Die Filbinger-Affäre: Am 7. August 1978 tritt Hans Filbinger als Ministerpräsident von Baden-Württemberg zurück als Folge der Enthüllungen zu Todesurteilen in seiner Zeit als NS-Marinerichter. Filbinger spricht von einer Rufmordkampagne. Ins Rollen brachte den Fall Rolf Hochhuth, der im Vorabdruck zu seinem Roman „Eine Liebe in Deutschland“ „Hitlers Marinerichter“ einen furchtbaren Juristen nennt, der „auf freiem Fuß nur dank des Schweigens derer, die ihn kannten“ sei. Filbingers Äußerung „Was damals rechtens war, das kann heute kein Unrecht sein“ diskreditiert den CDU-Politiker vollends, der als Ankläger und Richter noch 1945 Todesurteile gegen Deserteure fällt. Parteifreunde gehen auf Distanz. Nach dem Rücktritt gründet Filbinger 1979 das der Neuen Rechten zugeordnete Studienzentrum Weikersheim, dem er bis 1997 vorsteht.
Ist das nun die deutsche Natur?
Martin Kušej inszeniert Thomas Bernhards Nazi-Groteske „Vor dem Ruhestand“ als beklemmendes Zukunftsszenario am Stuttgarter Schauspiel: Was den Abend so sehenswert macht.

Zwischen „Zone of Interest“, dem Film über die Familie von Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz, und der Ästhetik eines Racheepos von US-Regisseur Quentin Tarantino. Zwischen kühler Sachlichkeit und Splatter-Movie: Was macht man mit den Alt-Nazis aus Thomas Bernhards bitterböser Groteske „Vor dem Ruhestand“? Nachdem die Uraufführung 1979 in Stuttgart in der Regie von Claus Peymann Proteste aus CDU-Kreisen provozierte?
Jetzt gibt es „Vor dem Ruhestand“ im Stuttgarter Schauspiel noch einmal in der Neuinszenierung von Martin Kušej. Der Skandal bleibt aus, doch schont uns Kušej nicht. Kušej, bis vor Kurzem Intendant des Wiener Burgtheaters, holt das Drei-Personen-Stück über die Geschwister Höller, die in einer toxischen Hassbeziehung leben und jedes Jahr Heinrich Himmlers Geburtstag feiern, in eine nahe Zukunft – mit Alice Weidel als Bundeskanzlerin und einem Innenminister Höcke.
Wenn man der Gesinnung wieder freien Lauf lassen darf
Bis die Horrormeldung in den Morgen-Nachrichten am Ende eines beklemmend intensiven Theaterabends aus dem Off erklingt, sehen wir den Höllers zu bei den Vorbereitungen zur makabren Geburtstagsfeier und dem feucht-gewaltbereiten Gedenken hinter heruntergelassenen Jalousien. Das soll bald anders sein, wenn man seiner Gesinnung wieder freien Lauf lassen darf, frohlocken Rudolf und Vera Höller. Clara, die jüngere Schwester, gibt zwar Paroli, in ihrer Abhängigkeit im Rollstuhl aber ist sie mitgefangen in dieser klaustrophobischen Hölle.
Auch wenn der Abend mit einem Kušej-Knalleffekt endet, den es nicht braucht, klingt Bernhard doch bedrückend prophetisch und gruselt die verdammte Selbstverständlichkeit, mit der sich Nazikontinuitäten weiterspinnen. „Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben“, hat Erich Kästner gewarnt.
Bernhards Stück über einen Richter und glühenden Himmler-Verehrer, einem Hauptverantwortlichen des Holocaust, ist ein Verweis auf den NS-Marinerichter und späteren CSU-Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Hans Filbinger. Aus der von Bernhard angedeuteten inzestuösen Beziehung zwischen Rudolf und Vera sind bei Kušej drei Kinder hervorgegangen. Aus Pflichtgefühl und Verantwortung, die arische Rasse zu erhalten, wie Katharina Hauter als stramm völkisch-deutsche Frau in AfD-blauem Look betont.
Filmreif werden die Eltern im Doppelbett erschossen
Diese Kinder tauchen erst zum Showdown auf, bei Kušej stirb Rudolf nicht an einem Herzinfarkt, filmreif werden er und Vera erschossen im gemeinsamen Bett. Der Kreis schließt sich. Im Geschwister-Doppelbett räkelt sich Vera zu Beginn, als sich Rudolf anzieht und auf den Weg ins Gericht macht. Zwischen der zerwühlten Bettdecke liegt die Reitpeitsche. Wenn der Bruder zurückkehrt, wird sie ihm manuell zu Diensten sein. Matthias Leja gibt den Alt-Nazi, wie er mühelos ins Heute findet, mit sadistischer Kälte. Therese Dörr ist Clara, ihre linke Gesinnung hat sie sich bewahrt, frei machen von der Familie kann sie sich nicht. In ihrer wechselseitigen Verachtung schenken sich die Geschwister nichts, die körperliche Abhängigkeit von Clara im Rollstuhl, die Gewaltausbrüche gegen sie, sind schwer erträglich.
Die steril-minimalistische, anspielungsreiche Bühne von Annette Murschetz ist genial. Anfangs fällt der Blick durch eine Glasfront in den menschenleeren, gepflegten Garten mit Rutsche, Schaukel, Sichtschutzhecke. Eine trügerische Idylle. An der Wand im Esszimmer zeigt eine Reproduktion von „Die Vier Elemente“ von Adolf Ziegler, Präsident der Reichskammer der bildenden Künste, vier nackte Frauen. Als sei sie diesem NS-Kitsch entstiegen, trägt Vera später die blonden Haare zum Kranz geflochten.
Nazi-Devotionale vom Flohmarkt
Das Kinderzimmer im Keller weckt Assoziationen an jenes Verlies, in dem der verurteilte österreichische Straftäter Josef Fritzl mit seiner Tochter Kinder zeugte. Zwischen den wechselnden Szenen werden Stückzitate auf einen Zwischenvorhang projiziert. Diese Blacks, der düstere Sound (Bert Wrede), der zelebrierte Wahnsinn, das Blättern im Familienalbum – eine Nazi-Devotionalie vom Flohmarkt – markieren, was kommen könnte, wenn Diktaturen wieder möglich sind.
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