Ein Oscar-Gewinner für Ludwigsburg: Jan Pinkava ist neuer Leiter des Animationsinstituts an der Filmakademie
Ein Hauch von Hollywood weht durch Ludwigsburg. Jan Pinkava war Mitentwickler von "Ratatouille" und gewann mit dem Kurzfilm "Geri's Game" einen Oscar. Bei einem Treffen spricht er über seine Karriere und Künstliche Intelligenz in der Filmbranche.

Die Frage, ob sein Oscar mit nach Ludwigsburg gekommen ist, bringt Jan Pinkava zum Schmunzeln. "Natürlich. Aber er befindet sich bestimmt noch in irgendeiner Umzugskiste." Seit Mai ist der britisch-tschechische Animator, Regisseur und Drehbuchautor in der Stadt, seit Juni ist er der neue Leiter des Animationsinstituts der Filmakademie Baden-Württemberg. Für Pinkava sind die ersten Wochen eine Findungsphase, er möchte alles kennenlernen, hat nur wenig Freizeit. Für das Interview hat er an einem Nachmittag aber 45 Minuten.
"Alle sind so nett hier", sagt der 60-Jährige auf Englisch mit leichtem britischen Einschlag. Seine Sätze sind klar formuliert, nur selten rutscht ein "äh" oder "ähm" dazwischen. "Ich kenne die Filmakademie schon lange. Meiner Meinung nach ist es die beste Schule für Animation, die mir bekannt ist", erklärt Pinkava seine Intention nach Ludwigsburg zu kommen. Und auch die Akademie dürfte es freuen einen Oscar-Gewinner an der Spitze des Instituts zu haben. Bekannt und prämiert wird Pinkava unter anderem durch seinen Animationsfilm "Ratatouille", den er zusammen mit Brad Bird verantwortet und der 2007 einen Oscar gewinnt. 1998 wird er zudem für seinen Kurzfilm "Geri"s Game" mit einem Oscar ausgezeichnet.
Schon als Kind experimentiert Jan Pinkava mit Animationen
Pinkava wird in Prag als drittes von vier Kindern geboren. Sein Vater war Psychologe, seine Mutter Psychiaterin. "Ich stamme aus einer Familie von Seelenklempnern", scherzt Pinkava. Im Alter von zwölf Jahren bekommt er eine Super-8-Kamera zu Weihnachten - ein Geschenk, das ihn prägt. "Ich habe viele Kurzfilme gedreht. Alle um die drei Minuten, das war die Länge der Kassetten", erinnert sich Pinkava. "Schon damals habe ich mit Animationen experimentiert, habe als Jugendlicher mit meinen Filmen auch einige Wettbewerbe gewonnen." Was Animation so faszinierend macht? "Die unendlichen Möglichkeiten. Alles ist machbar, jede Idee ist umsetzbar. Besonders für die Fantasie eines Kindes ist das doch perfekt", versucht Pinkava eine Erklärung. Doch zunächst studiert er Informatik in Wales, arbeitet im Bereich der Computeranimation in einer Londoner Firma, die sich auf TV-Werbefilme spezialisiert hat.
1993 wechselt er zu Pixar, das damals noch kein Animationsstudio ist, Werbefilme dreht sowie Hard-und Software verkauft, aber schon erste Animationsspielfilme plant. Das Timing ist perfekt. 1997 bekommt Pinkava die Chance, einen animierten Kurzfilm zu machen. "Geri"s Game" gewinnt auf Anhieb einen Oscar. "Das hat viel verändert, mir viele Möglichkeiten eröffnet", sagt Pinkava. Als Animator arbeitet er danach an weiteren Pixar-Filmen wie "Das große Krabbeln", "Toy Story 2" und "Die Monster AG" mit.
Was Jan Pinkava an der Filmakademie vermitteln will
Im Jahr 2000 beginnt er als Regisseur mit der Arbeit an "Ratatouille", erarbeitet die Kerngeschichte und die Charaktere, wird 2005 aber durch Brad Bird auf dem Regiestuhl ersetzt. Kurz darauf verlässt er Pixar, 2008 erhält der Film einen Oscar. Ob er im Streit gegangen ist? Pinkava beantwortet diese Frage routiniert, diplomatisch, sie wurde ihm sicherlich schon häufiger gestellt. "Es gab kein böses Blut. Es passiert im Filmgeschäft oft, dass sich Dinge ändern."
Die Filmbranche ist stetig im Wandel, nicht nur durch neue Sehgewohnheiten, Streamingdienste, auch durch Künstliche Intelligenz. Ein Grund, warum gerade in Hollywood Autorinnen und Autoren wegen neuer Konkurrenz streiten. "KI verändert die Branche schon jetzt", sagt Pinkava, der Skepsis vor neuer Technologie nachvollziehen kann, aber ergänzt: "KI ist nur dann ein Risiko, wenn sie einen kontrolliert und diktiert. Mein Job am Animationsinstitut ist es auch, den Studierenden beizubringen, wie man die neue Technologie klug und bedacht einsetzt." Man bewege sich dauerhaft im Spannungsfeld zwischen Kunst und aktueller Technologie.
Pinkava geht es, wie er sagt, darum, Menschen nicht nur beruflich, sondern auch menschlich weiterzuentwickeln. Er möchte weitergeben, das Publikum nicht aus den Augen zu verlieren. "Als Filmemacher hat man eine Verantwortung. Gerade gegenüber einem jungen Publikum, das offen für die Welt ist. Ich sage das den Filmstudierenden regelmäßig: Euer Werk kann jemandem viel bedeuten, ihn prägen, ein wichtiger Teil seines Lebens sein." Jan Pinkava selbst will das Filmemachen übrigens nicht aufgeben. Oder anders formuliert: "Ich bin immer offen für kreative Herausforderungen."
Zur Person
Jan Pinkava wurde am 21. Juni 1963 in Prag geboren. Nach dem Einmarsch des Warschauer Paktes 1968 emigrierte die Familie aus der Tschechoslowakei nach England. Pinkava studierte Informatik an der Aberystwyth University in Wales und schloss sein Studium mit der Promotion ab. 1993 zog er in die USA und begann, in den Pixar Animation Studios zu arbeiten. Bei dem Kurzfilm "Geri"s Game" aus dem Jahr 1997 schrieb Pinkava das Drehbuch und führte die Regie. Der Film gewann 1998 einen Oscar in der Kategorie Bester animierter Kurzfilm. Auch der von ihm mitentwickelte Film "Ratatouille" gewann einen Oscar. Jan Pinkava ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Söhne.
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