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Schmerzensbuch, Roadnovel und Familiengeschichte
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Im Wohnmobil quer durch Europa: Feridun Zaimoglu mit „Sohn ohne Vater“ im Literaturhaus Heilbronn

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In „Sohn ohne Vater“ begibt sich ein trauernder Schriftsteller auf eine Reise in die Türkei ans Grab seines verstorbenen Vaters und erinnert sich unterwegs an früher. Seinen nächsten Roman hat Feridun Zaimoglu auch schon fertig.

Hat eine große Ähnlichkeit mit dem Ich-Erzähler seines neuen Romans: Autor Feridun Zaimoglu.
Hat eine große Ähnlichkeit mit dem Ich-Erzähler seines neuen Romans: Autor Feridun Zaimoglu.  Foto: Berger, Mario

Wenn er nach Luft schnappen müsse, so Feridun Zaimoglu gleich zu Beginn der Veranstaltung, hänge das mit seinem brutalen Heuschnupfen zusammen. „Mir ist im Zug fast die Nase weggeflogen“, berichtet der dennoch gut aufgelegte Autor von seiner Fahrt nach Heilbronn, wo er am Donnerstag im Literaturhaus sein neues Buch vorstellt – und die befürchtete Niesattacke ausbleibt.

„Sohn ohne Vater“ heißt der im Februar bei Kiepenheuer und Witsch erschienene Roman, dessen Ich-Erzähler große Ähnlichkeiten mit dem Autor hat. Ein Anruf der Mutter, die dem Sohn mitteilt, dass der Vater gestorben ist, bringt den Erzählfluss in Bewegung. Um sich am Grab zu verabschieden, will der Schriftsteller aus Kiel in die Türkei. Weil er aber an Flugangst leidet, leiht er sich ein Wohnmobil und reist mit Begleitung quer durch Europa, skurrile Situationen inklusive.

Was sich Feridun Zaimoglu beim Schreiben vorgenommen hat

„Man kann es als ausgedachte Geschichte auffassen oder berücksichtigen, dass der Schreiber auf autobiografisches Material zurückgreift“, überlässt Zaimoglu dem Leser gerne die Wahl. Wie sich der 60-Jährige auch wenig darum schert, wenn es „Nachnamensspießer auf den Plan ruft, die auf Originaltreue pochen“, obwohl er den Bogenakzent über dem G in seinem Nachnamen schon vor Jahren hat entfernen lassen. Das G in Zaimoglu also nicht mehr stumm ist. „Ich bin ein großer Befürworter des Prinzips, dass man das Original verwirft.“

Schmerzensbuch, Roadnovel, Familiengeschichte: In „Sohn ohne Vater“ taucht der trauernde Erzähler immer wieder in die Vergangenheit, ruft sich einzelne Szenen und Figuren ins Gedächtnis. „Erinnerung gibt es im Grunde nicht“, sagt Zaimoglu. Darum habe er sich beim Schreiben vorgenommen, bloß kein geordnetes Leben zu imaginieren. „Das wäre sonst einer Lüge gleichgekommen.“ Die zweite Vorgabe: den Vater nicht idealisieren.  

Vom Aufwachsen im Münchner Arbeiterviertel und urmenschlichen Momenten

„Migrationshintergrund ist ein hässliches Wort“, erzählt der Autor im Gespräch mit Literaturhausleiter Anton Knittel vom Aufwachsen im alten Münchner Arbeiterviertel Moosach. Wo Lärm und Enge den Alltag prägten und Zaimoglu viel Zeit draußen verbringt aufgrund mangelnder Rückzugsmöglichkeiten: „Kein einziges Kind hatte ein eigenes Kinderzimmer.“ 

Die Bürgerkinder seien nett gewesen, als fremd habe man sich nicht verstanden. „Wir wollten uns nicht langweilig und haben uns darum nicht auf Abwesendes, Zitiertes, die Kultur der Eltern beschränkt.“ In urmenschlichen Momenten habe man Gebete gesprochen, während andere sich bekreuzigt hätten, bringt Zaimoglu knapp und bündig Glaubensunterschiede auf den Punkt. „Wir hatten katholischen Religionsunterricht und wussten, wir sind Moslems.“

Fertig und vom Verlag angenommen, so der Schriftsteller, ist schon der nächste Roman, in dessen Mittelpunkt die Mutterfigur steht. „Das Buch ist noch verrückter geworden als dieses“, verspricht Zaimoglu.

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