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Veranstaltung in der Harmonie
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Jesus-Selfies und Oberlippenbärte: So lief die Jubiläums-Show von „Nightwash“ in Heilbronn

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Vieles dreht sich um Sex und Anzüglichkeiten an diesem Abend, an dem vier Comedians beim ausverkauften Kult-Format auf der Bühne stehen. Doch nicht jeder Künstler kann bei der Mixed-Show überzeugen. 

Hat eine schräge Liebeserklärung an ihren Gynäkologen und kuriose Kinderlieder dabei: Comedian und Musikerin Coremy.
Hat eine schräge Liebeserklärung an ihren Gynäkologen und kuriose Kinderlieder dabei: Comedian und Musikerin Coremy.  Foto: Martina Kreet

Never change a winning concept – verändere nie ein erfolgreiches Konzept – , so könnte man den Siegeszug von „Nightwash“ verknappt zusammenfassen. Was einst um die Jahrtausendwende in einem Kölner Waschsalon als kleines, innovatives Comedyformat begann, ist über die Jahre zu einer effektiven Franchise-Kette mit vielen Shows in ganz Deutschland geworden. Vor allem brüstet man sich damit, ein Sprungbrett zu sein, wie man es war für heutige Szenegrößen à la Felix Lobrecht, Carolin Kebekus oder Chris Tall.

Zum 25-jährigen Jubiläum der Marke ist der „Nightwash“-Tross wieder auf Tour und macht am Samstag im ausverkauften Wilhelm-Maybach-Saal der Harmonie Halt. Mit dabei: Drei Comedians, die jeweils zwei Sets vor und nach der Pause spielen. Und Ben Schafmeister, der als Moderator launig durch den Abend führt und immer wieder mit dem Publikum in Kontakt tritt.

So liefen die Auftritte der Comedians in der Harmonie

Vieles wird sich an diesem Abend um Sex drehen, um Anzüglichkeiten, um Geschlechtskrankheiten und Körperbehaarung. In Teilen auch bei der schwangeren Christin Jugsch, deren kugelrunder Bauch sich sichtbar unter dem T-Shirt wölbt – die Entstehungsgeschichte muss natürlich erklärt werden, weshalb das Wort „bumsen“ in den ersten Minuten inflationär Einzug hält. Jugsch, Jahrgang 1990, ist ausgebildete Schauspielerin, hadert mit ihrem Alter und hat seit der Kindheit mit Spott bezüglich ihrer roten Haare zu kämpfen.

Ein ihr wichtiges Thema für die Bühne, Jugsch bemüht aber nur die üblichen Hexen-Klischees, die Flucht vor der Sonne im Sommer, das Stigma einer hellen Haut, wenn die Beine an zwei Stücke Kreide erinnern. So richtig zündet das Programm der Norddeutschen nicht, auch nicht, als es wieder unter die Gürtellinie geht. Und sie darüber nachdenkt, sich ein erhaltenes Kompliment – schönste Frau der Welt – als Arschgeweih tätowieren zu lassen. Ein möglicher Sexualpartner müsste dann versuchen, den Schriftzug am Rücken zu entziffern. Nun ja.

Serkan Ates-Stein ist, wie er sagt, Comedian geworden, um seine Mutter ein drittes Mal zu enttäuschen, nachdem die Karriere als Sänger und Beatboxer scheiterte. Thematisch geht es beim Wahl-Kölner nostalgisch zu, der Blick geht zurück in die sorglosen 90er Jahre – Zeiten ohne richtiges Internet, als Textnachrichten auf dem Handy noch teuer waren und man als Jugendlicher noch echte Langeweile spürte.

Ates-Stein spinnt mal den Gedanken weiter, wie Jesus sich in der heutigen Social-Media-Welt verhalten würde – das Abendmahl festgehalten in einem Selfie. Dass er das Beatboxen nicht verlernt hat, zeigt Serkan Ates-Stein dann in einem Medley aus Michael Jackson, Salt ’n’ Pepa und Reel 2 Reel. Krampfhaft grenzwertig ist dann wiederum, zwei minderjährige Teenager in der ersten Reihe zu fragen: „Hast du schon mal gebumst?“ Unnötig.

Coremy kann bei „Nightwash“ am meisten überzeugen

Highlights des Abends sind die beiden Aufritte von Coremy, die auf Tiktok bereits eine große Reichweite hat und die mit Bandana sowie knallbuntem Hemd auffällt – wie auch durch ihre Musik-Comedy. Unzufrieden mit dem Repertoire und der pädagogischen Wirkung der meisten Kinderlieder hat sie sich an eigene gemacht. Das Ergebnis? „Mein Hund, der hat drei Beine, drei Beine hat mein Hund. Würd’ ich nicht drinnen rauchen, dann wäre er noch gesund.“

Amüsant auch der Song „Wir werden Letzter“, der das chronisch schlechte deutsche Abschneiden beim Eurovision Song Contest gekonnt veralbert und den Coremy nach eigenen Angaben auch für den Vorentscheid beim ESC eingereicht hat – „für den NDR war das aber wohl nicht passend“. Und so heißt es im stampfenden Song: „Es braucht auch Loser auf der Welt. Wir können nicht alle gewinnen. Warum versuchen wir etwas zu sein, das wir nicht sind?“ Herrlich schräg auch der „Beine breit Blues“, eine Liebeserklärung an den eigenen Gynäkologen und ein Rap-Song über Oberlippenbärte, in den Coremy am Ende noch Modern Talkings 80er Jahre Euro-Disco-Hit in „Hairy, hairy Lady“ umdichtet. Nach zwei Stunden endet ein größtenteils kurzweiliger Abend mit viel Applaus vom Publikum.

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