Alice Schwarzer, 1942 in Wuppertal geboren, Journalistin, Gründerin und Chefredakteurin der „Emma“, Autorin und Herausgeberin von 48 Büchern, Volontariat bei den „Düsseldorfer Nachrichten“, Reporterin der Zeitschrift „Pardon“. Von 1970 bis 1974 arbeitet sie in Paris als politische Korrespondentin für Radio, TV und Zeitschriften. An der Universität Vincennes studiert sie Psychologie und Soziologie. Schwarzer initiiert nach französischem Vorbild die Aktion „Frauen gegen den § 218“ die zur Titelgeschichte des „Stern“ 1971 führt, in der 374 Frauen öffentlich bekennen: „Wir haben abgetrieben!
„Ich habe vom 8. März noch nie etwas gehalten“
Warum Alice Schwarzer passionierte Feministin bleibt, den Spruch von Manuel Hagel für keinen sexistischen Skandal hält, sondern parteipolitisches Manöver, und junge Frauen Social Media regelrecht ausgeliefert sind.

Feminismus in 99 Worten: Alice Schwarzer zieht in ihrem neuen Buch Bilanz und blickt auch auf den aktuellen Feminismus. Die streitbare und umstrittene Ikone des Aufbruchs der Frauen aus patriarchalen Strukturen ist kein bisschen müde, wie sie im Telefongespräch beweist. Am 26. März stellt sie ihr Buch in Heilbronn vor.
Wie fühlt man sich als Deutschlands bekannteste und sicher auch umstrittenste Feministin, Frau Schwarzer?
Alice Schwarzer: Umstritten ist ja unvermeidlich. Mit konsequent feministischen Positionen rennt man keine offenen Türen ein. Wie ich mich fühle? Es ist mein Leben. Ich bin Kritik gewohnt und nehme sie mit zunehmender Gelassenheit.
Von der männlichen Aversion gegen den Begriff ganz zu schweigen, es scheint, Frauen ist es heute peinlich, als Feministin bezeichnet zu werden.
Schwarzer: Seit Beginn des öffentlichen Feminismus Mitte der 70er Jahre wird eine Propaganda gegen Feministinnen gemacht, die keiner Frau, die niemandem gefallen kann. Dabei ist klar, dass nicht die verhöhnte Feministin unangenehm ist, sondern ihre Fragen und Forderungen. Das tut in einer männerbeherrschten Welt weh. Und doch haben wir ungeheure Erfolge erzielt.
Am Sonntag ist Internationaler Frauentag. Nicht wenige junge Frauen sagen, der 8. März habe sich erledigt.
Schwarzer: Ich habe vom 8. März noch nie etwas gehalten. Man muss nicht jung sein, um ein kritisches Verhältnis zu dieser Art von rituellen Feiertagen zu haben. Eigentlich ist es ein sozialistischer Feiertag, der aus den sozialistischen Ländern kommt. Dagegen ist auch gar nichts zu sagen. Aber mit Feminismus hat das nicht viel zu tun. Also ich bin mehr für ein ganzes Jahr für Menschen als für einen Tag für Frauen.
Am Sonntag wählt zudem Baden-Württemberg. Nun ist CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel in die Kritik geraten wegen schwärmerischer Bemerkungen zu den rehbraunen Augen einer Schülerin – „sie hieß Eva“ – nach einem acht Jahre zurückliegenden Besuch in einer Mädchenklasse.
Schwarzer: Die Kritik finde ich einen Missbrauch von #MeToo. Es handelt sich um die gestrige gönnerhafte Bemerkung eines jungen Mannes. Da kann man den Kopf schütteln, aber das ist noch kein sexistischer Skandal. Mit einer solchen Verharmlosung wird unser Kampf gegen sexuelle Belästigung und Erniedrigung in der Öffentlichkeit, im Beruf und in der Politik geschwächt. Ich halte die späte Empörung für ein rein parteipolitisches Manöver.
Stichwort Frauenbild. Nicht nur in den USA scheinen Frauen wieder die Rolle der Tradwife, der traditionellen Hausfrau, als ihr Ideal anzusehen.
Schwarzer: Stimmt das, oder ist das mal wieder eine Medienente? Ich bezweifle sehr, dass es so viele reale Tradwives gibt. Gerade in den USA behaupten sich die Frauen und auch die jüngeren tough im Leben, in dem sie einen Beruf haben und Kinder. Das sind immer solche Wellen, da wird uns erzählt, was jetzt Mode ist, hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen. Das sind diese Narrative, in die man immer wieder Frauen versucht einzuwickeln.
Jüngst mokierten Sie sich über das „Quoten-Chichi“. Ich halte dagegen, nur verpflichtende Quoten knacken den strukturellen Machismus.
Schwarzer: Sie haben recht. Das war ein bisschen schnoddrig von mir. Ich begrüße die Gelegenheit, das zu korrigieren. Natürlich ist es großartig, wenn Frauen an der Spitze der Macht sind. Aber ich finde es problematisch, immer nur von Quoten zu reden, zu Zeiten, wo Frauen in beruflicher Bedrängnis sind, einen guten Job zu haben. Verpflichtende Quoten in der Politik, in Relation zum Mitgliederstand einer Partei, fände ich angebracht. Ansonsten bin ich für eine flexible Quote, sodass man nicht um jeden Preis, wo man keine Frau besetzen kann, das muss.
„Feminismus pur. 99 Worte“ von A wie Abtreibung über Ehre, Essstörungen, Femizid, Geld, Handtasche und Islamismus zu Liebe, Macht, Ostdeutschland, Pornografie, Sexualität, Silvesternacht 2015 und Väter zu Xanthippe und Z wie (Selbst)Zweifel: An wen wendet sich Ihr Buch?
Schwarzer: Wie immer an alle. Ich habe keine Altersklassenbrille auf. Wie Sie sagen, es ist eine Mischung aus den großen Schlagwörtern und sehr persönlichen. In der Kürze, mit dieser Form, hoffe ich natürlich auch, die Jüngeren zu gewinnen, TikTok auf Feministisch sozusagen.
Apropos. Sie sagen, junge Frauen haben es schwerer als in den 70er Jahren.
Schwarzer: Ja, weil für uns war die Sache klar. Wir waren benachteiligt, die Jungs hatten mehr Freiheiten, wir waren es leid. Wir haben die Tür aufgetreten und sind rausgegangen in die Welt. Jetzt sind die Frauen scheinbar emanzipiert, aber zerrissen und haben weiterhin viele geschlechtsspezifische Zwänge.
Was Social Media und die vielen Influencerinnen noch verstärken.
Schwarzer: Deren Schönheits- und Schlankheitsdiktat plus Konsumwahn sind junge Frauen regelrecht ausgeliefert, sie werden dressiert, zu gefallen. Das waren wir in der Schärfe nicht. Es ist ja schön, wenn man denen gefällt, die einen interessieren, ansonsten sollte man sein Leben eher damit verbringen, sich eine Perspektive aufzubauen.
Ihre Äußerung im „Spiegel“, eine mögliche Bundeskanzlerin Alice Weidel könnte Frauen ermuntern, hat Empörung provoziert.
Schwarzer: Mein Thema war Weidel nicht. Mein Interviewpartner hat die Fantasie entwickelt: Wenn Weidel Kanzlerin wäre, „was meinen Sie, würde sie die Frauen ermutigen“? Ich war erstaunt und habe geantwortet, wenn sie Kanzlerin wäre, würde sie vermutlich auch als Frau einen ermutigenden Effekt haben.
Also alles halb so schlimm?
Schwarzer: Allerdings. Was soll diese hysterische Skandalisierung? Wir leben in einem Klima, wo, wenn nur der Name Weidel oder AfD fällt, alle sich sofort distanzieren. Das hat keinen Zweck. Wir müssen die Realität sehen und miteinander reden. Und wenn ich sage „wir“, begreife ich mich als Teil der AfD-kritischen Fraktion.
Sie lehnen Waffenlieferungen an die Ukraine vehement ab: Soll Europa das Land Russland dem Fraß überlassen?
Schwarzer: Nein, im Gegenteil. Europa soll aufhören, die Ukraine in den sicheren Untergang zu hetzen. Wir haben jeden Tag an der Front bis zu 1000 Tote, auf beiden Seiten. Die Geheimdienste wissen, dieser Krieg ist militärisch nicht zu gewinnen. Wir müssen verhandeln.
Frau Schwarzer, ganz generell, wie optimistisch bleiben Sie?
Schwarzer: Es fällt schwer in Bezug auf die Weltlage. In Bezug auf die Frauen bleibe ich optimistisch. Wenn ich zurückblicke, was vor 50 Jahren war. Wir Frauen haben ungeheuer viel erreicht.

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