Die Selbstzweifel des alten weißen Mannes: Arnold Stadler im Literaturhaus Heilbronn
Büchner-Preisträger und bekennender Oberschwabe: Arnold Stadler liest im Literaturhaus Heilbronn und gibt Auskunft über die Befindlichkeiten eines Autors, der in die Jahre kommt – und trotz alledem das Leben bejaht.

Drei Dinge gibt der Moderator des Abends dem Publikum im ausverkauften Literaturhaus nach eineinhalb Stunden noch mit: Dass er, Christoph Schröder, nach der Lektüre des jüngsten Romans von Arnold Stadler gelernt hat, was ein Infinity Pool ist, dass "Irgendwo. Aber am Meer" nicht das traurigste Buch Stadlers ist. Und, dass er als "weißer Mann in spe" froh ist, "dass du noch ich sagst". Mit "du" ist Stadler gemeint, man kennt sich. Zuvor hat auch Heilbronns Literaturhauschef Anton Knittel seinen "Freund" Arnold begrüßt. Eine Art Heimspiel, schließlich haben beide die Schule in Meßkirch besucht, wenngleich mit einem Abstand von neun Klassen.
Dass er aus Oberschwaben stammt, daraus macht Arnold Stadler nicht nur keinen Hehl. Es scheint für Leben und Werk - das bei dem Büchner- und Kleist-Preisträger schwer zu trennen ist - konstituierend existenziell. Sonst wäre dem Bauernsohn und einstigem Priesterseminaristen das Meer nicht die größte aller irdischen Möglichkeiten. Eine Art Stellvertreter Gottes auf Erden, wie er auf die Frage eines Besuchers, der eigens aus Hagen angereist ist, antwortet. Um dann in Arnold Stadlerscher Manier abzuschweifen und zu mäandern, warum er etwa das Wort "spüren" e-kel-haft - jede Silbe des Worts betont er einzeln - findet. Anders als "Verlangen" und "Sehnsucht".
Beim Entwickeln der Gedanken zusehen
Das Verlangen, auf Fragen zu antworten, die nicht gestellt werden, teilt Arnold Stadler mit seinem Ich-Erzähler aus "Irgendwo. Aber am Meer" (S. Fischer, 224 Seiten, 24 Euro). Man könnte auch sagen, dass man Stadler beim Entwickeln der Gedanken während des Sprechens zuschauen kann. Und es schwer fällt, zu unterscheiden, was dabei Manier ist und was die Natur des Autors. Wie es überhaupt schwierig ist und dabei reizvoll, das Vexierspiel aus lyrischem Ich, Autofiktion und Person zu durchschauen.
Arnold Stadler hat eine Meisterschaft darin entwickelt, sich weniger um den Plot zu kümmern denn um das, was er "Vogelscheuchensätze" nennt, und beim Erzählen Volten zu schlagen, voll Lakonie und Selbstironie. Das mit der Selbstironie und den Selbstzweifeln, die Stadler kultiviert wie ein Hochbeet, ist der Kunstgriff, der es erlaubt, zu sagen, die Klischees er bediene, würden diese auch gleich wieder unterlaufen. Was Stadler im aktuellen Roman auch in extenso betreibt.
"Das reinste Altmännergeschwätz"
Der Handlungsrahmen: Ein Schriftsteller ist eingeladen zu den Westerwalder Kulturtagen und reist mit der Bahn von Tuttlingen, wo er seinen alten Dacia geparkt hat, nach Schloss Sayn. Die Lesung wird zum Fiasko, im anschließenden "Talk" redet er sich um Kopf und Kragen, "das ist ja das reinste Altmännergeschwätz" ruft eine ältere Dame.
Um "Heimat" sollte es gehen, und dann wird er zur Energiewende gefragt und den im Mittelmeer ertrinkenden Flüchtlingen, und steht plötzlich Greta Thunberg im Raum. Als Idee und Menetekel, an dem sich der Autor, dessen Shampoo tatsächlich "Silberglanz" heißt, nicht nur während der Rückfahrt im Zug abarbeitet, als er über die Vergänglichkeit des Individuums reflektiert.
Wie jedes Jahr nach Griechenland
Eine nachgerade traumatische Lesereise, nach der der Autor nach Griechenland flieht. Wie jedes Jahr auf die Insel Lefkada mit Blick auf die Nachbarinsel Ithaka, der Heimat von Odysseus, dem Ahnherren aller Irrwege mit listigem Verstand. Eine tragikomische Selbsterkundung, ein bisschen larmoyant und doch humorvoll bis brüllend komisch.
Stadler stellt die insgesamt sechs Kapitel vor: "Sayn", "Auf dem Weg zum Hauptfriedhof", "Wanderer, kommst du nach Ithaka", "Kyriaki anoichta - Sundays open. Stopp bei Lidl", "Infinitypool mit Ithakablick", schließlich "Auf der Asterion II oder Irgendwo. Aber am Meer". Dann liest er die ersten Seiten, wie sein lyrisches Ich vor dem Frankfurter Hauptbahnhof auf einen Obdachlosen stößt, später wird er aus "Stopp bei Lidl" lesen, "weil ich hier in Heilbronn bin". Und schließlich den Schluss von der Ankunft dieses alten Mannes, "der noch ich sagte".
Keine hohlen Statements
Stadler lässt sich Zeit, man hört zu, nimmt ihm ab, dass das keine hohlen Statements sind, Sätze wie "In Katar starben jeden Tag, auch am Tag, als ich auf meinem Lidl-Mäuerchen saß und von außen vielleicht so aussah, als wartete ich immer noch auf das Leben und dabei eine Zigarette rauchte, Menschen". Oder "Was war der Mensch? Diese Frage war die Antwort". Dabei versteht er sich als "Jasager", bekennt Stadler, als "Bejaher" des Lebens, dem ein "Ich weiß es nicht" fruchtbarer ist als ein Nein.
Zur Person: 1954 in Meßkirch geboren, wuchs Arnold Stadler im 500-Seelen-Ort Rast zwischen Bodensee und Donau auf. Der Schriftsteller, Essayist und Übersetzer erhielt 1999 den Georg-Büchner-Preis. Stadler studierte in München und Rom Katholische Theologie und Germanistik in Freiburg, Köln und Bonn und promovierte zum Thema "Das Buch der Psalmen und die deutschsprachige Lyrik des 20. Jahrhunderts". Nach langen Reisen nach Südamerika und in den Nahen und Fernen Osten, machte Stadler in den 80er Jahren das Schreiben zu seinem Beruf. Er lebt in Rast, Sallahn und in Berlin.
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