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Internationales Kurzfilmfestival in Heilbronn: 20 Beiträge auf Inselspitze gezeigt

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Sommer in der Stadt: Warum die internationalen Beiträge beim Low & No Budget Filmfestival auf der Inselspitze in Heilbronn ein cineastisches Gefühl auslösen, fast als wäre man auf der Piazza Grande in Locarno.


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Eine KI-Software, die menschliche Gespräche simuliert: für den modernen Single die Hilfe, nicht nur beim ersten Date. Was soll ich ihm von mir erzählen, fragt Alice ihre Chat-Software? Wie reagiere ich, wenn sie mir eine Gebirgstour vorschlägt, obwohl ich nicht gern wandere, bittet Vincenzo die KI um Rat. Was sagen, wenn sie den Espresso schwarz trinkt, obwohl er Zucker braucht, aber ihrem Argument, Café entfalte nur so sein Aroma, nicht widersprechen mag?

20 Kurzfilme auf Heilbronner Leinwand – Low & No Budget

In dichten 14 Minuten erzählt „L’acquario“ von Regisseur Gianluca Zonta von den Risiken und Nebenwirkungen Chat-gesteuerter Kommunikation, die in Liebesdingen besonders absurde Volten schlägt. Der Kurzfilm, einer von 20 Beiträgen, beschließt eine halbe Stunde vor Mitternacht das Internationale Low & No Budget Film-Sharing Kurzfilmfestival, das in Heilbronn zum 17. Mal von Ingo Klopfer organisiert wird. „Weil es nichts kostet, könnt ihr auch gehen. Aber bitte leise“, gibt Klopfer den Rahmen vor.


Vor dem signalroten One-Man-House des Thomas Schütte

Sämtliche Stühle besetzt, Bierbänke werden dazugestellt in den hinteren Reihen. Wer keinen Platz ergattert, setzt sich auf die Stufen, die runterführen zur Inselspitze. Weißwein ist schon vor Beginn des Filmabends um 21 Uhr ausverkauft. Die Leinwand vor dem signalroten One-Man-House des Künstlers Thomas Schütte macht sich gut, die laue Augustnacht tut das Ihre, damit eine Art Piazza-Grande-Atmosphäre aufkommt wie beim Filmfestival in Locarno.

Als „subkultureller cineastischer Höhepunkt in Heilbronn“ wirbt das Kurzfilmfestival, das 20 internationale Streifen zeigt, die wiederum aus 4000 Einreichungen etwa ausgewählt wurden bei Previews, sowohl von Publikum als auch von einer Jury. Nun sei dahin gestellt, was der Veranstalter unter subkulturell versteht. Das Publikum, überwiegend Ü-60, auch Junge darunter, ist gesetzt, aber unkompliziert, cineastisch geschult. Und begeistert ob der Beiträge aus Österreich, Deutschland, Frankreich, Spanien, Schweden, Australien und Italien.

Eine Amour fou zur zu engen Hose 

Zwischen einer und vierzehn Minuten dauern die Filme, die überraschen wollen wie eine Novelle und unterhalten wie jede gute Kurzform. Bis zur Pause nach einer knappen Stunde reihen sich inhaltlich und formal ganz unterschiedliche Streifen aneinander, was dem Ganzen den Reiz wild zusammengewürfelter Short Cuts verleiht. „Short Cut“ heißt auch der Beitrag des österreichischen Regisseurs Florian Danhel über die Amour fou zur Mode beziehungsweise das Drama, wenn eine Hose definitiv zu eng ist.

Das unabhängige, nicht kommerzielle Festival hat seine Anfänge 2003 in Wien. Auf dem „Ohne Kohle Festival“ wurden eingereichte Videokassetten gezeigt. 2005 ging es als „Geld-spielt-keine-Rolle Festival“ nach Weimar und fand ab 2007 in Mainz und Heilbronn statt. Seit 2009 läuft es unter dem Namen international low & no budget film-sharing festival in Stuttgart, Heilbronn, Mainz. 

„The last gunfight ... yet“ von Pablo Tréhin-Marcot zitiert als Animation mit Dinos den Westernklassiker „Spiel mir das Lied vom Tod – Once Upon a Time in the West“ mit Ennio Morricones unvergesslicher Melodie für Mundharmonika-Mann Charles Bronson. Wirklich politisch sind die Filme nicht, es sei denn, man definiert das Private kategorisch als politisch. „Weisser Riese“ von Lotte Luzie und F.L. Struempel persifliert das Thema Queerness und preist das Waschmittel „Pinky wash“ – „so bunt wie du“. Nett, aber harmlos.

„Selbe Scheiße, nur ein neuer Tag“

Zimmer gesucht“ von Florian W. Friedrich nimmt die Pseudo-Spiritualität eines sehenden Mediums auf die Schippe, „Selbe Scheiße, nur ein neuer Tag“, singen die „Alltagshelden“ im Animationsfilm von Lukas Lindberg. Dabei erkennt man durchaus nationale Besonderheiten in Thematik und Ästhetik, in „Vesper Lucida“ des Franzosen Claude Clin und in „Like me“ von Paul Chatelain. Wenig zimperlich feiert die Spanierin Gema Ganza den makabren Befreiungsschlag einer verheirateten Frau in „Secret of the flowers“.

Und zeigt Farid Ismail melodramatisch in „Light my fire“, warum der Tod in Frankreich eine Frau ist. In „Brush me“ des Österreichers Nikolaus Jantsch haben zwei Zahnbürsten munter Sex. Bevor es im zweiten Teil des Abends ausschließlich um die Liebe geht. Dieses geheimnisvolle, große, komplizierte Gefühl.

Frischer Wind für eine eingefahrene Beziehung

In „The Mumbler“ des Schweden Elijah Wallin findet ein Außenseiter mit Sprachproblem sein Glück und erzählt in „Bird drone“ Radheya Jegatheva aus Australien poetisch anrührend von der ungleichen Liebe einer Möwe zu einer Drohne. „Liebe und Substanz“ von Lucas Treudler zeigt, wie ein Paar nach vielen Ehejahren Zuneigung und Liebe auffrischt. Das Unvermögen, in digitalen Zeiten zu kommunizieren, verdichtet „Distancia“ von Sergio M. Rubio.

Das „Slow Dating“ einer älteren Dame und ihr schlechtes Gewissen gegenüber ihrem kranken Mann bringt der Australier Adam Szudrick humorvoll auf den Punkt. Eine Minute dauert „Amor“ von Paloma Mozo über die unbefangene Liebe eines Mannes und einer Frau, deren eine Brust amputiert ist.

Applaus für jeden Kurzfilm. Bis zum nächsten Jahr auf der Inselspitze.    

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