Angelika Bartsch spielt erstmals im Heilbronner Theater
Bekannt aus Fernsehen, Film und von der Bühne: Angelika Bartsch spielt erstmals im Theater ihrer Heimatstadt. Zurück in der alten Heimat, stellt Bartsch fest, Heilbronn hat sich gemacht.

"Angelika, kennsch me nimmer." Nein, sie kennt die Person nicht mehr. "Das passiert mir gerade ständig", sagt Angelika Bartsch: Dass sie auf der Straße angesprochen wird, wenn sie nach all den Jahren durch ihre Heimatstadt geht.
In der Regel nämlich besucht die aus Fernsehen und Film bekannte Schauspielerin, die in Hamburg lebt, ihre Mutter in Sontheim und den Bruder in Lauffen.
Die Neckarpromenade hat sich gemacht, staunt Bartsch
Nun aber lebt sie auf Zeit mitten in der Stadt, in einer vom Theater angemieteten Wohnung. Wie ihr Heilbronn vorkommt? "Strange, very strange", sagt sie und meint das nicht abwertend. Die Neckarpromenade, wie sie es nennt, hat sich gemacht, staunt Bartsch. Richtig schicki micki.
Wirklich Zeit zum Promenieren hat Angelika Bartsch während der Endproben zu "Die Dreigroschenoper" nicht, der tägliche Gang ist der zum Theater. In dem Schauspiel von Bert Brecht mit Musik von Kurt Weill spielt sie die Celia Peachum, die Frau des Bettlerkönigs, Premiere ist am 16. März im Großen Haus. Warum es die erfolgreiche Fernsehfrau irritiert, so vertraulich angesprochen zu werden? "Ich komme seit 40 Jahren zu denen ins Wohnzimmer. Ich aber habe deren Altwerden nicht mitbekommen."
Peinlich berührt, wenn Fremde sie grüßen
Und so ist Angelika Bartsch, die 1959 in Heilbronn geboren wurde und mit 18 Jahren ging, um in Bochum Schauspiel zu studieren, mitunter peinlich berührt, wenn ein ehemaliger Mitschüler vom JKG, dem Justinus-Kerner-Gymnasium, auf sie zukommt. Oder fremde Menschen sie überschwänglich grüßen, die wohl wie sie in der Neckarhalde einst Sommernachmittage verbrachten.
Mit der Zeit ist das so eine Sache. Konnte sie einst nicht schnell genug vergehen, damit Angelika Bartsch endlich volljährig wurde, um auf die Schauspielschule zu dürfen, ist es heute nicht zu fassen, wie die Zeit fliegt. "Zeit ist ein Geschenk, das man sich zu nehmen lernen muss." "Als junger Mensch weiß man gar nicht, was es bedeutet, zu sagen, ich bin jetzt ein Jahr in München und drehe ,Rote Erde"", erinnert sie sich an die frühen 80er Jahre.
Es gab nur Theater und Kino, Zadek und Fassbinder
Damals gab es einen Aufschrei, wenn jemand wie sie vom Theater kommt und eine TV-Serie dreht. "Es gab nur Theater und Kino, Peter Zadek und Werner Fassbinder. Das waren die großen Ziele. Meine Vorbilder waren das nicht."
Mit dem Strom ist Angelika Bartsch nie geschwommen. "Warum ich Schauspielerin werden wollte, das war wegen Charlotte Rampling." In der Donnerstagsfilmreihe des Jugendclubs Heilbronn in den 70er Jahren hat Bartsch Rampling in Luchino Viscontis Politdrama "Die Verdammten" gesehen und in Liliana Cavanis "Der Nachtportier", der damals einen Skandal auslöste.
Aus ihrer Gaffenberg-Zeit kennt sie Harry Mergel
"Was die sich traut", beeindruckt Rampling Angelika Bartsch, die nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zur Erzieherin macht und Tante wird auf dem Gaffenberg - und darauf wartet, älter zu werden und Schauspielerin. Aus ihrer Gaffenberg-Freizeit kennt sie Harry Mergel und weiß um dessen Karriere vom Oberonkel zum Oberbürgermeister von Heilbronn. 2017 wird Angelika Bartsch zum Hasenmahl eingeladen, ihre Tischnachbarin ist Schauspielkollegin Sibel Kekilli, ebenfalls gebürtige Heilbronnerin. Als Aushängeschild der Stadt lassen sich beide nicht vereinnahmen.
Nach Stationen in Bochum, Düsseldorf, München, Wuppertal, Karlsruhe und anderswo lebt Angelika Bartsch, deren Mails gern mit dem Gruß Ahoi enden, wieder in Hamburg. "Weil es die schönste Stadt in Deutschland ist, städtebaulich und mental. Da lässt man mich einfach leben." Dabei hat sie erfahren, dass Hamburger wie Heilbronner ähnlich bockig sein können. Mit beiden müsste man erst einen Sack Salz fressen, so ein geflügelter Spruch über die Hamburger, bevor man mit ihnen warm wird. "Dann aber hält es fürs Leben."
"Da kann man nicht nein sagen"
Dass sie nun erstmals in ihrer Geburtsstadt auf der Bühne steht, ist Zufall und auch wieder nicht. Heiko Lippmann, den musikalischen Leiter der "Dreigroschenoper", kennt sie von den Domfestspielen Gandersheim, inzwischen ist Lippmann bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall.
Als das Theater Heilbronn im Oktober bei Angelika Bartsch anruft, schießen ihr mehrere runde Daten durch den Kopf. "Meine Mutter wurde 90, ich werde im Mai 60, bin im 40. Berufsjahr und habe dann drei Mal die Rolle der Peachum gespielt, einmal davon in Heilbronn: Da kann man nicht nein sagen."
Für Brecht wird Angelika Bartsch immer wieder angefragt. Ein Grund mag sein, kokettiert sie, dass ihr Sopran, in dem sie einst an der städtischen Musikschule im Deutschhof unterrichtet wurde, längst der Tonlage Bassbariton gewichen ist. "Anscheinend bin ich der herbe Typ, der Brecht-Figuren spielen kann. Was nicht heißt, dass Brecht mein Lieblingsautor ist."
Zur Person: 1959 in Heilbronn geboren, studiert Angelika Bartsch von 1977 bis 1981 an der Schauspielschule Bochum. Im Film, Fernsehen und auf Bühnen gleichermaßen erfolgreich, versteht sie ihre Arbeit als "Mischkalkulation". Seit 2013 ist Bartsch in der ZDF-Krimiserie "Heldt" als Rechtsmedizinerin Dr. Hanna Holle zu sehen. Die Mutter einer Tochter und einer Enkeltochter lebt in Hamburg.
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