Die Scorpions in Ludwigsburg: Alte Liebe rostet nicht
Nach all den Jahrzehnten zeigen die Scorpions vor 9000 Zuschauern im Schlosshof Ludwigsburg, warum sie noch immer die größte Rockband Deutschlands sind. Mit Hits am laufenden Band machen sie den Freitagabend zu einem fulminanten Konzertabend.
Wenn im Facebook-Messenger ein Video aufpoppt, das ein paar Meilen Highway in Virginia zeigt, dann nur, weil im Radio gerade ein wohlbekanntes Lied läuft. Das Lied, das auch der Taxifahrer in Memphis für die deutschen Fahrgäste auflegt und eben jenes, das auch der Barkeeper in Phnom Penh abspielt, nachdem er gemerkt hat, dass er ein Bier an einen Deutschen ausgibt.
Es gibt nur ein deutsches Stück, das weltweit jeder kennt und es ist der Song, der am Freitagabend beim Scorpions-Konzert im Ludwigsburger Schlosshof von den 9000 am lautesten mitgesungen wird: „Wind Of Change“.
"Wind of change" hat es hierzulande nicht leicht
28 Jahre alt inzwischen und hierzulande immer gerne belächelt. Wieso? Vielleicht, weil sich die Deutschen schwer damit tun, dass ihre Landsmänner aus Hannover mit englischen Texten so erfolgreich sind. Vielleicht, weil so mancher zwar gerne Rockmusik hört, aber schon aus Prinzip gegen einen Radiohit ist.
Dabei sind die Scorpions die mit Abstand erfolgreichste deutsche Rockband, dabei sind sie in aller Welt gerne gesehene Botschafter, dabei begeistern sie auch noch heute. Dabei gäbe es eine Band wie Kadavar, die am Freitagabend das Vorprogramm bestreiten, nicht ohne die Scorpions. Metallica übrigens auch nicht.
Die Scorpions sind Senioren geworden, viele Fans ebenso
Die Scorpions, das ist eine Band, die nach wie vor begeistert. Oft sind ihre Konzerte ein Treffen der Generationen, nach mehr als einem halben Jahrhundert haben sie ihre alten Fans und inzwischen auch neue dazubekommen. In Ludwigsburg allerdings dominieren die Senioren. Die Musiker sind um die 70 Jahre alt, die Zuhörer kaum jünger. Aber Rocker im Rentneralter zeigen halt vor allem eines: Sie können was. Sie können vor allem mehr als viele junge Bands.
Die Band spielt ein gut eineinhalbstündiges Programm ohne Pause und manches hat sich in all den Jahren nicht geändert. Gitarrist Rudolf Schenker, der den Laufsteg immer wieder vor und zurück rennt, Sänger Klaus Meine, der das Publikum singen lässt zu „Big City Nights“ - eine Konstante, die seit 1985 im Programm ist.
Die Umarmungen und verdrückten Tränen zu „Still Loving You“. Das schönste Lied über eine unglückliche Liebe. Die Scorpions haben Damian Salazar dabei, einen argentinischen Gitarristen, der ihre Musik so toll nachgespielt hat, dass sie ihn einfach mal nach Ludwigsburg gebracht haben. Einen Nachwuchsmusiker bei einem der erfolgreichsten Stücke der Band vorne auf die Bühne zu stellen, zeugt von Größe.
Ein Hit nach dem anderen
Ein Hurricane sind die fünf Scorpions nicht mehr so ganz, alles geht ein wenig zurückhaltender als früher. Die Hitze allerdings scheint ihnen nichts auszumachen. Da stehen eben Profis auf der Bühne. Aber während der durchschnittliche Rentner am Freitagabend aufm Sofa vorm Fernseher liegt, hauen die Rocker einen Hit nach dem anderen raus.
„Tease Me, Please Me“, ebenfalls von 1990, „Blackout“ (1982) und „Speedy’s Coming“ (1974) im 70er-Jahre-Medley. Musikalisch gibt es nichts zu kritteln, was den Sound angeht auch nichts und sonst: ebenso nichts. 7
Erinnerungen an vergangene Jahrzehnte
Ganz im Gegenteil, es gibt Grund zum Erinnern. An die erste große Liebe, an die 1980er und 90er-Jahre bei Mikkey Dees Schlagzeugsolo. Wäre der Hair-Metal nicht erfunden, es wäre jetzt Zeit dafür. Es ist wie früher und wer schwelgt nicht gerne in Erinnerungen? Ein besonderes Stück Erinnerung gibt es mit „Overkill“ von Motörhead, Mikkey Dees ehemaliger Band.
Es ist übrigens ein Scorpions-Video, in dem der Autor dieser Zeilen einen drei Sekunden langen Gastauftritt hat. Als 15-Jähriger mit halbem Gewicht und langen Haaren, also nicht wirklich erkennbar. Dieses Wochenende hat sich endlich
die Erkenntnis durchgesetzt, dass jetzt zumindest mal die Band genannt werden muss. Bisher haben meine Freunde mich nämlich noch immer nicht gefunden, dabei gibt es gar keinen Grund, sich zu verstecken.

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