"Das Dschungelbuch" im Stadttheater Heilbronn
Premiere von Kiplings "Das Dschungelbuch" im Großen Haus des Stadttheaters in der Regie von Jens Kerbel.

Die Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen und die Erfahrung mit einer exotischen Welt mögen Rudyard Kipling zu einem der Klassiker der Kinderliteratur inspiriert haben: "Das Dschungelbuch", das mehr als 120 Jahre alt ist. Aber wer ist der Exot, wenn ein Menschenjunge unter Wölfen im Dschungel aufwächst?
Um Zugehörigkeit, Freundschaft, Feindschaft und Freiheit kreist das Weihnachtsstück des Heilbronner Stadttheaters, eine Geschichte für die ganze Familie, die gestern im Großen Haus begeisterten Premierenapplaus auslöste. Und die weitere 46 Mal Kindergartengruppen und Schulklassen bezaubern möchte. Auf 75 Minuten konzentriert Regisseur Jens Kerbel diese Parabel vom Erwachsenwerden, die Grundsätzliches so verhandelt, dass Eltern und Begleiter schmunzeln. Zumal Respekt vor dem anderen keine Frage des Alters ist.
Dass eine Wölfin Muttergefühle hegt und es menschlich ist, Tränen zu weinen, sind zwei Erkenntnisse, zwischen denen locker vom Hocker die Abenteuer des kleinen Mowgli verhandelt werden. Baloo, der Bär (Marek Egert), der als Erzähler fungiert, Mowgli (Giulia Weis), Bagheera, der Panther (Anjo Czernich), Shere Khan, der Tiger (Hannes Rittig), Rakscha, die Wölfin (Stella Goritzki) und Akela, der Wolf (Lucas Janson): Das gesamte Personal aus Kiplings Welterfolg ist dabei, auch die Elefanten, King Louis (Rittig), der Affenkönig, und die Schlange Kaa (Goritzki). Das gut aufgelegte Ensemble schlüpft in verschiedene Rollen, lässt keine Hänger zu und hält das junge Publikum bei Laune.
Stephan Ohm hat für die Heilbronner Inszenierung nach der Bühnenfassung von Frank Pinkus Songs komponiert und Ausstatter Toto einen wunderbar plakativen Dschungel entworfen mit Palmen, Höhlen und Affentempel: eine kurzweilige Produktion ohne Zuckerguss mit poetischen Momenten und Augenzwinkern. Ein wenig Interaktion muss sein, so bindet der gutmütige Baloo das Publikum mit ein. Ein Teil soll zischen wie eine Schlange, ein weiterer trompeten wie ein Elefant, andere angeben wie die Affen und brüllen wie ein Tiger. Kerbels Regie springt den Zuschauer nicht an, hebt keinen Zeigefinger, erlaubt sich aber gewitzten Zeitgeist.
Da ist Stella Goritzkis aufgeklärte Wölfin, die ihrem Wolfsgatten klar macht, wo es lang geht. Als vom vergorenen Kokos-Drink angeschickerte Schlange legt Goritzki ihre Verführungskräfte an den Tag. Egerts Baloo schmollt wie Obelix ("Ich bin nicht dick"), wenn er von Giulia Weis" entwaffnend forschem Mowgli aufgezogen wird. Und Shere Khan trägt Punkfrisur, ist aber ein zahnloser Tiger, dessen Reißverschluss klemmt, wenn er die Jacke aufreißt, um die anderen mit seinem Tiger-T-Shirt einzuschüchtern.
Mowgli legt mit Baloo ein Tänzchen hin, twistet unerschrocken, entkommt brenzligen Situationen, um schließlich zu seinen Menschen zurückzukehren. Ende gut, alles gut? "Das Dschungelbuch" geht weiter, kündigen Mowglis Freunde an. Zumindest bis Januar.
Der Autor
Der britische Schriftsteller Joseph Rudyard Kipling wurde 1865 in Bombay geboren und starb 1936 in London. Seine bekanntesten Werke sind "Das Dschungelbuch" und der Roman "Kim". Er schrieb Gedichte und zahlreiche Kurzgeschichten. Seine Kinderbücher gehören zu Klassikern des Genres. 1907 erhielt er mit knapp 42 Jahren als erster englischsprachiger Autor den Literaturnobelpreis, den Rekord als jüngster Preisträger hält er bis heute. Die Erhebung in den Adelsstand lehnte Kipling ab.
Weitere Vorstellungen: www.theater-heilbronn.de
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