Die Wirklichkeit im Paradoxen: Theater Heilbronn zeigt Dürrenmatts "Die Physiker"
Warum die Tragikomödie "Die Physiker" des Schweizer Dramatikers Friedrich Dürrenmatt heute so erschreckend aktuell ist: Axel Vornam inszeniert den modernen Klassiker, der in einer Irrenanstalt spielt, im Großen Haus des Heilbronner Theaters.

Was heißt schon verrückt. Geistig verwirrt? Auffallend und unkonventionell? Wer aus der Spur ist, sich neben dem bewegt, was als gesellschaftliche Norm gilt, ist im Wortsinn ver-rückt. Das ermöglicht den besonderen Blick auf die Dinge. Und dient mitunter der Tarnung. Diese Art des Fremdschauens ist ein Prinzip der Kunst, wie sie Friedrich Dürrenmatt in seinem Bühnenstück "Die Physiker" auf die Spitze treibt.
Geschrieben 1961 während des Kalten Kriegs unter dem Label der Komödie, uraufgeführt 1962, als die Kubakrise die Welt an den Rand eines Atomkrieges katapultiert, verhandelt das Drama die Frage nach der Ethik der Wissenschaft.
"Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden"
Ein Stück von "ungeheuerlicher Aktualität", sagt Axel Vornam. Sentenzen wie "Das Denkbare wird gedacht" oder "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden" sitzen heute wie vor 60 Jahren. "Was da auf uns zuläuft mit den Möglichkeiten der Gentechnik und der Künstlichen Intelligenz", spricht Vornam die Ambivalenz des Fortschritts an, "könnte dazu führen, dass die Welt irgendwann ohne uns auskommt."
Bemerkenswert, so Vornam, der den Dürrenmatt-Klassiker im Großen Haus des Heilbronner Theaters inszeniert, sind auch die 21 Punkte zu "Die Physiker", die der Autor als Anhang formuliert hat: Gedanken wie "Was alle angeht, können nur alle lösen" und "Im Paradoxen erscheint die Wirklichkeit".
Wie mit wissenschaftlichen Errungenschaften umgehen
Die Parallelen zur Gegenwart sind frappant. Nicht von ungefähr, führt Vornam weiter aus, mahnen Experten wie der auf KI spezialisierte Informatiker Stuart Russell, sich der Frage zu stellen, wie wir mit wissenschaftlichen Errungenschaften umgehen.
Dabei fangen "Die Physiker" wie eine klassische Krimikomödie an. Ein Mord geschieht, verdächtigt werden die Insassen einer Irrenanstalt, die aufgrund ihres Geisteszustands nicht zur Rechenschaft gezogen werden können. "Das sind sehr komische Konstellationen. Dürrenmatt spielt mit den Elementen der Komödie, setzt auf Situationskomik, um dem Stück dann eine Wendung ins Bitterböse zu geben und die Konsequenzen aufzuzeigen von Handeln und nicht Handeln." Auch heute, sagt Axel Vornam, "fragt man sich mehr denn je, welche Chancen Politik noch hat, einzugreifen".
Der eine behauptet Einstein zu sein, der andere Newton
Auch wenn Bühnenbildner Tom Musch dem Setting den verstaubten Charme der 60er Jahre verleiht, das Stück mit all seinen paradoxen Volten klingt verblüffend gegenwärtig. Die Geschichte: Die titelgebenden Physiker geben sich als Geisteskranke aus und leben als Patienten in einer privaten psychiatrischen Klinik. Der eine behauptet, Albert Einstein zu sein, der andere hält sich für Isaac Newton.
Johann Wilhelm Möbius schließlich hat die sogenannte Weltformel entdeckt, die, gerät sie in falsche Hände, das Potenzial zur Vernichtung der Menschheit birgt. Möbius behauptet, König Salomo sei ihm erschienen, um sich unglaubwürdig zu machen. Newton und Einstein indes sind Agenten rivalisierender Geheimdienste und haben sich ins Irrenhaus nur einweisen lassen, um an Möbius" Erkenntnisse zu gelangen.
Die Chefärztin glaubt, König Salomon habe sie geschickt
Da sie um ihre jeweiligen Geheimnisse fürchten, bringen die drei Physiker ihre Krankenschwestern um. Als die Polizei zu ermitteln beginnt, vernichtet Möbius seine Formel. Doch hat die Nervenärztin und Besitzerin der Klinik, Mathilde von Zahnd, bereits sämtliche Aufzeichnungen kopiert. Sie, die Chefärztin, glaubt in der Tat, im Auftrag König Salomos zu handeln und will mithilfe der Formel die Weltherrschaft erringen.
"Die schlimmstmögliche Wendung, die eine Geschichte nehmen kann, ist die Wendung in die Komödie", hat Dürrenmatt gesagt. Darüber lässt es sich trefflich nachdenken. Und auch über die schlichte Wahrheit, die der Autor dem Kernphysiker Möbius in den Mund legt: dass die Erde der einzige dem Menschen zur Verfügung stehende Lebensraum ist. Jeder vernünftige Zeitgenosse wird das unterschreiben.
"Die Physiker": Komödie von Friedrich Dürrenmatt
Premiere: Samstag, 19.30 Uhr
Regie: Axel Vornam
Bühne: Tom Musch, Kostüme: Toto
Mit Sabine Unger, Stefan Eichberg, Gabriel Kemmether, Oliver Firit u.a.
Der Dramatiker: Friedrich Reinhold Dürrenmatt, 1921 in Stalden im Emmental geboren, 1990 in Neuenburg gestorben, war nicht nur Schriftsteller und Dramatiker, sondern auch Maler. Dürrenmatt wollte eine Ausbildung zum Kunstmaler machen, studierte dann aber ab 1941 Philosophie, Naturwissenschaften und Germanistik an den Universitäten in Bern und Zürich. In Bern wohnte er bei seinen Eltern in einer Mansarde, die er mit Wandbildern ausstattete, die später übertüncht und erst Anfang der 90er Jahre entdeckt, freigelegt und restauriert wurden. Dürrenmatt schrieb Prosa ("Der Richter und sein Henker"), Hörspiele und Theaterstücke ("Der Besuch der alten Dame") und eine Dramentheorie.
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