Unter der Pyramide der KSK
Freitag, 6. März, 19 Uhr, im Rahmen der Reihe „Wendezeiten“, Eintritt frei.Anmeldung unter https://www.ticketshop-kskhn.de.
Warum man laut Ingo Schulze Geschichten braucht, um Geschichte zu erfahren. Nächsten Freitag kommt der Autor nach Heilbronn im Rahmen der Reihe „Wendezeiten“.

Wer schreibt die Geschichten und wer die Geschichte? Darüber wird Autor Ingo Schulze nächsten Freitag bei seinem Auftritt unter der Pyramide der Kreissparkasse Heilbronn reden und aus seinem 2020 erschienenen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ lesen. Ein Interview vorab über Sicherheiten beim Erzählen, bewegliche DDR-Bilder und den Erfolg der AfD im Osten.
Herr Schulze, was sagt der frühere Zeitungsmacher Ingo Schulze zur „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“, die vor einer Woche mit großem medialen Begleitorchester an den Start gegangen ist?
Ingo Schulze: Oh, da erwischen Sie mich auf dem falschen Fuß, ich stecke mitten in der Abgabe des neuen Manuskriptes. Ich kenne nur den Artikel von Christian Baron „Warum ich kein Wessi mehr sein will“, der mir zugeschickt wurde. Er ist im Westen sozialisiert worden, aber in Armut aufgewachsen, daher fühle er sich heute eher als Ostler. Das fand ich interessant.
Aber sehen Sie generell einen Bedarf für eine Zeitung, die eine andere Perspektive einbringt?
Schulze: Das entscheidet sich im Konkreten, am einzelnen Artikel, aber grundsätzlich finde ich es auch gut, wenn der Osten über den Osten spricht, ja.
Kommen wir auf Ihren Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ zu sprechen. Darin schwört die Figur des Antiquars Norbert Paulini auf Stendhal, Flaubert et cetera, „weil man allein durch diese Autoren eine Ahnung davon bekomme, was Geschichte bedeute“. Ist Literatur die bessere Geschichtsschreibung?
Schulze: Nein, ist sie nicht. Aber die Literatur braucht die Geschichtsschreibung und die Geschichtsschreibung unbedingt auch die Literatur. Meine Erfahrung ist, dass ich erst dann, wenn ich die Literatur einer Zeit und eines Landes lese, ein wirkliches Verständnis für die Geschichte bekomme. Was Napoleon bedeutet hat, kann ich in Geschichtsbüchern nachlesen und sollte das auch tun. Aber natürlich brauche ich Stendhal, brauche ich die Geschichten, um die Geschichte zu erfahren.
Warum schreiben Sie Gegenwartsromane oder, sagen wir mal, Zeitgeschichtsromane, aber keine historischen Romane?
Schulze: Naja, das kann tatsächlich noch passieren. Aber für mich war bisher immer wichtig, dass ich die Zeit, den Raum, den Ort kenne und selbst erlebt habe. Sonst fühle ich mich sehr unsicher. Mein Anspruch an mich, aber auch an andere lautet: Was kann mir diese Kollegin, dieser Kollege erzählen, was eben nur sie oder er mir erzählen kann? Natürlich kann man von heute aus gesehen über das 18. Jahrhundert schreiben. Aber das war bisher nicht mein Interesse.
Hat das Sicherheitsgefühl, das Sie suchen, auch etwas mit der Deutungshoheit zu tun, die Sie behalten möchten?
Schulze: Es geht eher darum, dass ich mich auf das verlassen und für das einstehen kann, was ich schreibe. Ich bin glücklich verheiratet mit einer Frau aus der Pfalz, käme aber nie auf die Idee, über das Leben einer Pfälzerin meines Jahrgangs zu schreiben, weil ich mich da einfach nicht auskenne.
Sie könnten recherchieren.
Schulze: Und trotzdem würde mir das Entscheidende entgehen, fürchte ich. Was ich aber machen kann, ist, mich mit ihr ins Gespräch zu begeben und dabei eigene blinde Flecken zu entdecken – und umgekehrt, hoffe ich.
Wobei wir bei der Frage wären, wer über die DDR schreiben darf?
Schulze: Grundsätzlich darf jede und jeder über alles schreiben. Aber es gibt den schönen Begriff von der Innenansicht der Weltgeschichte. Es spielt eine Rolle, wie die, die etwas erlebt haben, das darstellen. Im Ausland ist man vor allem mit Filmen wie „Das Leben der Anderen“ oder „Goodbye Lenin“ konfrontiert. Da sage ich, schön und gut, aber bitte verwechselt das nicht mit der DDR. Da gibt es Verengungen, Einseitigkeiten und auch Fehler, das Leben war sehr viel komplexer. Ich muss aber auch sagen, dass mein Bild von der DDR und von dem Deutschland nach 1990 sich ständig in Bewegung befindet. Mit jeder neuen Erfahrung ändert sich auch der Blick auf die Vergangenheit.
„Die DDR für sich genommen hat mich nie interessiert.“ Diesen Satz von Ihnen müssen Sie mir erklären.
Schulze: Ich käme nicht auf die Idee, einfach über die DDR zu schreiben. Weil es ja immer darauf ankommt, von wo aus man darauf zurückblickt. Natürlich ist der Blick ein kritischer, aber das wäre mir zu wenig, einfach nur die DDR zu kritisieren und die Welt, aus der heraus das geschieht, nicht mit ins Bild zu nehmen. Mich hat immer dieser Wechsel von Abhängigkeiten und Freiheiten interessiert und die Zeit dazwischen. Die Selbstermächtigung des Herbstes 89, das Selbstbewusstsein, das es da über etliche Monate gab, waren für alle, die es miterlebt haben, enorm prägend. Das wird unterschätzt, weil es vergleichsweise kurz war.
Geschichtsvergessenheit ist ein Grund, warum die AfD im Osten so stark ist, sagt Ihre Schriftstellerkollegin Helga Schubert. Hat sie recht?
Schulze: Geschichtsvergessenheit spielt mit hinein, aber nicht die allergrößte Rolle. Man muss schon sagen, die AfD ist eine Gründung, die aus dem Westen kommt. Und unterm Strich gibts im Westen sehr viel mehr Anhänger als im Osten, auch wenn es prozentual dann anders aussieht. Mein Problem sind die Parteien, die eigentlich eine andere Politik machen könnten und da etwas versäumt haben, was diese AfD so stark gemacht hat.
Nämlich?
Schulze: Zum einen ähneln die Wahlergebnisse im Osten denen in vielen europäischen Ländern. Zum anderen spielt das West-Ost-Gefälle eine Rolle, also wem gehört was, wer hat wo das Sagen? Die AfD oder etwas Rechtsradikales waren nicht einfach in den 90ern oder 2000ern da, man konnte ja sehen, wie das wächst. Der AfD ist es offenbar gelungen, sich als Vertreter des Ostens zu stilisieren. Natürlich ist das eine ziemlich fiese Masche, wie das gemacht wird, also wie man sich da Traditionen aneignet. Aber für viele ist es eine Möglichkeit, ihre Selbstbehauptung zu formulieren, von der sie glauben, sie anders nicht ausdrücken zu können. Darüber muss man reden.
Wie bange ist Ihnen vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern?
Schulze: Es gibt so viele Möglichkeiten, etwas zu tun. Man sollte nicht so sehr über das Bangewerden reden. Natürlich wäre ein AfD-Ministerpräsident schrecklich, wobei ich nicht glaube, dass es soweit kommt. Aber das macht das Problem nicht kleiner.
Freitag, 6. März, 19 Uhr, im Rahmen der Reihe „Wendezeiten“, Eintritt frei.Anmeldung unter https://www.ticketshop-kskhn.de.
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