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Zehn Jahre Boxx Theater Heilbronn
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Kinder bloß nicht unterschätzen

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Das Junge Theater am Stadttheater Heilbronn feiert zehn Jahre Boxx und beschwört die Kraft der Fantasie und Gedankenfreiheit. Warum kulturelle Bildung so wichtig für unsere Demokratie ist.

Kinder- und Jugendtheater? Eine Investition in die Zukunft. Nicole Buhr (links) im Gespräch mit Axel Vornam und Kulturbürgermeisterin Agnes Christner.
Kinder- und Jugendtheater? Eine Investition in die Zukunft. Nicole Buhr (links) im Gespräch mit Axel Vornam und Kulturbürgermeisterin Agnes Christner.  Foto: Ralf Seidel

Fantasie ist keine Zeitverschwendung. Sie hilft, soziale Rollen zu erproben und Probleme zu lösen. Ein Leben lang. Eine Eigenschaft also, die nicht früh genug gefördert und gefordert werden kann. Etwa im Theater. Und weil Kinder, Jugendliche und Erwachsene bekanntlich anders ticken, gibt es auch am Heilbronner Theater eine eigene Sparte Junges Theater.

Nicht, dass es davor kein Kinder- und Jugendtheater gab. Seit zehn Jahren allerdings – eigentlich seit knapp elf, doch war vergangenen Herbst keine Zeit, offiziell zu feiern – hat es eine eigene Spielstätte. Aus den Kammerspielen wurde die Boxx. Dort wurde das kleine Jubiläum jetzt nachgeholt, mit Freunden, Wegbegleitern, dem Team, dem vierköpfigen Ensemble. Und mit Kindern und Lehrern von Partnerschulen, um vom vielseitigen Engagement zu erzählen über die reinen Vorstellungen in der Boxx hinaus.

Ein Freiraum für junge Menschen

Es muss während seines Urlaubs gewesen sein, irgendwo am Meer, als Intendant Axel Vornam die Idee kam, dem Jungen Theater einen festen Platz zu geben und die Theaterpädagogik auszubauen. Als Investition in die Zukunft, wozu es neben den städtischen Zuschüssen weiterer Unterstützer und Sponsoren bedarf. Wie essenziell Fantasie und Gedankenfreiheit für Kinder und junge Erwachsene sind auf ihrem Weg zu mündigen und mutigen Bürgerinnen und Bürgern, schwingt bei dieser launigen Feierrunde mit. Und wie wichtig solch ein Freiraum ist, der vor keinem Thema zurückweicht.

Zur Erinnerung: Von 2014 bis 2016 leitet Stefan Schletter das Junge Theater, auf ihn folgt Bianca Sue Henne, 2018 übernimmt Annette Kuß die künstlerische Leitung. Seit bald vier Jahren nun ist Nicole Buhr Boxx-Chefin. Munter führt sie durchs Programm, ein Potpourri aus lockeren Erklärstücken, was die Arbeit ihres Teams ausmacht, aus szenischen Momenten mit Schülerinnen und Schülern sowie Mitgliedern der vier Spielclubs. Zum Finale schließlich, ein rasanter Querschnitt aus Inszenierungen der laufenden Spielzeit, ein fliegender Wechsel und Body-Switch, empfehlen sich die vier quicklebendigen Ensemble-Mitglieder Cosima Fischlein, Max Lamperti, Magdalena Lehnen und Chris Carsten Rohmann.

Theaterpädagoginnen sind keine Basteltanten

Der Abend gerät zur Reise in den Alltag des Jungen Theaters. Der besteht aus Vorstellungen, überwiegend am Vormittag, aus Workshops mit den beiden Theaterpädagoginnen Natascha Mundt und Simone Endres, aus Schulbesuchen und Klassenzimmerstücken, aus Nachgesprächen und der Arbeit in den vier Spielclubs für unterschiedliche Altersstufen. Aktueller Stand: zwischen neun und 77 Jahren. Nein, Theaterpädagoginnen sind keine „Basteltanten“. In einem improvisierten Workshop mit Kindern und Freiwilligen aus dem Publikum demonstrieren sie, wie in einem „bewertungsfreien Raum“ mittels Assoziationen Geschichten im Kopf entstehen. Ebenfalls fester Bestandteil ihres Alltags: Nachgespräche im Anschluss an die Vorstellungen.

Steter Tropfen höhlt den Stein. Seit 2014 ist die Zahl der Kooperationsschulen kontinuierlich gestiegen. 39 sind es inzwischen und eine Kinderganztagesstätte. Was in der Natur der Sache liegt: Im Theater für junges Publikum stellen sich die Macher die Frage, ob sie als Erwachsene wirklich wissen, was Kinder und Jugendliche bewegt. Oberstes Gebot: Kinder nicht unterschätzen, auch junge Menschen mögen sich für Franz Kafka interessieren.

Das Junge Theater als mobile Einsatzgruppe

„Wir kommen nicht mit Wahrheiten in die Schulen“, sagt Simone Endres. Vergangenes Jahr hat das Team der Boxx erstmals und gemeinsam mit der Autorin Christina Kettering und dem dritten Jahrgang der Hölderlin-Grundschule Lauffen in Schreibwerkstätten ein Theaterstück entwickelt. Gäbe es das Junge Theater Heilbronn nicht, man müsste es erfinden: als mobile Einsatztruppe innerhalb und außerhalb des Hauses.  Die Bandbreite des Spielplans? Reicht von Sven Nordqvists „Pettersson und Findus“ über die „Geschichte eines Nein“ von der Schwierigkeit, Grenzen zu setzen von Annalisa Arione und Dario hin zu Thomas Manns Novelle „Mario und der Zauberer“ und mehr.

Politische Dimension: Dass das Junge Theater Heilbronn keine Freiwilligkeitsleistung ist, kein bloßes „nice to have“, darin sind sich Intendant Axel Vornam und Kulturbürgermeisterin Agnes Christner einig beim Gespräch in der Boxx zum zehnjährigen Bestehen der Spielstätte, die aus den Kammerspielen hervorgegangen ist. Dazu gehöre auch die mit den Jahren sukzessiv ausgebaute Theaterpädagogik als Teil der kulturellen Bildung, die für eine Demokratie wesentlich ist. „Eine Investition in die Zukunft“, so Vornam. „Nichts, worauf eine Stadt verzichten kann“, so Christner. 

Auf Nachfrage bereiten die Pädagoginnen im Vorfeld auf den Theaterbesuch vor. Die positive Resonanz spricht für sich. Dass schlussendlich nicht jeder Schüler immer freiwillig in einer Vorstellung sitzt, gehört auch dazu. Für die Schauspieler ist es die fordernde Ausnahme, wenn gefühlt ein Drittel plötzlich aufsteht, um eine zu rauchen.

Wie im spielerischen Umgang Assoziationen frei gesetzt werden und Geschichten im Kopf entstehen: Theaterpädagoginnen, Schauspieler, Kinder und Freiwillige aus dem Publikum improvisieren einen Workshop in der Boxx.
Wie im spielerischen Umgang Assoziationen frei gesetzt werden und Geschichten im Kopf entstehen: Theaterpädagoginnen, Schauspieler, Kinder und Freiwillige aus dem Publikum improvisieren einen Workshop in der Boxx.  Foto: Ralf Seidel
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