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Würth-Preis der Jeunesses Musicales Deutschland
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Interkulturelle Brücken schlagen

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Hörbare Völkerverständigung: In Künzelsau wird der 35. Würth-Preis der Jeunesses Musicales Deutschland an das International Youth Symphony Orchestra Bremen verliehen. Wie junge Menschen aus aller Welt interkulturelle Brücken schlagen.

Hörenswertes Projekt der Völkerverständigung: 50 Musiker und Musikerinnen aus aller Welt spielen im International Youth Symphony Orchestra Bremen.
Hörenswertes Projekt der Völkerverständigung: 50 Musiker und Musikerinnen aus aller Welt spielen im International Youth Symphony Orchestra Bremen.  Foto: Ufuk Arslan

Am Ende umarmen sie sich. Die 50 Musikerinnen und Musiker des International Youth Symphony Orchestra Bremen, wie im letzten Akt von Lessings Toleranzstück „Nathan der Weise“, um die Überwindung religiöser, kultureller und familiärer Unterschiede zu versinnbildlichen.

Manche im Carmen-Würth-Saal mögen mit einer Zugabe gerechnet haben nach dem munteren und kraftvollen, kurzen Konzert dieses Nachwuchsorchesters. Aber da ist die feierliche Verleihung des 35. Würth-Preises der Jeunesses Musicales Deutschland in Künzelsau vorbei und das Publikum beeindruckt: von der konzertanten Leistung – und von dem Projekt, das da ausgezeichnet worden ist.

Die Liebe zur Musik verbindet

Seit 25 Jahren gibt es das International Youth Symphony Orchestra für Völkerverständigung. Nicht als permanentes Orchester, sondern als Brückenschlag einmal im Jahr, wenngleich man davon ausgehen darf, dass die Brücken von Dauer sind. Jedes Jahr lädt das Jugendsinfonieorchester der Musikschule Bremen Musikerinnen und Musiker zwischen 14 und 22 Jahren aus aller Welt zu einer zehntägigen Probenphase ein. Unter der Leitung von Martin Lentz wird ein sinfonisches Programm erarbeitet. Dieser Prozess und die Liebe zur Musik verbinden die Teilnehmenden.

Weltanschauliche Unterschiede respektieren

Aus Ägypten, Algerien, Deutschland, dem Irak, Jordanien, Lettland, Tunesien, der Türkei, Rumänien, Schottland, der Schweiz, Spanien, Syrien und den Vereinigten Arabischen Emiraten kommen sie in diesem Jahr. Wenn sich die sogenannte große Politik, die sich so kleingeistig geriert, daran ein Beispiel nähme an diesem jungen,  internationalen Ensemble auf Zeit, das weltanschauliche Unterschiede respektiert.

Seit 1991 wird der mit 25 000 Euro dotierte Würth-Preis der Jeunesses Musicales Deutschland (JMD) von der Stiftung Würth und JMD vergeben: an Künstlerinnen, Künstler, Ensembles und Projekte, die die völkerverbindenden Werte der JMD vorbildlich erfüllen. Preisträgerin 2024 war die international erfolgreiche Dirigentin Mirga Grazinyté-Tyla. 

„Das Beste der Musik steht nicht in den Noten“, zitiert Johannes Schmalzl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Würth, Gustav Mahler – und erinnert an den Gründungsgedanken des Netzwerks Jeunesses Musicales International Ende des Zweiten Weltkriegs, die Welt besser und friedlicher zu machen.

Vom Zauber, in einem Orchester zu spielen, schwärmt Laudator Andreas Lemke, ehemaliger Vorsitzender des Landesverbandes der Musikschulen in Bremen. Über Internationalität sprechen heißt, über gemeinsame Leidenschaften zu sprechen, bringt Lemke das Wesen des künstlerischen Prozesses auf den Punkt. Das gilt für alle Künste. Es könnte so einfach sein. Doch hat sich nicht nur mit Blick auf die Ost-West-Konflikte der Wind gedreht.

Das Orchester als Mikrokosmos

„Kriege sind niemals naturgegeben, sondern von Menschen geschaffen“, betont Johannes Freyer, Präsident der Jeunesses Musicales Deutschland. Umso wichtiger seien Jugendorchester als Mikrokosmen einer gelingenden Gesellschaft, in denen junge Menschen ihr Wirken in der Gemeinschaft erproben. Im Namen des Verbandes lässt Johannes Freyer beste Grüße an Reinhold Würth ausrichten, der zum ersten Mal in 35 Jahren bei der Preisverleihung nicht dabei ist.

Wie zentral das Gemeinschaftserlebnis ist und die Kraft der Musik, bringen für das Orchester eine Musikerin aus  dem Irak, aus Lettland, Deutschland und ein Musiker aus Norwegen zum Ausdruck. Ein Moment greifbarer Rührung und Dankbarkeit, bevor das International Youth Symphony Orchestra Bremen seine musikalische Visitenkarte abgibt. „Rhapsodie pathétique“ für Quanoun und Orchester von Sharif Badreddin ist kein Stück, das Feierlaune aufkommen lässt, erläutert Martin Lentz. Ein Stück, das die Opfer des Krieges in Syrien beklagt, Lentz hat vor acht Jahren die Uraufführung dirigiert.

Das Saiteninstrument aus dem Nahen Osten, eine Art Zither mit trapezförmigem Resonanzboden, erzeugt unter den virtuosen Fingern von Quanoun-Spielerin Rimonda Naanaa einen melodramatischen Sound sui generis, immer wieder flankiert vom sinfonischen Klang der anderen, hochkonzentrierten Orchestermusiker.

Versatzstücke mexikanischer Volksmusik

Walzerselig strahlen die Nachwuchstalente bei Arturo Márquez. Dabei ist „Danzón Nr. 2“ des mexikanischen Komponisten natürlich kein Walzer im westlichen Sinne, integriert Márquez vielmehr Versatzstücke mexikanischer Volksmusik. Fast brechen die jungen Musiker aus vor Begeisterung, Lentz fängt sie ein – ein fruchtbares Miteinander. Wie gesagt, es könnte so einfach sein.

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