Eingebung an der Pissrinne: Andreas Maier liest im Literaturhaus
"Die Heimat" heißt Andreas Maiers neuer Roman, mit dem er seine Wetterau-Saga fortgeschrieben hat. Im historischen Längsschnitt blickt der Autor von den 70ern bis zu den 2000ern, sagt zugleich aber: "Meine Literatur dient nicht dazu, sich an irgendwas zu erinnern".

Nach dem elften Band ist Schluss, das steht für Andreas Maier eindeutig fest. "Das letzte Buch heißt ‚Der liebe Gott". Dann kann ja nichts mehr kommen", sagt der Schriftsteller aus der Wetterau bei Lesung und Gespräch am Freitagabend im Heilbronner Literaturhaus. Seit gut 15 Jahren schreibt Maier an seinem autofiktionalen Großprojekt "Ortsumgehung", nun ist der neunte Titel erschienen: "Die Heimat". Gewidmet hat ihn der Autor dem Filmemacher Edgar Reitz.
Ein Heimatroman also? Mitnichten, wie Andreas Maier klarstellt. "Ich finde das Wort bis heute absolut gefährlich." Vor allem, wenn es in einem apologetischen Sinn verwendet wird. "Ich erarbeite keinen Heimatbegriff", erklärt der selbstbewusst auftretende 55-Jährige sein literarisches Anliegen. Er möchte vielmehr rekonstruieren, warum sein Erzähler - "der teilweise deckungsgleich mit mir ist" - erst zu einer bestimmten Zeit seines Lebens beginnt, von Heimat zu sprechen.
Die Engführung von persönlicher Geschichte und bundesrepublikanischer Geschichte
Anfangend mit den Heimatvertriebenen und endend an der Pissrinne eines Forsthauses bei Bad Nauheim, wo dem fiktiven Andreas Maier das Wort Heimat zum ersten Mal "wirklich und ganz und wahrhaft" vor seinem inneren Auge erscheint, unternimmt der Autor eine Zeitreise von den Siebzigern bis in die Nuller Jahre. Und führt dabei die persönliche Geschichte seiner Hauptfigur und diejenige der Bundesrepublik Deutschland eng. Wobei es ihm nicht darum gehe, die Perspektive von früher einzunehmen oder sie zu korrigieren, sondern sie zu ihrem Recht kommen zu lassen, wie Maier im Gespräch mit einem kommentierfreudigen Moderator Jörg Magenau ausführt.
"Das meiste, das bei mir erzählt wird, wird nicht erzählt", sagt der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller, der sich im Verlauf des Abends einen gekühlten Weißen schmecken lässt. Und so handelt der jüngste Teil der Wetterau-Saga unter der Oberfläche auch von der totgeschwiegenen braunen Vergangenheit in Maiers Herkunftsort. Der studierte Philosoph, Germanist und Altphilologe zeichnet nach, wie Adolf Hitler und die Nazis dank Kino und Fernsehen medial immer präsenter werden. Beschreibt die Auswirkungen der US-Serie "Holocaust", des Dokumentarfilms "Nacht und Nebel" von Alain Resnais wie auch von Joachim Fests Doku "Hitler - Eine Karriere" und Oliver Hirschbiegels Spielfilm "Der Untergang".
Andreas Maier: "Ich denke kompositorisch"
Erzählerische Passagen stehen neben essayistischen. "Ich denke kompositorisch", erläutert Maier sein Handwerk und warum er mit dem Ernsten und Schlimmen sowie dem Vaudeville und Slapstick spielt. Eine Mischung, die er sich bei Charlie Chaplin abgeschaut hat, wie er sich überhaupt für die "Ortsumgehung" von den Autorenkollegen Arnold Stadler und Peter Kurzeck dazu inspiriert fühlte, über Herkunftszusammenhänge nachzudenken.
"Meine Literatur dient nicht dazu, sich an irgendwas zu erinnern", sagt Andreas Maier. "Ich will mein eigenes Ich in dieser Geschichte herstellen." Ein egozentrisches Unterfangen, möchte man meinen, aber auch ein Gewinn für den Leser.
Kommentare öffnen



Stimme.de
Kommentare