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Französischer Autor

Hervé Le Tellier mit Würth-Preis für Europäische Literatur ausgezeichnet

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In seiner Dankesrede pries Hervé Le Tellier („Die Anomalie“, „Der Name an der Wand“) die Literatur als eine der großen moralischen Kräfte unseres Kontinents und warf der Regierung von Benjamin Netanjahu Genozid vor. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre verliehen.

Als „ein Meister des Spiels mit Regeln und Genres, mit Gattungen und Formen“ würdigte die Jury Preisträger Hervé Le Tellier. Am Abend vor der Verleihung las der Autor in Schwäbisch Hall.
Als „ein Meister des Spiels mit Regeln und Genres, mit Gattungen und Formen“ würdigte die Jury Preisträger Hervé Le Tellier. Am Abend vor der Verleihung las der Autor in Schwäbisch Hall.  Foto: Ufuk Arslan

Ein Roman, der abläuft wie ein Dominospiel: Sechs Figuren wird jeweils eine Zahl zugeordnet, Nebenfiguren sind Nullen. „Ein abgelegter Doppelstein zieht ein Kapitel mit nur einer Person nach sich, ein einfacher Stein ein Kapitel mit zwei Personen, ausnahmsweise auch drei Personen, wenn eine der Personen weder handelt noch zu Wort kommt.“ Was auf den ersten Blick eine trockene Versuchsanordnung zu sein scheint, liest sich überraschend leicht in Hervé Le Telliers melancholischer Komödie „Kein Wort mehr über Liebe“, der dieses Erzählprinzip zu Grunde liegt. Und die von zwei Frauen handelt, die jede für sich einen Pariser Sommer lang zwischen zwei Männern steht. 

Solche und ähnliche formale Spielereien zeichnen die Literatur Hervé Le Telliers aus. In seinen Texten macht sich der französische Schriftsteller immer wieder einen intelligenten Spaß daraus, mit selbst auferlegten Regeln zu experimentieren, Genres munter zu mischen, eine Vielzahl von literarischen und popkulturellen Verweisen unterzubringen, nebenbei große philosophische Fragen aufzuwerfen und den Möglichkeitsraum von Sprache zu erweitern. 

Ein Preisträger, der in der Tradition von Oulipo schreibt

Neben Romanen und Erzählungen umfasst Le Telliers Œuvre auch Gedichte, Comics und Kolumnen. Auf Deutsch erscheinen seine Bücher bei Rowohlt, dtv und Diaphanes. Mit der Doppelgänger-Geschichte „Die Anomalie“, in der eine Boeing 787 mit exakt denselben Menschen an Bord drei Monate später noch einmal landet, gelang Le Tellier ein Bestseller, der in mehr als 44 Sprachen übersetzt und verfilmt wurde. Obendrein erhielt er für diese Science-Fiction-Story 2020 den Prix Goncourt, den wichtigsten Buchpreis seines Heimatlandes.

Nun ist der Autor mit einer weiteren Auszeichnung bedacht worden. Am Dienstagabend nahm er im Carmen-Würth-Forum in Künzelsau den mit 25.000 Euro dotierten 15. Würth-Preis für Europäische Literatur entgegen. Und zwar, so Jurorin Dorothee Kimmich in ihrer Laudatio, für sein „ganzes vielfältiges, elegantes, kluges, witziges, großartiges Werk, aber vielleicht doch ganz besonders für die Geschichte des André Chaix“.

Womit der Protagonist von „Der Name an der Wand“, Hervé Le Telliers jüngstem, auf Deutsch erschienenem Buch, gemeint ist. Anhand von Bildern, Briefen und Gesprächen begibt sich Le Tellier auf eine einfühlsame Spurensuche nach dem unbekannten Résistancekämpfer André Chaix, der 1944 im Alter von 20 Jahren von den Deutschen erschossen wurde. Zugleich ist diese essayistische Reise in die Vergangenheit eine eindringliche Mahnung an die Gegenwart.

Aber auch das ist Le Tellier: In seinem schmalen Bändchen „Die Sextinische Kapelle“ entwirft er ein erotisches Karussell, einen frivolen Reigen à la Arthur Schnitzler, aus dem er jedoch nicht las in der mittelalterlichen Kirche St. Katharina in Schwäbisch Hall am Vorabend der Verleihung. Dafür gab er viele kleine Kostproben aus seinen anderen Büchern, „um nicht den Eindruck zu vermitteln, dass er ein kohärenter Autor ist“, wie an seiner Seite Übersetzer Jürgen Ritte anmerkte.

1957 in Paris geboren, studierte Hervé Le Tellier Mathematik und promovierte in Linguistik. Den Beginn seines politischen Engagements, erinnert sich Le Tellier im autobiografischen Roman „All die glücklichen Familien“, markierte eine Vorführung von Alain Resnais’ KZ-Doku „Nacht und Nebel“ im Filmclub seines Gymnasiums. Seit 1992 gehört er der Autorengruppe Oulipo an und ist seit 2019 deren Präsident. Anstatt auf Inspiration zu hoffen, setzen die Mitglieder von Oulipo, kurz für Ouvroir de littérature potentielle, also Werkstatt für potenzielle Literatur, auf das Prinzip der Einschränkung beim Verfassen ihrer kreativen Texte.

Hervé Le Tellier: „Man darf keine Angst vor klaren Worten haben“

Das menschliche Schreiben, führte Hervé Le Tellier in seiner teils emotionalen Dankesrede aus, sei im Gegensatz zu Texten, die von KI verfasst würden, keine Simulation. „Es entsteht aus einer gelebten Erfahrung, aus einem Zweifeln des Bewusstseins, aus einer Erinnerung, die dem Vergessen widersteht. Es entsteht aus einem Körper, der in der Geschichte präsent ist.“ Literatur sei eine Freundschaft zwischen einem Autor und seinem Leser, eine der großen moralischen Kräfte unseres Kontinents und eine demokratische Notwendigkeit.

„Man darf keine Angst vor klaren Worten haben und sich nicht mundtot machen lassen, wenn die Regierung von Benjamin Netanjahu in Gaza, im Westjordanland und nun auch im Libanon eine humanitäre Katastrophe heraufbeschwört“, sagte der Preisträger außerdem sichtlich bewegt. „Als Schriftsteller müssen wir für die Bedeutung der Worte kämpfen. Dieses gewaltige Wort, Genozid, das so viel Bedeutung in sich trägt, muss ausgesprochen werden dürfen.“

Der Würth-Preis für Europäische Literatur

Der Würth-Preis für Europäische Literatur wird seit 1998 alle zwei Jahre verliehen und ist mit 25.000 Euro dotiert. Mit der Auszeichnung werden literarische Bemühungen um die kulturelle Vielfalt Europas gewürdigt. In der Vergangenheit geehrt wurden etwa die späteren Literaturnobelpreisträger Annie Ernaux, Peter Handke und Herta Müller.

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