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Jagsthausen

Ab und zu was Schweinernes: Premiere der Tragikomödie "Indien" in Jagsthausen

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Wenn die Komödie ins Melodram kippt: Die Burgfestspiele Jagsthausen weihen ihre neue Spielstätte Burggraben ein mit der kammertheatralischen Groteske "Indien" über zwei Hotel- und Gastronomieprüfer in der niederösterreichischen Provinz.

Typisch österreichisch und dem Kartenspiel Sechsundsechzig verwandt: Schnapsen mit Bösel (rechts: Jeff Zach) und Fellner (Dan Glazer).
Typisch österreichisch und dem Kartenspiel Sechsundsechzig verwandt: Schnapsen mit Bösel (rechts: Jeff Zach) und Fellner (Dan Glazer).  Foto: Burgfestspiele Jagsthausen

In der Wirtshausphilosophie soll ja eine tiefere Wahrheit liegen. Der bierselige Blick in die Abgründe des Biedermanns, dessen Zunge mit jedem Glas lockerer wird. Zumal das Gasthaus auch der Ort ist, wo sich Männerfreundschaften bilden im Dreiklang von saufen, streiten, sich versöhnen.

Mit dem Theaterstück "Indien" ist dem österreichischen Autorenduo Alfred Dorfer und Josef Hader 1991 solch ein ätzender Einblick gelungen. Zugespitzt derb und mit dem die beiden Kabarettisten so auszeichnenden Händchen für den banalen Horror, der da heißt: unglückliche Liebe und Tod.

Der Burggraben als charmante Bühne für kleine Formate

In der Regie von Eva Hosemann und mit zwei Österreichern in der Rolle zweier Wirtschaftsprüfer im Außendienst haben die Burgfestspiele Jagsthausen ihre neue Spielstätte eingeweiht: den Burggraben als charmante Bühne für kleine Formate mit Platz für 123 Personen auf der Tribüne.

Indien ist Sehnsuchtsland von Kurt Fellner (Dan Glazer), der im Auftrag des niederösterreichischen Fremdenverkehrsamtes in Hotels und Gaststätten Klobürsten, Duschen und sich zu Stolperfallen aufrollende Bodenbeläge kontrolliert und beanstandet. Ein smarter Aufsteigertyp, der seiner Freundin zu Weihnachten einen Mixer schenkt, unablässig spricht, klugscheißert und das Testen der Schnitzel Kollege Heinzi Bösel (Jeff Zach) überlässt. Der wiederum verkostet stoisch schweigsam Paniertes, spült Bier hinterher, während Fellner höchstens eine Fanta trinkt.

Die Tragödie des einsamen Mannes

Als Bösel sich den Magen verdorben hat, springt er ein. Soll nicht gesund sein. Doch alle zwei Jahre gönnt sich Fellner ein Schnitzerl, dann aber muss es vom Schweinernen sein. Kurzum, ein ungleiches Paar, das die Tragödie des einsamen Mannes verbindet. Die Bühne (Line Sexauer) für diese kammertheatralische Groteske: Tisch, Stühle, rot-weiß karierte Decke, an der Wand hängen "Kurier" und "Der Standard" im Zeitungshalter, stilisierte Wände, eine Tür, ein Fenster.

"Das ist lustig, heute ist der 5., und wir sind im fünften Gasthaus." Der hyperkorrekte Fellner mahnt zum Aufbruch. Kirchdorf, die nächste Station, wartet. Eine echte Tour de Force, aber auch Reise zu sich selbst, auf der die beiden Freundschaft schließen. Dann kippt die Komödie ins Melodram. Bei Fellner wird Krebs diagnostiziert.

Auch im Krankenhaus geht es erst einmal schwarzhumorig weiter, unter der zuversichtlichen Oberfläche brodelt es. "Warum ich, warum nicht du, du Sau?" hadert Glazers Fellner dann doch mit dem Schicksal und erweist sich Zachs anfangs krachend ungehobelter Bösel als rührend unbeholfener Gemütsmensch. Im Grunde wird von Anfang an das Gemütsleben der zwei Außendienstler verhandelt und die Situationskomik, die sich daraus ergibt.

Philosophiert wird immer wieder übers Essen, wie das so ist im Wirtshaus. Fellner stellt Betrachtungen an zum Verhältnis Essen und Landschaft, bringt Japan ins Spiel und Indien, wo die Menschen "überhaupt nur Reis essen, auf der Straße sitzen und dabei lachen, auch wenn manche verhungern". Mit Reis kann man Bösel nicht kommen, wie er sowieso kein Beilagenesser ist und ihm zum Frühstück ein Kaffee und eine Schnitzelsemmel genügen.

Politisch unkorrekt munter dampfplaudern

Haders und Dorfers "Indien" liefert die Vorlage, die ungerührt in die Eiterbeulen des kleinen Mannes stößt und politisch unkorrekt munter dampfplaudern lässt. In der Rolle des Wirts - später auch als wortkarger Arzt und Priester - darf Frank Roder fürs Publikum im Burggraben Kraftausdrücke übersetzen.

Da geht es um ein Gschnas - Kostümfest -, bei dem sich Fellner als Rüssel verkleidet hat, wird hackln als arbeiten, tupfen als vögeln und Flaxn als zähes Fleischstück erklärt. Und erfährt "Indien" seine vieldeutige Qualität und Tragikomik durch im besten Sinne penetranten Wortwitz.

Kurzes Schlucken, viel Applaus

Wenn Fellner und Bösel weiterziehen, zieht der Wirt den Tisch ein Stück nach rechts über die Bühne, deckt frisch ein, neue Gaststube. Bis der Tisch zum Krankenbett mutiert und nach eineinhalb Stunden André Hellers Version von Eric Claptons "Tears in Heaven" erklingt. Kurzes Schlucken, viel Applaus. Schade, dass "Indien" nur vier weitere Male zu sehen und schade, dass die Gastronomie im Park der Götzenburg nach der Premiere geschlossen ist.

Weitere Vorstellungen: 27. Juni, 13./23. Juli, 23. August, 18 Uhr.

Die Autoren: In ihrem Theaterstück "Indien" (1991) bilden Alfred Dorfer und Josef Hader dem exotischen Titel zum Trotz tiefstes Österreich ab. Dorfer, 1961 in Wien geboren, setzte sich in seiner Diplomarbeit "Kabarett und Totalitarismus" mit dem Nationalsozialismus und der DDR auseinander. Der Kabarettist Hader, 1962 in Waldhausen im Strudengau geboren, trug als Hauptdarsteller und Drehbuchautor zum Erfolg österreichischer Filmproduktionen bei.

 

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