Björn Both von Santiano: "Wir machen uns selbst ein wenig Druck"
Nach mehr als zehn Jahren Bandgeschichte und fünf Nummer-eins-Alben hat die Band Santiano nun die Best-Of-CD "Die Sehnsucht ist mein Steuermann" veröffentlicht. Ein Gespräch mit Sänger Björn Both über Sehnsucht und den CO2-Fußabdruck auf Tour.

Herr Both, wann hatten Sie zuletzt Sehnsucht?
Björn Both: Eigentlich genau in diesem Moment. Nach dem Meer, danach, die Pinne in der Hand zu haben und segeln zu gehen. Diese Sehnsucht habe ich fast immer, wenn ich an Land rumeiere. Sie ist ein süßes Weh, gepaart mit der Gewissheit, dass ich bald wieder raus aufs Wasser komme.
"Die Sehnsucht ist mein Steuermann" heißt nach zehn Jahren Bandgeschichte das Best-Of-Album von Santiano. Wie viel Druck verspürt man nach fünf Studioalben, die alle auf Platz eins der Charts landeten?
Both: Zunächst einmal bin ich ein schlechter Verlierer. Und bei uns kommt da irgendwann ein sportiver Gedanke auf, und wir machen uns selbst ein wenig Druck. Das ist aber keine Verbissenheit, dafür sind wir ein wenig zu alt. Es ist wie abends beim Fußballspielen. Man versucht, sich nicht die Knochen zu brechen, aber geht das Ganze mit einer gewissen Ernsthaftigkeit an.
Die Freiheit taucht in Texten von Santiano immer wieder auf. Da der Begriff ja inzwischen fast inflationär benutzt wird, beispielsweise auf den Montagsdemonstrationen: Wie würden Sie Freiheit definieren?
Both: Eine wichtige Frage ist, ob es eine Freiheit gibt, die man ganz für sich alleine hat. Ist Freiheit, wenn man sie korrekt denkt, nicht immer an Verantwortung gekoppelt? Früher habe ich global gedacht, wenn es um fehlende Freiheit und Rechtsstaatlichkeit geht. Seit der Corona-Pandemie betrifft das auch Deutschland, politisch und gesellschaftlich. Es gibt viele Menschen, die Freiheit mit anderen Dingen verwechseln. Die den Begriff vor sich hertragen und vergessen, dass wir aufeinander achten müssen. Meine persönliche Freiheit ist nicht unantastbar, vor allem, wenn dadurch die Freiheit meines Nachbarn eingeschränkt oder gedeckelt wird.
Rechtsstaatliche Demokratien haben es generell schwerer.
Both: Ja, aber nicht nur, weil sie von außen angegriffen werden. Sondern, weil sie auch von innen zersetzt, ausgehöhlt und der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Zum Glück sieht das unsere Gesellschaft mehrheitlich noch anders. Aber ich frage mich manchmal schon, wie wir einige Menschen wieder zurückbekommen sollen, die den Respekt und die Akzeptanz vor diesem System verloren haben. Man sollte die Demokratie zu schätzen wissen. Da wird über den Staat geflucht, aber er soll schön alles bereit halten, was man braucht. Das ist eine Kundenmentalität. Freiheit entwickelt ihre größte Kraft, wenn sie nicht da ist. Das sehen wir gerade im Iran. Deshalb müssen wir verstehen, dass wenn die Freiheit da ist, sie sehr zerbrechlich ist.
Ein zweites großes Anliegen der Band ist der Umgang der Menschheit mit den Meeren und dem ganzen Planeten. Mit Blick auf die Klimaziele und der oft halbgaren Umsetzung: Sind wir überhaupt noch zu retten?
Both: Ich habe einen Ort in mir für den Pessimisten, für den Misanthropen, den Zyniker. Aber so zu sein, tut mir über kurz oder lang nicht gut. Klar sind wir in vielem inkonsequent in der Umsetzung, da wird einem mulmig. Aber ich klammere mich dann lieber an die Menschen, an Organisationen und NGOs, die für ein besseres Morgen kämpfen. Vielleicht ist das unangebrachte Zuversicht. Aber lieber Hoffnung haben, die am Ende nichts nützt, als jetzt schon kapitulieren.
Man sollte ja auch immer auf sich selbst schauen. Santiano sind mit opulenter Bühnenshow auf Tournee. Machen Sie sich als Band Gedanken über den CO2-Fußbadruck?
Both: Sehr sogar, denn dabei geht es um Glaubwürdigkeit. Wir haben für die Tour umfangreiches Datenmaterial erhoben. Und beispielsweise die Menschen gefragt, auf welchen Wegen sie zu den Konzerten kommen. Es gibt Fans, die nach Stuttgart fahren, weil sie in Leipzig keine Karten mehr bekommen haben. Wir schauen konstant, was wir besser machen können. Die Konzertbranche hat dabei noch eine Menge zu tun. Und wir sind nicht mehr mit elf Trucks unterwegs, sondern nur noch mit sieben.
Sie sind dem Norden stark verbunden. Als Botschafter des Plattdeutschen setzen Sie sich dafür ein, dass die Sprache nicht verschwindet.
Both: Plattdeutsch war lange Zeit verpönt, wurde als bäuerlich und ländlich abgetan. Inzwischen haben viele die Liebe zu dieser Sprache wiederentdeckt. Es gibt Initiativen an Schulen und Unis, um die Sprache aufrechtzuerhalten. Ich bin quasi zweisprachig aufgewachsen, mit dem Plattdeutsch des Vaters und dem Hochdeutsch meiner Mutter. Man kann damit auch unglaublich schön fluchen. Wenn man so etwas auf Hochdeutsch sagt, hat man sofort keine Freunde mehr, auf Plattdeutsch gehst du abends wieder gemeinsam ein Bier trinken.
Das schönste Wort auf Plattdeutsch?
Both: Kommood. Das könnte man mit "sich geborgen fühlen" übersetzen. Wir benutzen Plattdeutsch auf Tour auch ab und zu als Geheimsprache, wenn wir unter Leuten etwas besprechen wollen (lacht).
Bandgeschichte und Konzert
Santiano gründete sich im Jahr 2011 in Schleswig-Holstein. Alle fünf Alben der Band landeten auf Platz eins der Deutschen Charts. Beim Echo Pop wurde Santiano vier Mal als beste Gruppe in der Sparte volkstümliche Musik ausgezeichnet. 2023 geht das Quintett wieder auf Tournee. Am Samstag, 10. Juni, spielt die Band dann auch ein Konzert im Schlossgarten in Bruchsal. Karten für den Auftritt gibt es ab 67 Euro in den Geschäftsstellen der Heilbronner Stimme und bei allen bekannten Vorverkaufsstellen.
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