Anne-Sophie Mutter, 1963 in Rheinfelden geboren, wurde aufgrund ihrer hohen Begabung von der Schulpflicht entbunden. 1977 debütierte sie bei den Salzburger Pfingstfestspielen unter der Leitung von Herbert von Karajan. Anschließende Konzerte und Einspielungen mit den Berliner Philharmonikern unter Karajan verhalfen zu internationaler Bekanntheit. Mutter konzertiert weltweit mit namhaften Dirigenten, Orchestern und Kammermusikpartnern. Mutter war zwei Mal verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in München.
Keine Diva, eine Autorität
Die Virtuosität einer Ausnahme-Musikerin: Anne-Sophie Mutter spielt erstmals mit den Würth Philharmonikern in Künzelsau. Was das Konzert so besonders macht und wie auch Jan Josef Liefers gefällt.

Dass Anne-Sophie Mutter alles spielen kann auf atemberaubendem Niveau, hat sie in fünf Jahrzehnten immer wieder bewiesen. Allein 34 Kompositionen hat sie uraufgeführt, den klassischen Kanon beherrscht sie sowieso. Und doch scheint es ihr ein Werk besonders angetan zu haben: das so meisterlich raffinierte Konzert für Violine und Orchester in D-Dur von Peter Tschaikowsky. Es ist das einzige Violinkonzert des russischen Komponisten und einer der meistgespielten Violinkonzerte überhaupt.Wer Anne-Sophie Mutter nun im Carmen-Würth-Forum erlebt hat, wird verstehen, warum.
Maximal disziplinierte Leidenschaft, bis in die letzten Ränge greifbar
In Künzelsau ist die Geigerin schon mehrmals aufgetreten, erstmals arbeitet sie mit den Würth Philharmonikern unter Dirigent Claudio Vandelli zusammen. Tschaikowskys Violinkonzert dürfte Mutter verinnerlicht haben, seit sie es 1988 live bei den Salzburger Festspielen unter Herbert von Karajan eingespielt hat. Mannigfache Erfahrung ist dazu gekommen, hier gibt die Künstlerin das Werk mit maximal disziplinierter Leidenschaft und einer fesselnden Virtuosität, die bis in die letzten Ränge greifbar ist. Dieses Violinkonzert wird Anne-Sophie Mutter auch mit dem London Philharmonic Orchestra in London aufführen und auf der sich anschließenden Tournee durch Europa.
Der Andrang im Carmen-Würth-Forum ist groß am Samstag: 638 ausverkaufte Plätze und damit 100 mehr als sonst, dank der erweiterten Bestuhlung. Auch der Gast, der zuerst auftritt, hat seine Fans. Jan Josef Liefers, Münsteraner „Tatort“-Freunde kennen ihn als knochentrocken-zynischen Rechtsmediziner Boerne. Doch ist der Schauspieler auch Regisseur, Musiker und ein gefragter Sprecher. Als Erzähler in Sergei Prokofjews „Peter und der Wolf“ thront Liefers in einem Sessel neben dem Dirigenten und nimmt mit auf die poetisch-musikalisch-dramatische Reise, was passieren kann, wenn Tierwelt und Menschen aufeinandertreffen.
Die Klarinette schleicht als Katze umher
Das „sinfonische Märchen für Kinder“, so nannte es Prokofjew, lieben auch Erwachsene, wenn sie sich verzaubern lassen von einer Orchestermusik, die illustrativ ist wie kaum ein Werk. Jede Figur wird durch ein oder mehrere Instrumente charakterisiert. Die Streicher tragen Peter durch die Handlung, sein Freund, der Vogel, tiriliert in der hohen Lage der Querflöte, die Oboe gibt die Ente. Die Klarinette schleicht als Katze umher, das Fagott brummt wie Peters missmutiger Großvater. Die Hörner markieren den Wolf, Trompeten signalisieren die Jäger, die Pauke reißt mit wie Gewehrsalven. Und das alles so lautmalerisch und munter intensiv unter Vandellis beiläufig beschwörendem Dirigat, fast ein Unterstatement.
Im Wechsel mit Liefers’ sonorer, leicht ironischer Stimme des allwissenden Erzählers entwickelt sich die klassische Märchenstruktur bis zur musikalischen Auflösung im Triumphzug. Ein veritabler Showdown, mit Begeisterung entlässt das Publikum Jan Josef Liefers und das Orchester in die Pause.
Ohne große Geste dominiert Anne-Sophie Mutter die Szene
Eine gute halbe Stunde später: Anne-Sophie Mutter tritt auf die Bühne. Keine Diva, eine Autorität mit bedingungsloser Präsenz ist zu erleben, eine gleichermaßen souveräne wie virtuose Geigerin, die – ohne große Geste – die Szene dominiert. Zu beobachten, wie ihr das gelingt, ist aufschlussreich. Mutters Konzentration auch und gerade zwischen den Einsätzen scheint sich auf das Orchester zu übertragen. Mit minimaler Körperdrehung wendet sie sich wechselnd den Musikern zu, als wollte sie ihnen durch eine Handbewegung oder den bloßen Blick kardinale Stellen nahelegen.
Das musikalische Verständnis dieser Künstlerin muss allumfassend sein. Wurde die Uraufführung von Tschaikowskys Violinkonzert – wahrscheinlich 1881 in Wien – von Publikum und Kritik enthusiastisch gefeiert, gab es auch eine Stimme, die ätzte, im Finale werde die Geige gezaust und gerissen. Weder zaust noch reißt Anne-Sophie Mutter ihr Instrument, setzt es vielmehr technisch und emotional so differenziert ein, dass man ewig zuhören möchte.
Zugabe als Gebet und Erinnerung an Marion Würth
Auf die einleitend fließende Orchestermelodie folgt die Solovioline im lyrischen Mittelsatz, auf Poesie und Sehnsucht das im besten Sinne schroff dramatische Finale. Am Ende gibt es Ovationen für diese Künstler-Persönlichkeit. Die Zugabe, eine Bach-Sarabande, widmet Anne-Sophie Mutter als Gebet und Erinnerung Marion Würth, der im vergangenen Oktober unerwartet verstorbenen Tochter von Reinhold und Carmen Würth.

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