Neue Stuttgarter Bibliothek wird eröffnet
Stuttgart - Die Fassade des Betonwürfels ist zumindest gewöhnungsbedürftig. In ihrem Inneren bietet die neue Stuttgarter Stadtbibliothek aber architektonischen Glanz. Besucher erwartet eine ganz medienferne Überraschung. Nach drei Jahren Bauzeit wird das Gebäude am Freitag eröffnet.
Stuttgart - Ein Museum, ein Tempel? „Es ist ein Ort der Stille, der Entschleunigung.“ So beschreibt Ingrid Bussmann das „Herz“ der neuen Stuttgarter Stadtbibliothek. Eine fahlweiße, quadratische Halle mit einem Maß von 14 Metern in Höhe, Breite und Tiefe ist einer der architektonischen Clous des achtstöckigen Würfel-Baus für 79 Millionen Euro. Kein Buch steht hier, kein Gemälde lenkt ab, einsam ist ein kleines Wasserspiel in den Boden eingelassen. Medienflut? Nein, danke!
Der Koreaner Eun Young Yi hat das in seiner Ästhetik umstrittene Gebäude aus Beton und Glasbausteinen entworfen. Nach drei Jahren Bauzeit wird eine der größten kommunalen Bibliotheken Deutschlands am Freitag eröffnet.
„Bücherknast“ und „Stammheim II“
Die anfänglich deutliche Kritik an dem Bau - Spötter sprachen vom „Bücherknast“ und „Stammheim II“ - habe nachgelassen, sagt Direktorin Bussmann. „In letzter Zeit haben viele Leute das Haus mit großer Begeisterung wieder verlassen“. Noch sind es vor allem Handwerker, eigenes Personal und Umzugshelfer, die den Würfel bereits von innen kennen. Unmittelbar vor dem Eröffnungswochenende sind immer noch etliche Meter von den insgesamt 1,5 Kilometer langen Regalen ohne Buch.
Der Umzug von insgesamt 460.000 Medien aus der alten Stadt- und Musikbibliothek sei binnen weniger Wochen erledigt gewesen. Aber die Koordination des Bucheinräumens mit den letzten Bauarbeiten habe Kraft gekostet.
Der Würfel verdrängt spätestens mit dem Blick in den lichten „Galeriesaal“ jeden Gedanken an eine verstaubte Einrichtung. „Die kommunalen Bibliotheken sind Bildungspartner auf Augenhöhe geworden“, sagt die 62-jährige Chefin. Bücher in 25 Sprachen, Tageszeitungen in 18 Sprachen sollen in einer Stadt mit einem der bundesweit höchsten Ausländeranteile ein ausdrückliches Integrationssignal sein. Die Besucher können sich mehr als 100 Laptops und Netbooks ausleihen und im Haus kabellos an ihrem Lieblingsplatz surfen und arbeiten. Das Leihgeschäft werde zurückgehen, meint Bussmann. Bibliotheken wie diese würden zum Ort der Begegnung, des Wissensaustauschs, des Flanierens.
Auf der Sonnenseite der Leih-Literatur
Mit einem aktuellen Ankauf- und Aufbauetat von 1,5 Millionen Euro sind die Stuttgarter auf der Sonnenseite der Leih-Literatur. In anderen Kommunen könnten die Büchereien von solchen Etats nur träumen, sagt die Geschäftsführerin des Deutschen Bibliotheksverbands (dbv), Barbara Schleihagen. Immer wieder müssten „Bücherpaten“ einspringen, die Medien finanzieren und zur Verfügung stellen. Etwa die Hälfte der Bibliotheken müsse bundesweit trotz Kürzungen über die Runden kommen.
Knapp 11.000 öffentliche Bibliotheken verteilen sich übers Land. Die Zahl der Besuche ist im vergangenen Jahr leicht gestiegen - auf 205 Millionen inklusive der wissenschaftlichen Einrichtungen.
Attraktive Gebäude tragen nach dbv-Erfahrungen allenthalben zu teils deutlich verbessertem Zuspruch bei. Eine Anpassung an modernes Nutzungsverhalten sei der andere Ansatz, die kommunale Bücherei im 21. Jahrhundert zu betreiben, sagt Schleihagen. So nehmen 300 Bibliotheken an einem E-Book-Versuch teil. Nutzer können sich Inhalte von zu Hause aus herunterladen. Stuttgart setzt zumindest in der Eröffnungswoche dagegen noch auf klassische Vermittlung: Literaturnobelpreisträger Günter Grass spricht über „Grimms Wörter“.

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