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Benefizkonzert Kilianskirche Heilbronn
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Irgendwann dann ist der Mond aufgegangen

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Was passiert, wenn sakrale und weltliche Musik zusammentreffen? Vier Stunden „Kilians große Nachtmusik“ mit Chören, Musikern, Solisten und chilligem Ausklang auf dem Kirchenbalkon.

Ortswechsel: „Der Mond ist aufgegangen“ mit dem Heilbronner Bläserensemble zum Mitsingen auf dem Balkon der Kilianskirche.
Ortswechsel: „Der Mond ist aufgegangen“ mit dem Heilbronner Bläserensemble zum Mitsingen auf dem Balkon der Kilianskirche.  Foto: Martina Kreet

Man darf sich die Organisation solch eines Benefizkonzerts als sportlich vorstellen, als nervenaufreibend auch. Acht Programmpunkte an einem Abend, der um 18 Uhr in der Kilianskirche beginnt und um 22 Uhr auf dem Kirchenbalkon im Freien fortgesetzt wird.

„Kilians große Nachtmusik“ hat mit Mozarts „kleiner“ auf den ersten Blick nichts zu tun, steht aber für die Spielfreude und Musikalität, wie sie an der Heilbronner Kilianskirche gepflegt wird. Vergangenen Samstag nun singen und spielen Ensembles und Solisten zugunsten des ambitionierten Orgelprojekts des Gotteshauses. Wie sehr Musik in unruhigen Zeiten verbindet, ist an diesem Abend greifbar. Volles Haus, ein bewegtes Publikum und das generationenübergreifend. Neben den Chören und Musikern der Kilianskirche wirken der Philharmonische Chor samt Gast-Band mit, das Nikolai-Ensemble, das Heilbronner Bläserensemble, die Schola Gregoriana am Deutschordensmünster und das Salon-Orchester Neckarsulm.

Wie man es sich für eine weltoffene Gesellschaft wünscht

Christlich, weltlich, sakral, jazzig, die Bandbreite ist groß und das Kalte Büfett, das in den Pausen in der Vorhalle angeboten wird, im sogenannten Paradies, ist eine Fusionküche, wie man es sich für eine weltoffene Gesellschaft wünscht. Wenn nur anderes im Leben so unaufgeregt harmonisch wäre, sind sich die Besucher einig. Das muntere Kommen und Gehen zwischen den Konzerten ist kommunikativ.

Zu Beginn legt Kilianskantor und Kirchenmusikdirektor Stefan Skobowsky die Messlatte hoch. „Mass of the Children“, die Messe der Kinder, eine Komposition des englischen Komponisten John Rutter, wurde 2003 in der New Yorker Carnegie Hall uraufgeführt. Unter der Leitung von Skobowsky und Katharina Linn gestalten die Evangelische Singschule, der Bachchor der Kilianskirche, das Collegium Musicum Kilianskirche und sowie die Sopranistin Judith Wiesebrock und Bariton Jakob Reichmann Rutters berührende und eingängige Musik. Rutter verbindet klassische Satztechniken mit Populär-Harmonik, lässt im einleitenden Kyrie Musical und im Gloria südamerikanische Rhythmen anklingen. Das Aufgebot an Musikerinnen und Musikern aller Altersstufen gerät zum Erlebnis vor dem Hintergrund der Lindenholz-Figuren des Seyfer-Hochaltars. Die fließenden Wechsel der Chöre und Solisten schaffen beeindruckende Klangcluster und Atmosphären. Applaus im Stehen – und eine erste Pause.

Ruf nach Freiheit

Nachgerade chillig wird es mit Duke Ellingtons „Freedom-Suite“ aus dem „Sacred Concert“ mit Philharmonischem Chor & Band unter Til Drömann. Was auch an eben dieser Band liegt mit Trompeter Robert Giegling, WKO-Bassist Blake Thomson, Lars Haazendonk am Schlagzeug und Andreas Benz am Klavier. Beiläufig locker gestalten sie mit dem Chor Ellingtons klangfarbenreiche, komplexe Freedom-Suite. Ein Ruf nach Freiheit, der nachdenklich stimmt, wenn selbst die Regierung der ersten modernen Demokratie der Welt, die USA, die Freiheit mit Füßen tritt.

Große Nachtmusiken gibt es immer wieder an der Kilianskirche. Diesmal war es ein Benefizkonzert für das ambitionierte Orgelprojekt der gotische Hallenkirche aus Heilbronner Sandstein, deren Ursprung mindestens bis ins 11. Jahrhundert zurückreicht. Für eine Million Euro sollen die Orgeln generalüberholt und mit einem High-Tech-Spieltisch verbunden werden. Als Zeitpunkt ist 2029 angepeilt, zum Jubiläum „500 Jahre Kiliansturm“. Der Westturm von Hans Schweiner gilt als eines der ersten bedeutenden Renaissancebauwerke nördlich der Alpen.

In eine andere Musiksprache, echtes Code-Switching, wechselt das Nikolai-Ensemble mit „Kleine Sinfonie für Streichorchester“ von Paul Juon. Eine fein intonierte, nuancierte Gelegenheit, in Ruhe zu schwelgen mit 16 Musikerinnen und Musikern, die Andreas Benz leitet.

Vokalensemble Plus nennt sich das um Instrumentalisten und Sopranistin Elisabeth Karasek und Bariton Jakob Reichmann erweiterte Ensemble unter Agnes Karasek. Mit Günther Kretzschmars Motette „Jauchzet Gott“ und Gustav Geisels Kantate „Mein schönste Zier“ setzen sie poetische Akzente.

Langsam wird es kühler

Auf den Kirchenbalkon, eine Terrasse mit Tischen und Bänken, bittet das Heilbronner Bläserensemble zur Choralpartita „Der Mond ist aufgegangen“ – und zum Mitsingen. Zum Evensong zieht der Besucherpulk zurück in die Kirche, langsam wird es kühler. Das Vokalensemble unter Stefan Skobowsky und Schola Gregoriana unter Michael Saum gestalten mit Sören Gieseler an der Orgel das anglikanische Nachtgebet zur Musik von Herbert Howells, Charles Villiers Stanford und Howard Goodall. Bis es nach dem Segen von Dekan Christoph Baisch wieder hinaus geht, wo das Salon-Orchester Neckarsulm spielt. Inzwischen ist der Mond aufgegangen.

Großes Aufgebot zum Auftakt der großen Nachtmusik: Die Evangelische Singschule, der Bachchor Kilianskirche, das Collegium Musicum sowie Solisten gestalten John Rutters „Mass of the children“.
Großes Aufgebot zum Auftakt der großen Nachtmusik: Die Evangelische Singschule, der Bachchor Kilianskirche, das Collegium Musicum sowie Solisten gestalten John Rutters „Mass of the children“.  Foto: Kreet, Martina
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