Stimme+
Interview
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

„Ich liebe dieses Land, aber das Land ist gespalten“

   | 
Lesezeit  3 Min
audio Anhören
Erfolgreich kopiert!

Aydın Işık spielt im Berlinale-Gewinnerfilm „Gelbe Briefe“ – und tritt als Comedian in Heilbronn auf. Ein Gespräch über die Dreharbeiten, autoritäre Strukturen und wie gut er den Riss kennt, der durch türkische Familien geht.

Aydın Işık spielt Salih in „Gelbe Briefe“. Der Gewinner des Goldenen Bären läuft auch im Arthaus Heilbronn.
Aydın Işık spielt Salih in „Gelbe Briefe“. Der Gewinner des Goldenen Bären läuft auch im Arthaus Heilbronn.  Foto: Ella Knorz/Alamode Film

Mit dem politischen Familiendrama „Gelbe Briefe“ hat nach 22 Jahren wieder ein deutscher Beitrag den Hauptpreis der Berlinale gewonnen. Fatih Akıns „Gegen die Wand“ erhielt 2004 die Filmtrophäe, die Heilbronnerin Sibel Kekilli spielte damals die Hauptrolle. Nun wurden Regisseur ´llker Çatak und sein Team mit dem Bären ausgezeichnet. Aydın Işık, einer der Schauspieler, ist in Heilbronn mehrfach schon als Comedian aufgetreten. Im April kommt er wieder ins Alte Theater. Im Interview spricht er über die Dreharbeiten, autoritäre Strukturen und wie gut er den Riss kennt, der durch türkische Familien geht.

Glückwunsch zum Berlinale-Gewinnerfilm. Wie kamen Sie zu der Rolle?

Aydın Işık: Die Castingagentur ist auf mich zugekommen. Ich musste ein E-Casting schicken.

Ein E-Casting?

Işık: Das heißt, die haben ein, zwei Szenen geschickt, die ich spielen, aufnehmen und abschicken sollte. Das hat denen wohl gefallen. Daraufhin habe ich mit der Hauptdarstellerin eine Szene online gemacht und dabei – online – den Regisseur kennengelernt. Nach einer Denkphase rief Ilker an. „Du hast die Rolle.“

„Gelbe Briefe“ wurde in Hamburg und Berlin mit türkischen Schauspielern auf Türkisch gedreht. Sie leben seit Jahren wieder in Deutschland. Wie selbstverständlich ist Ihnen Türkisch?

Işık: Mein Türkisch ist besser als mein Deutsch. Die wichtigsten Jahre für jeden Menschen zwischen sechs und 19 habe ich in der Türkei verbracht. Ich arbeite zudem beim WDR in der türkischen Redaktion und bin einer der Moderatoren der Nachrichtensendung Cosmo Türkçe.

Aydın Işık, 1978 in Hattingen geboren, Kabarettist, Schauspieler, Regisseur, Moderator, Autor, zog mit der Familie im Alter von sechs Jahren in die Türkei. In Istanbul wie später in Deutschland hat er Wirtschaftswissenschaften studiert und abgebrochen. Işık lebt in Köln. In Heilbronn ist er mehrfach aufgetreten. Am 3.  April ist er mit vier weiteren Comedians in einer rein türkischen Show im Alten Theater Sontheim zu erleben. 

Sie sind in Deutschland geboren, dann ist Ihre Familie zurück in die Türkei, wo Sie auch studiert haben. Um danach wieder in Deutschland zu leben. Was hat sich verändert in der Türkei von heute unter Erdoğan?

Işık: Man darf nicht vergessen, die 90er Jahre waren nicht nur Freiheit. Was wir damals kritisiert haben, dass das Militär unglaublich viel zu sagen hatte. Was für ein demokratisches Land problematisch ist, das alle zehn Jahre einen Putsch hatte.

Dann kam die Wahl 2002, und Erdoğans Partei hat gewonnen.

Işık: Jetzt haben wir eine ganz andere Diskussion. Heute hat das Militär nicht mehr so viel zu sagen, aber die Türkei entwickelt sich immer mehr zu einem autokratisch regierten Land. Was mich traurig macht, dass die Menschen die Hoffnung verlieren oder verloren haben in den letzten Jahren. Nehmen Sie die vielen Prozesse gegen Oppositionelle.

Soeben hat der Prozess gegen den zwangsabgesetzten Istanbuler Oberbürgermeister ´lmamoğlu begonnen. Es geht um ein angebliches Korruptionsnetz. Dieser Prozess gegen Erdoğans Rivale wirkt politisch motiviert.

Işık: Dabei würde die größte Oppositionspartei laut Umfragen im Moment mehr Stimmen bekommen als Erdoğans Partei. Und ´lmamoğlu, der Präsidentschaftskandidat, sitzt im Gefängnis. Das ist Willkür. Es ist wirklich deprimierend, das mitanzusehen. Ich liebe dieses Land, ich liebe die Menschen, aber das Land ist gespalten, und darunter leidet es.

Diese Spaltung, aber auch das Klima der Angst vor staatlicher Gleichschaltung zeigt „Gelbe Briefe“. Der Film läuft erfolgreich hier in Heilbronn. Wird er auch in der Türkei gezeigt?

Işık: Ab dem 27. März kommt er dort ins Kino. Wir alle sind gespannt auf die Reaktionen. Ein Film, der den Goldenen Bären der Berlinale bekommt, muss in der Türkei ins Kino. Zumal diese Geschichte nicht nur ein türkisches Problem ist.

Sondern...

Işık: ´llker Çatak hat eine wunderbare Rede gehalten, in der er sagte, dass wir in Deutschland gerne auf die Probleme anderer schauen und denken, o Gott, wie schlimm. Wir sehen aber nicht, wie nahe uns diese Probleme kommen können. Deswegen auch war die Entscheidung, in Deutschland zu drehen, bewusst. Nicht, weil wir nicht in der Türkei hätten drehen dürfen, das hätten wir höchstwahrscheinlich. Sondern, weil, was der Film erzählt, tatsächlich überall vorkommen kann.

Man nehme Wolfram Weimer, den Kulturstaatsminister, der nicht nur linke Läden vom Deutschen Buchhandlungspreis ausschließt. Sondern eine Kampagne gestartet hatte gegen Berlinale-Präsidentin Tricia Tuttle.

Işık: Gott sei Dank haben wir alle dagegen gehalten. Man muss sich einmal klarmachen, worum es ging. Wenn wir gegenüber Israel kritisch sind, müssen wir mit der Antisemitismuskeule rechnen. Was außer Acht gelassen wird, ist: Genauso wie in Deutschland Erdoğan kritisiert werden darf und seine Regierung, ohne dass das heißt, ich bin ein Türkenhasser, sollte man das Recht haben, Netanjahu, einen rechtsradikalen Politiker, und seine Regierungspolitik zu kritisieren.

Das müssten nicht nur Künstler dürfen, sondern wir alle.

Işık: Soviel ich weiß, ist es in Deutschland keine Straftat, eine palästinensische Fahne zu tragen. Was hätte Tuttle in Weimers Augen tun sollen? Auf die Bühne stürmen und dem US-amerikanischen Experimentalfilmer Ben Russell die Fahne entreißen oder anderen, die Israels Politik kritisiert haben, das Mikro?

Kommen wir zu Ihrer Rolle des Salih in „Gelbe Briefe“. Salih, der Bruder der Hauptdarstellerin, eine Schauspielerin, der am Staatstheater in Ankara gekündigt wurde, ist, anders als die Schwester, regimetreu und verteidigt den autoritären Staat.

Işık: Dieser Riss, der durch die Familien geht, das ist mir nicht fremd. Ich kenne dieses Problem einer gespaltenen Gesellschaft, wenn Überzeugungen aufeinanderprallen, aus der nahen Verwandtschaft. Typen wie Salih sind mir vertraut. Weshalb ich mich nicht erst groß in die Rolle hineinversetzen musste. ´llker Çatak hat mir viele Freiheiten gegeben, und so konnte ich meinen Salih vor der Kamera spielen.

Es gibt da eine Schlüsselszene, beim gemeinsamen Fastenbrechen, zu dem die Schwester einlädt, die mit ihrem Mann bei dessen sehr liberalen Mutter Unterschlupf gefunden hat. Es kommt zum Streit über staatliche Schulen.

Işık: Eine sehr realistische Szene. In der ´llker nicht zeigen will, welche Meinung richtig oder falsch ist, vielmehr unterschiedliche Weltbilder an einem Tisch verteidigen lässt. Ich glaube, jeder von uns in der türkischen Community hat Verwandte, die Erdoğan-Anhänger sind, und solche, die der Opposition nahe stehen.

Nach oben  Nach oben