Das Gewicht der Farbe
Gemälde von Hans Rentschler im Güglinger Rathaus

Güglingen - Setzt Hans Rentschler bei Rot- und Blautönen minimale Farbabweichungen gegeneinander, schichtet er Pink auf Orangerot, verdünnt an einer Stelle, spachtelt die Farbe in teigiger Konsistenz an einer anderen, spielt er beim Schwarz mit Matt- und Glanzeffekt.
Intensität
Gleich vier neue, für das lichtdurchflutete Atrium des Güglinger Rathauses gemalte Bilder strotzen vor Intensität in Rot und Schwarz. Irritierend unfarbig hingegen der über drei Quadratmeter große Zweiteiler im Treppenaufgang. Auf den ersten Blick ein rein schwarzer Block auf weißer Leinwand, lässt er entlang der lotrechten Spiegelachse nur bei einem besonderen Blickwinkel den lackschwarzen Schriftzug „rot“ vor der mattschwarzen Fläche aufglänzen.
Die großzügig angelegte Ausstellung zeigt 30 Bilder, Acryl auf Leinwand sowie Tusche und Gouache auf Karton; bis auf zwei Ausnahmen sind alle Bilder „Ohne Titel“. Ein deutlicher Appell an die interpretatorischen Fähigkeiten der Betrachter und ein Verweis, dass es eine eindeutige Lesart für Rentschler nicht gibt. Diese „Öffnungen in eine imaginäre Sphäre“, wie der 74-jährige Künstler es nennt, sind für die einen ein Fenster mit Blick in die Ferne, andere sehen darin ein Bühnenportal und vermuten im geheimnisvollen Farbspiel Dramatisches.
Zweigleisigkeit
Manches bleibt in der Schwebe. So lässt sich vor den Bildern trefflich diskutieren, ob das dunkle Gebilde vor hellblauem Grund ein Flugkörper im All oder eher die Silhouette eines Stierkopfes sein könnte.
„Ich bin eigentlich immer zweigleisig gefahren“ sagt Rentschler, der ein Jahr in München Kunst studiert, bevor er sich für den Brotberuf Ingenieur entscheidet. Nach 30 Jahren Berufstätigkeit widmet er sich freischaffend der Kunst. Der Göppinger mit Atelier in Salach bekommt ein Amerika-Stipendium und kann auf viele Einzelausstellungen - unter anderem in Berlin und Kalifornien - zurückblicken.
Hin und wieder wird er als Vertreter des Informel oder des Action Painting angesehen. Nicht zu Unrecht, denn Rentschler pinselt nicht an der Staffelei, vielmehr bearbeitet er seine Malgründe auf dem Boden oder einer Arbeitsfläche liegend. Auch wenn keine Tropfspuren à la Jackson Pollock zu sehen sind, spürt man die Schwerkraft als Komplizen, der seiner Farbe zusätzliches Gewicht gibt.
Die Ausstellung von Hans Rentschler im Rathaus Güglingen dauert noch bis 14. Dezember.
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