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Der Reichspräsident als Schlüsselfigur
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Hindenburg und die Folgen: Wolfgang Niess nimmt das „Schicksalsjahr 1925“ in den Blick

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Noch immer sind Straßen nach Paul von Hindenburg benannt. Journalist und Historiker Wolfgang Niess zeigt in seinem neuen Buch, welche direkte Linie sich von der Wahl des Generalfeldmarschalls a. D. 1925 zum Reichspräsidenten bis zur Errichtung der NS-Diktatur ziehen lässt. Für Vortrag und Gespräch kam Niess nun ins Heilbronner Literaturhaus.

„Hindenburg hat nicht nur Hitler ernannt, sondern er hat die Diktatur installiert“: Historiker und Journalist Wolfgang Niess im Literaturhaus Heilbronn.
„Hindenburg hat nicht nur Hitler ernannt, sondern er hat die Diktatur installiert“: Historiker und Journalist Wolfgang Niess im Literaturhaus Heilbronn.  Foto: Kreet, Martina

Der Begriff Schicksal wird in der Geschichtswissenschaft kontrovers diskutiert, deutet er doch eine deterministische Auffassung von historischen Ereignissen an. Dabei steht eine wie auch immer geartete Vorherbestimmung der prinzipiellen Offenheit von menschlichen Entscheidungen und Handlungen entgegen.

Wenn Wolfgang Niess seiner im März im C. H. Beck Verlag erschienenen Analyse der Wahl Paul von Hindenburgs zum zweiten Reichspräsident der Weimarer Republik den Titel „Schicksalsjahr 1925“ verpasst, so tut der promovierte Historiker das wohlwissend, dass die Kandidatur des Generalfeldmarschalls a.D. nicht selbstverständlich war. Und weil Niess mit dem Buchtitel deutlich machen möchte, „dass ’25 etwas passiert, was man zunächst nicht auf dem Schirm hat.“ Nämlich eine politische Weichenstellung, die zur Errichtung der NS-Herrschaft führt.

Wolfgang Niess: Hindenburg war kein seniler Greis

Bereits mehrfach hat der frühere, langjährige SWR-Journalist und Begründer der Reihe „Autor im Gespräch“ zur Weimarer Republik publiziert. Auf Einladung von Literaturhaus, Stadtbibliothek und Historischem Verein ist Wolfgang Niess am Dienstag zu Gast im Trappenseeschlösschen, um Ursachen und Folgen jener Wahl vor 100 Jahren aufzuzeigen und Hindenburg als Schlüsselfigur auf dem Weg Deutschlands in die Katastrophe ins Bewusstsein zu rücken – in einem aufschlussreichen Vortrag sowie einem angeregten Gespräch mit dem ehemaligen Direktor des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart, Thomas Schnabel.

War Hindenburg ein langfristiger strategischer Denker, will Schnabel unter anderem wissen. „Mitnichten“, so Niess, der im 1933 bereits 86-Jährigen dennoch keinen tattrigen Greis sieht, der angeblich nicht mehr wusste, was passierte, und von seiner Kamarilla gedrängt wurde. Was Hindenburg unterschrieben habe, habe er auch gutgeheißen. Seine Vorbehalte gegen den böhmischen Gefreiten Adolf Hitler seien innerhalb weniger Wochen verschwunden. „Er hat nicht nur Hitler ernannt, sondern er hat die Diktatur installiert. Darüber wird zu wenig geredet“, findet Niess.

Wenn Straßen den Namen Hindenburg tragen

Wie heute mit dem Feldmarschall und Reichspräsidenten umgehen? Skandalös findet Thomas Schnabel, dass etwa noch immer Straßen nach Hindenburg benannt sind. Bad Tölz, hat Wolfgang Niess erfahren, belässt es beim Namen, hat seine Straße aber mit elf Infostelen zu Hindenburg ausgestattet. Im Rahmen einer Reportage für eine Hörfunksendung über eine geplante Umbenennung Anfang der 1980er in Biberach an der Riß befasste sich Niess übrigens erstmals intensiver mit der historischen Persönlichkeit. Die Ostpreußische Landsmannschaft forderte danach die Absetzung des Journalisten.

Ausführlich legt der gebürtige Giengener, Jahrgang 1952, die Hintergründe zur Wahl Paul von Hindenburgs dar und geht dabei auch auf die Rolle der politischen Rechten um den Präsidenten des Reichsbürgerrats Friedrich Wilhelm von Loebell ein, die im Amt des Präsidenten den entscheidenden Hebel sah, um die parlamentarische Demokratie zu beseitigen. Auch benennt der Buchautor die Punkte, die in seinen Augen für Hindenburgs Selbstverständnis zentral gewesen sind: seine Herkunft aus altpreußischem Adel sowie sein naives Gottvertrauen als tiefgläubiger Protestant.

Thomas Schnabel: Der Reichspräsident war korruptionsanfällig

In der Öffentlichkeit zehrte der „Sieger von Tannenberg“ zudem vom Mythos um seine Person. Was der Heilbronner Historiker Thomas Schnabel mit der Bemerkung quittiert: „Wenn er auch kein Stratege war, im Ego-Marketing war er groß.“ Als Lügner und Betrüger überführt Schnabel den Totengräber der Weimarer Republik – Stichwort Dolchstoßlegende – und führt Beispiele dafür an, wie korruptionsanfällig Hindenburg gewesen ist.

„Nehmen wir ernst, was er in seiner Osterbotschaft verkündet hat“, liegt für Wolfgang Niess in Hindenburgs Aufruf „An das deutsche Volk“ am 11. April 1925 vor der Wahl der Kern zum Verständnis für dessen Präsidentschaft. Denn darin gibt der Kandidat bekannt, so der Journalist, dass er „der sammelnde Mittelpunkt aller national denkenden Deutschen sein möchte“. Einer, der seinem Vaterland helfen will, damit es nicht völlig den Bach runtergeht – und in den folgenden Jahren die Regierungen immer weiter nach rechts treibt, um dieses Ziel zu erreichen.

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