negativ. Manchmal mitleidig, aber überwiegend feindselig. Man macht Übergewichtigen immer tierischen Druck, vermittelt, dass sie etwas ändern sollen, dass sie nicht genügen, dass sie Menschen vierter Klasse sind. Auch mancher Arzt glaubt, dass so ein bisschen Druck dem Übergewichtigen hilft, seinen Weg zu gehen. Das ist falsch. Das macht es immer nur schlimmer. Es erzeugt Stress, und essen ist ein Stressbewältigungsmechanismus. Die Menschen gehen nicht nach Hause und fangen die nächste Diät an. Und selbst wenn, ist das der falsche Weg. Mit Diäten scheitern sie, und danach fühlen sie sich wieder als Versager, gehen raus und werden wieder angegriffen. Das ist eine Abwärtsspirale. Eine, die ganz schwer zu durchbrechen ist.

Nun werden viele sagen: Hohes Gewicht, ja, Übergewicht, ja, aber 340 Kilo, wie konnte es bloß so weit kommen?

Jäger: Tja, sehr banal: mit Essen. Ich habe als Jugendliche Leistungssport gemacht, mir dann bei einem Trampolinunfall die Hüfte zertrümmert. Ich landete erst einmal im Rollstuhl. Das ist zwar nicht der Grund, aber da ging es rapide los mit dem Problem. Grundsätzlich ist es so: Ich bin esssüchtig, essgestört. Essen ist für mich die Antwort auf alles. Ich habe ständig Diäten gemacht, mir den Stoffwechsel zerstört, und schlichtweg gegessen, bis es weh tat. Essen ist eine Waffe. Ich habe Emotionen fast jeder Art mit Essen kompensiert. Mit viel Essen. Ich fühlte mich einsam und ungeliebt. Schon in meiner Jugend. Ich saß nicht eines Morgens im Bett und dachte: Huch, ich bin ja fett. Ich habe mit knapp 150 Kilo aufgehört, mich zu wiegen, und danach dachte ich - Achtung, das klingt wie bei jedem anderen Süchtigen auch: Ich kann ja jederzeit damit aufhören. Morgen fange ich an. Seit ich fünf war, war ich immer auf Diät. Ständig. Und wenn Sie das Gefühl haben, immer was zu machen und trotzdem übergewichtiger zu werden, dann wird es immer schwerer, da rauszukommen. Bei mir war es schließlich eine Mischung aus viel Selbstbetrug, einem Nicht-Erkennen der Lage und zu viel Stolz, um Hilfe anzunehmen. Das hat mich fast zugrunde gerichtet.

Heute arbeiten Sie als Ernährungscoach. Klingt ungewöhnlich.

Jäger: Ich habe mich damals sehr allein gefühlt, ich habe keine adäquate Hilfe gefunden. Und mir ist ja klar, wie das mit der Ernährung funktioniert. Einen Ernährungsberater, der einem sagt, was man essen darf, braucht niemand. Man muss für sich einen Umgang lernen mit der Thematik. Ich habe jemanden gebraucht, der mir in den Hintern tritt, mir sagt, wie es geht und mal Händchen hält, wenn es mies läuft. Deswegen dachte ich damals: Wenn ich es jemals so weit bringe, dann biete ich das den Leuten an. Ich erzähle meinen Klienten nicht, wie sie schnell abnehmen, sondern schaue: Wo sind deine Stärken, was kriegst du hin, was nicht, wie schaffen wir dein Ziel zu deinen Bedingungen am günstigsten. Es ist eher Motivationshilfe. Und nicht jeder will sich von einer Größe 34 sagen lassen, wie er erfolgreich abnimmt.

Wieso haben Sie das Buch geschrieben?

Jäger: Der Verlag kam auf mich zu und fragte. Ich dachte: Wer liest ein Buch über eine Fette, die über das Fettsein spricht? Aber schließlich ist es so: Man spricht immer nur über Übergewichtige, aber nie mit ihnen. Wir machen uns entweder lustig und beschimpfen oder wir bemitleiden, aber dazwischen gibt es nichts. Das Buch ist kein Abnehmratgeber, es ist meine Geschichte. Und es sagt deutlich, dass wir mit diesem Diäten-Quatsch aufhören sollten. Ich wollte schlichtweg allen, die die Hoffnung schon aufgegeben haben, zeigen: Tut das nicht. Es geht. Es gibt einen Weg. Und es ist okay, Fehler zu haben. Wir versuchen immer, uns gegenseitig die beste Version unserer selbst zu präsentieren. Wenn wir alle ein bisschen ehrlicher wären, dann wäre das nicht nur sympathischer, sondern würde auch den ganzen Druck rausnehmen. Deshalb das Buch: Um ehrlich über das Thema zu sprechen.

Nun geben Sie viele Tipps wie "Man muss mehr Energie verbrauchen, als man zu sich nimmt." Das dürfte jedem klar sein. Dennoch ist Ihr Buch aber sehr erfolgreich.

Jäger: Ich bin für die Menschen jemand, der beide Seiten kennt: Ich habe es zwar geschafft, 170 Kilo abzunehmen, aber ich bin mit 170 Kilo immer noch eine verdammt dicke Frau und sage: Ja, abnehmen geht, aber nicht mit Low-Carb, Detox oder sonst etwas. Ich glaube, das Buch kommt an, weil es ehrlich, schonungslos und lustig ist.

Wie essen Sie heute, von allem, in Maßen?

Jäger: Ja, genau. Ich bin nach wie vor essgestört. Einmal essgestört, immer essgestört. Ich kann extrem gut hungern und ich kann extrem gut viel essen, alles dazwischen ist schwierig. Ich esse regelmäßig, versuche, auch bei Stress keinen Quatsch zu essen. Ich esse halt nicht mehr zwei Pizzen, sondern eine. Und ich mache moderat Sport.

Was ist Ihr Zielgewicht?

Jäger: Schwierig. 125 wären ganz geil. Für meinen Ehrgeiz würde ich gerne mal die 99 auf der Waage sehen. Am Ende geht es mir darum, dass es mir gut geht. Dass ich ohne Probleme in den vierten Stock laufen kann. Und ich habe keine Lust mehr, mich zu fragen, ob das Auto groß genug ist oder zu denken: Oh mein Gott, da vorne kommt ein Drehkreuz. Ich bin immer noch eine sehr dicke Frau, und das würde ich gerne so weit regulieren, dass ich körperlich beschwerdefrei bin und eine gewisse Lebensqualität habe. Wenn der Punkt mit 150 Kilo kommt, bin ich zufrieden. Wenn er erst mit 90 Kilo kommt, ist das auch in Ordnung. Ich mache es für die Gesundheit und die Lebensqualität und nicht nur für die Zahl auf der Waage.

Sie bekommen viel positives Feedback, manche Menschen werfen Ihnen aber auch vor, es gäbe gar keine Beweise für Ihr Ausgangsgewicht.

Jäger: Selbst, wenn ich einen Stapel Fotos aus der Zeit hätte, würde ich sie nicht veröffentlichen. Meine Lieblingsforderung ist die nach Arztberichten. Geht es noch persönlicher? Das Foto mit dem höchsten Gewicht, das es von mir gibt, zeigt mich mit 280 Kilo. Das langt den Menschen aber nicht, nein, es müssen die 340 sein. Von der schlimmsten Phase meines Lebens. Ich wäre fast daran gestorben. Ich habe schon ein Buch darüber geschrieben, mit vielen Emotionen und Herzblut. Das muss reichen. Es gibt noch einen Privatbereich. Nur weil ich in die Öffentlichkeit gehe, heißt das nicht, dass ich öffentliches Gut bin.

Am 9. Mai kommen Sie mit Ihrem Programm "Ich darf das, ich bin selber dick" nach Neckarsulm, was erwartet uns?

Jäger: Es geht um Gesellschaft, Zwischenmenschlichkeit, Gewicht, auch darüber, wie es sich anfühlt, eine übergewichtige Frau zu sein. Es ist ein Rundumschlag. Ich lege meinen Finger in Wunden. Vor allem aber erwartet die Zuschauer viel Humor.

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