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Wie den alten Aschenputtel-Stoff in der Gegenwart erzählen? Die Inszenierung des Theaters und Orchesters Heidelberg verlegt Rossinis Oper „La Cenerentola“ in die Welt der TV-Casting-Shows. Insgesamt sieben Mal ist Rossinis Oper in Heilbronn zu sehen.

Das kann ja heiter werden. Da liefern sich zur Ouvertüre ein Korb voller Wäsche und eine Packung Waschpulver eine Verfolgungsjagd, ein gelbes Hemd mischt auch noch mit. Und man fragt sich, wie das in den kommenden gut drei Stunden wohl weitergehen wird.
Verantwortlich für diesen cartoonesken Auftakt sind das Theater und Orchester Heidelberg. In der Regie von Intendant Holger Schultze haben sie sich Gioacchino Rossinis „La Cenerentola“ vorgenommen. Jene 1817 uraufgeführte Komische Oper, in der die gedemütigte, aber unbeirrt tugendhafte Heldin am Ende belohnt wird. Insgesamt sieben Mal gastieren die Heidelberger damit im Großen Haus des Theaters Heilbronn. Bei der Premiere am Donnerstagabend, 29. Januar, gab es viel Beifall für alle Beteiligten.
Denn was wie Figurentheater für Heranwachsende beginnt, entpuppt sich schnell als gewitzte Inszenierung, die schauspielerisch und musikalisch glänzende Momente bereithält. Unter der Leitung von Dietger Holm und Junyoung Kim flößt im Graben ein zupackendes Orchester Rossinis Partitur Leben ein, während die Stimmen auf der Bühne durch perlende Koloraturen und sprudelndes Parlando aufhorchen lassen.
Die alte Aschenputtel-Geschichte hat Schultze in eine nicht näher bestimmte Gegenwart verlegt. Wobei der Begriff Seifenoper hier eine ganz neue Bedeutung bekommt. Angelina trifft ihren Prinzen nämlich in der Reinigung, in der sie täglich zwischen Waschmaschine, Bügeleisen und Kasse schuftet, während ihre zwei zickigen Schwestern und ihr Stiefvater sie herumkommandieren.
Zwar ist es Liebe auf den ersten Blick, doch bis das Paar zusammenkommt, gilt es Verwechslungen, amouröse Wirren und Klassenunterschiede zu überwinden. Kuppel-TV-Formate wie „Der Bachelor“ lassen grüßen, wenn die Regie die Brautsuche von Prinz Ramiro als schräge Castingshow deutet (Ausstattung: Lorena Diaz Stephens und Jan Hendrik Neidert) mit einem Schwarm genderfluider Paradiesvögel, die um Aufmerksamkeit im Rampenlicht buhlen.
„Aber ist das nun eine echte Romanze oder eine Komödie?“, fragt sogar das Libretto von Jacopo Ferretti. Schon dieser hatte die Märchenvorlage von Charles Perrault entstaubt, die Geschichte mit komischen sowie tragischen Elementen ausgestattet und die Verhältnisse seiner Zeit ironisch beleuchtet. Innerhalb von 20 Tagen schrieb Rossini die Musik zu diesem Dramma giocoso, das er noch im Alter als sein Lieblingsstück bezeichnete.
Die Titelpartie stellt hohe stimmliche Anforderungen, die Anna Alàs I Jové bravourös meistert. Mit ausdrucksstarkem Mezzosopran macht sie Sehnsucht, Schmerz und Verliebtheit ihrer Figur greifbar. Trifft Angelina auf Prinz Ramiro, meint man in beider Gesang ihre flatternden Herzen zu hören. In der Rolle des männlichen Gegenparts überzeugt João Terleira als geschmeidiger, strahlender Tenor. Den schlitzohrigen Diener Dandini gibt an seiner Seite Bariton Ipča Ramanović, der in den tieferen Lagen etwas dünn wirkt.
Dandini tauscht mit Prinz Ramiro die Kleidung, damit der Königssohn unerkannt die wahre Liebe suchen kann. Denn nicht für sein Geld, sondern aufgrund seines Charakters möchte er begehrt werden. Der wahre Strippenzieher im Hintergrund ist jedoch Alidoro, Ramiros Erzieher und Mentor. Mit seinem sonoren Bass legt Wilfried Staber die Figur gleichermaßen respekteinflößend wie gütig an.
Den Vogel aber schießt Stefan Stoll als Don Magnifico ab, Vater der garstigen Schwestern (Theresa Immerz und Elisabeth Wrede) und Stiefvater Angelinas. Anfangs ganz das gemeine Scheusal, steht der wendige Bass am Ende dumm da, als er merkt, dass Ramiro und Dandini ihn getäuscht haben, um nicht zu sagen: eingeseift.
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