Stimme+
Programm
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Helge Schneider in Heilbronner Harmonie: „Das ist nicht mein Niveau“

   | 
Lesezeit  2 Min
audio Anhören
Erfolgreich kopiert!

In seinem aktuellen Programm „Ellebogen vom Tich!“ zelebriert Helge Schneider, der Meister des Nonsense, einmal mehr das perfektionierte Chaos – und beglückt damit 1600 Fans in der Heilbronner Harmonie.


Externer Inhalt

Dieser externe Inhalt wird von einem Drittanbieter bereit gestellt. Aufgrund einer möglichen Datenübermittlung wird dieser Inhalt nicht dargestellt. Mehr Informationen finden Sie hierzu in der Datenschutzerklärung.

So toll wie hier, ist es nirgends. Woanders will Helge Schneider mit solch einer Aussage nur die Leute beruhigen, dieses Mal aber meint er es ernst. Dass er den Namen Heidelbergs, pardon Heilbronns, dieser Stadt am Rhein „oder Neckarmann“, während seines Auftritts immer wieder von der Hand ablesen muss? Geschenkt. Wenn sich der Unterhaltungskünstler sui generis an diesem Abend im Paris Europas wähnt und die Aufteilung mit all den Straßen und Häusern lobt, beömmelt sich der Saal und ist man bereits mittendrin im absurd-komischen Schneiderschen Kosmos, den man wahlweise ätzend findet oder liebt.

Mit „Helge Schneider“-Gesängen empfängt ihn das Publikum am Freitag in der Harmonie. Zur selbsternannten singenden Herrentorte pilgern Groß und Klein. Nicht wenige Besucher sind im Fan-Shirt gekommen, auch sieht man ein paar Hüte und Struwwelperücken. Zusammen mit schrägen Outfits und einer nuschelnden Aussprache sind sie Markenzeichen des wohl letzten Dadaisten, dessen Song „Katzeklo“ 1993 ein Riesenerfolg wird und TV-Auftritt bei „Wetten, dass...?“ ihn im Folgejahr einem Millionenpublikum bekannt macht.

Helge Schneider in Heilbronner Harmonie: Anarchische Texte treffen auf schnulzige Schlager und lässigen Jazz

„Ellebogen vom Tich!“ heißt Helge Schneiders aktuelles Tour-Programm, in dem er einmal mehr das perfektionierte Chaos zelebriert. Anarchische Texte paart der Ruhrpott-Clown mit schnulzigen Schlagern und lässigem Jazz. Wie beispielsweise bei „Firlefanz“, einer Nummer, die zum Aufmüpfig sein anstacheln soll. „Geh nicht zur Schule, bleib dumm, aber tu es heimlich“, heißt es darin. „Das nächste Lied ist wieder mit Musik“, kündigt Schneider an anderer Stelle an. Zur Parodie auf Herzschmerz-Sänger gerät „Hunderttausend Rosen schick ich dir“. Dass er auch Grönemeyer und Lindenberg drauf hat, lässt der grandiose Improvisateur nur kurz durchblicken.

„Geh nicht zur Schule, bleib dumm, aber tu es heimlich“: Ruhrpott-Clown Helge Schneider stachelt an zum Aufmüpfig sein.
„Geh nicht zur Schule, bleib dumm, aber tu es heimlich“: Ruhrpott-Clown Helge Schneider stachelt an zum Aufmüpfig sein.  Foto: Mario Berger

Mal kichert er gekünstelt, mal muss er selbst losprusten angesichts seines sinnfreien Geplauders. Vom Atombusen einer Französin und dem Geigerzähler in seiner Hosentasche quatscht Helge Schneider etwa. Nur um dann abzuwinken: „Aber das ist nicht mein Niveau.“ Ohnehin werde er oft mit Atze Schröder verwechselt. Später gibt er an, seit den Siebzigern bis vor Kurzem in Brasilien gelebt zu haben und von einem Doppelgänger vertreten worden zu sein.

Wohl nichts nimmt der Ruhrpott-Clown so ernst wie Musik – Helge Schneiders Auftritt in Heilbronner Harmonie

Dazwischen watschelt die Kultfigur über die Bühne von der Gitarre ans Klavier übers Saxofon zum Vibrafon. Beglückt schauen 1600 Besucher dem Multiinstrumentalisten und Musiker bei der Arbeit zu, der beiläufig genial „Oh Tannenbaum“ unter seine Komposition „L.O.T.C.“ mischt oder „Die Moritat von Mackie Messer“ so umtextet, dass der Haifisch keine Zähne mehr hat, weil er sie neben dem Bett im Wasserglas vergessen hat. Ein richtiges Kabinettstückchen gelingt mit dem Jazzstandard „Autumn leaves“. Überhaupt nimmt Helge Schneider wohl nichts so ernst, wie die Musik.

Biografisches zu Helge Schneider

Helge Schneider, geboren 1955 in Mühlheim an der Ruhr, beginnt mit fünf Jahren, Klavier zu spielen, die Schule verlässt er ohne Abschluss, nach einer Begabtenprüfung studiert er zwei Jahre am Konservatorium. Der Jazz ist seine Leidenschaft, als Landschaftsgärtner, Dekorateur, Tierpfleger und Polsterer hält er sich finanziell über Wasser. Anfang der Neunziger gelingt ihm der Durchbruch. In der ARD-Doku „The Klimperclown“, die aktuell in der Mediathek abrufbar ist, lässt der Multinstrumentalist, Entertainer, Autor, Regisseur und Schauspieler sein Leben Revue passieren. Schneider hat sechs Kinder mit vier Frauen.

Begleitet wird der 70-Jährige von „einer Art Miniaturorchester“, das er einbezieht in seinen Klamauk. „Brech dir nichts“, sorgt sich Schneider um Gitarrist Sandro Giampietro, als der zu einem Solo ansetzt. Eine Neuanschaffung, so der Bandchef weiter, sei Bassist Leo Richartz, der ebenso Tuba spielt – jenes Hassinstrument, dem der Mittzwanziger durch seine langen Haare eine gänzlich andere Wirkung verleihe. Als Gast bei der Tour einmalig dabei ist der britische Schlagzeuger Pete York. 

Grandioser Musiker, begnadeter Multiinstrumentalist und bald auch Avatar?

Nachdem sich der Meister des Nonsense mehr als zwei Stunden lang durch seine Show gekaspert hat, bedankt sich das Publikum mit Beifall im Stehen. Und hofft vielleicht später auf dem Nachhauseweg, dass Helge Schneiders Zukunftsvision nie wahr werden möge: „Eines Tages gibt’s mich als Avatar, dann brauche ich nicht mehr selbst auftreten.“

Nach oben  Nach oben