Der Mann, der mit den Worten spielt
Neckarsulm - Glücklichmacher: Al Jarreau & Band im Audi-Forum.

Neckarsulm - Wenn es einer wissen muss, wie eine Show zu einer guten Show wird, dann doch unser Mann aus Los Angeles. "Mit einem Erdbeben solltest Du anfangen, Junge", predigten schon die alten Hollywoodianer bei ihm um die Ecke. "Und dann solltest Du Dich tunlichst langsam steigern."
Alwyn Lopez Jarreau, Freunde nennen ihn Al, und wer wollte nicht sein Freund sein, ist die goldene Regel in Fleisch und Blut übergegangen. Ein Erdbeben könnt ihr bekommen, liebe Freunde. Da basteln wir ein bisschen am Programm, setzen die gängige Konzertdramaturgie auf den Kopf und fangen einfach einmal mit meinen größten Hits an.
Damit ich mich schon mal eingrooven kann, gewiss, aber auch damit ihr, liebes Publikum, gut 500 Fans haben den Weg ins Audi-Forum gefunden, schon einmal eure Stimmbänder in Schwung bringt, wenn die Church of Al Jarreau schon einmal zum Hochamt einlädt. Dann macht er wirklich Ernst und fängt mit seinen größten Hits an, mit jenen Songs, die in den 80er Jahren im Radio hoch- und runter gedudelt wurden. "L is for Lover" etwa oder "Mornin", jene zuckersüße Titelmelodie aus "Das Model und der Schnüffler", die ihm damals beinahe seinen doch guten Ruf als Jazzer gekostet hätte.
Damit hat Al, der Vielfältige, der in Laufe seiner langen Karriere in gleich in drei Kategorien (Pop, Jazz und R'n'B) sieben Grammys abgeräumt hat, aber auch schon seine Pop-Schuldigkeit getan, und der Scat-Sänger Al Jarreau kann sich dem Eigentlichen widmen.
Kein Ghetto-Getue Ein bisschen Jazz möchte er unters Volk bringen, ein klein wenig unspektakulären Rhythm'n'Blues, der bei ihm ohne Ghetto-Getue auskommt.
Er hatte nun einmal keine Ghetto-Kindheit. Und lächerlich wirken würde es obendrein. Nein, Al Jarreau gibt den Gentleman-Gastgeber mit dem samtenen Timbre, dem es um das Wohlbefinden seiner Gäste geht, der kommuniziert, lacht, schäkert, der flirtet. Der an den denkbar unpassendsten Stellen schon einmal ein "Schaffe, schaffe Häusle baue" unterbringt,der mit den Worten spielt und so abtastet, was sie wohl bedeuten mögen.
Silbenverdreher
Was soll er schon machen, sie klingen halt so hübsch. Wenn er auch nicht mehr so scattet wie in alten Zeiten, ein ganzes Orchester imitiert er längst nicht mehr − Jarreau ist 73 und nach langer Krankheit just genesen −, ein genialer Silbenverdreher und Wortakrobat ist er immer noch.
Für den Rest, da hat er schließlich seine Hausband, die ihn trägt. Den Saxofonisten und Arrangeur Joe Turano etwa, den Quincy-Jones-Mann Larry Summers am Klavier oder den jungen Bassisten und Ziehsohn Chris Walker, der den R'n'B-Part übernimmt. Al Jarreau ist für das große Ganze zuständig, er ist der Mastermind, der aus dem Beatles-Song "She"s leaving Home" ein abgründiges Drama bastelt, der Paul Desmonds "Take Five" auch in der tausendsten Variation etwas Neues abgewinnt.
Am Schluss sind sie wieder auf der Bühne vereint, Al Jarreau und seine Mannen, die einmal mehr einen köstlich-kitschigen Backgroundchor abgeben. Sie sind die Glücklichmacher, sie dürfen das.
Stimme.de
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