1980 in Heilbronn geboren, sammelt Sonja Beißwenger während der Schulzeit am Theater Heilbronn erste Bühnenerfahrung, studiert Ethnologie, Journalistik und Philosophie, bevor sie an die Hochschule für Musik und Theater Hannover wechselt. Ensemblemitglied am Schauspielhaus Hannover, dann in Dresden, mehrfach Einladungen zum Berliner Theatertreffen und Engagements bei den Salzburger Festspielen. Beißwenger lebt mit Mann und Zwillingstöchtern in Hannover.
Im Moment nur ein Traum
Von der Statistin am Theater ihrer Heimatstadt Heilbronn zur gefragten Schauspielerin an großen Häusern: Sonja Beißwenger steht zum dritten Mal bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne.

Es dürfte der Wetterwechsel sein. Irgendein Virus wandert durchs Produktionsteam von „Der Schneesturm“. Zum Glück hat es sich nicht auf die Stimme von Sonja Beißwenger geschlagen. Am Abend, in der letzten „Schneesturm“-Vorstellung bei den Salzburger Festspielen, hat Beißwenger noch einen kniffligen Gesangs-Part zu bewältigen.
Die Schauspielerin, die in den 90er Jahren als Statistin am Heilbronner Theater ihre Karriere begonnen hat, wird auf der Bühne wieder dieses Gefühl genießen, „dabei zu sein“. „Ist das herrlich“, in der Inszenierung nach einem Roman von Vladimir Sorokin durch Regisseur Kirill Serebrennikov.
Serebrennikov, eine der wichtigen, international gefragten Stimmen des Gegenwartstheaters, ist wie auch Sorokin scharfer Putin-Kritiker. Beide leben im Exil in Berlin.
Fester Gast in Düsseldorf und anderswo
Für Sonja Beißwenger ist es das dritte Engagement bei den Salzburger Festspielen. Seit 2015 arbeitet sie, die während des Studiums an der Hochschule für Musik Theater und Medien bereits an das Schauspiel Hannover engagiert wird, freischaffend. Und es funktioniert. Am Düsseldorfer Schauspielhaus ist sie pro Spielzeit als fester Gast in ein, zwei Produktionen zu sehen. Auch ist sie als Sprecherin und Schauspieldozentin tätig und immer wieder für den Film.
Die Liste der Regisseurinnen und Regisseure, mit denen Beißwenger arbeitet, liest sich wie das Who is Who renommierter Theatermacher. Andreas Kriegenburg, Nicolas Stemann, Barbara Bürk, Friederike Heller, Sebastian Baumgarten, Sebastian Nübling, Nuran David Calis, Roger Vontobel, David Bösch, Sönke Wortmann und andere. Mehrfach spielt die heute 44-Jährige in Stücken, die zum Berliner Theatertreffen eingeladen werden.
Die wechselnde Haarfarbe eines Mitschülers
Wie sie zum Theater gekommen ist? Die wöchentlich wechselnde Haarfarbe eines Mitschülers am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium hatte sie fasziniert. Er war Statist am Heilbronner Theater, und das wurde auch sie, stand als ionische Säule im Musical „Dracula“ auf der Bühne, bekam vom damaligen Intendanten Klaus Wagner eine Nebenrolle als Dienstmädchen in „Ich denke oft an Piroschka“. Und jetzt überzeugt sie als Teil des metaphorischen Schneesturms, als Verflossene von Schauspielkollege August Diehl, als zynische Dopaministin und in weiteren Rollen auf der Perner Insel, der Spielstätte der Festspiele in Hallein vor den Toren Salzburgs.
Anders als bei ihren ersten Festspiel-Engagements wohnt Beißwenger diesmal im knapp 22 000 Einwohner großen Hallein mit Blick auf die Alpen, wo „intensive Arbeit und Erholung verschwimmen“. Am Tag nach der letzten Vorstellung, am Mittwoch, fährt sie zurück nach Hannover. Ins „echte Leben mit Alltag“, Ehemann und 17-jährigen Zwillingstöchtern. Hannover bezeichnet Sonja Beißwenger als ihre Wahlheimat, einige Jahre hat sie in Dresden gelebt während ihres Engagements am dortigen Staatsschauspiel. Hat sie noch Kontakt zu Heilbronn? Im Juli erst hat sie wieder einmal die Eltern in Kirchhausen besucht.
Eine Schauspielerin, die richtig gut singen kann
Die Arbeit mit Kirill Serebrennikov – als wertschätzend, ruhig und bescheiden erlebt sie den Regisseur, „ein unfassbar vielseitiger Künstler“ – ist ganz nach Beißwengers Vorstellung von Theater. Sie, die gern radikale Frauenfiguren spielt, weil die am komplexesten sind, wurde von Düsseldorfs Intendant Wilfried Schulz für die Rolle vorgeschlagen, als Serebrennikov eine Schauspielerin für den „Schneesturm“ suchte, die richtig gut singen kann und deutsche Muttersprachlerin ist. Den Liedern ihrer Rolle liegen Gedichte von Rilke und Paul Celan zugrunde, mitunter kryptische Texte, die klar und deutlich rüberkommen sollen. Die Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus und der Kirill&Friends Company wird in Düsseldorf übernommen. Premiere dort ist am 12. September.
Russisch-Kenntnisse aus dem Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium
„Geschichten über unsere Fragilität“ nennt Serebrennikov seine Adaption von Sorokins „Der Schneesturm“, eine sehr russische Geschichte mit Anleihen an Puschkin und Tolstoi, Science-Fiction-Elementen, Musikern und Tänzern, ein internationales Team. Arbeitssprache? Englisch, stets ist ein Dolmetscher dabei. Aber letztlich wird alles gesprochen, russisch, deutsch, englisch, auch spielt eine chinesische Kollegin mit. Dass sie am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium einst drei Jahre Russisch als dritte Fremdsprache gelernt hat, davon profitiert Sonja Beißwenger. „Erstaunlich, was nach all den Jahren wieder aufploppt.“
Kann man Sorokins Roman aus dem Jahr 2010 als Parabel auf Putins Russland sehen? Auch Beißwenger hat sich anfangs gefragt, ob das Stück nicht mehr vom heutigen Russland erzählen sollte. Ist aber nicht die Intention von Vladimir Sorokin, sagt sie. Dafür bieten seine assoziative Bildsprache, sein fantastischer Realismus und die nicht minder fantastische Bühnenfassung Serebrennikovs eine Fülle an Metaphern für unsere bedrohte Gegenwart im Umbruch. „Etwa, dass wir alle in derselben Kutsche sitzen.“
Dass diese Produktion einmal auf Tournee geht, ist nicht ausgeschlossen. Vielleicht nach Russland? Im Moment nur ein Traum.


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