„Heimat ist da, wo der Esel satt wird“: Muhterem Aras bei Treffpunkt Forum
Landtagspräsidentin Muhterem Aras sprach in Künzelsau über ihr Ankommen in Deutschland, was sie in die Politik führte und beschwor den Wert von Grundgesetz, Demokratie und Freiheit. Erneut ist die Politikerin dieses Jahr Schirmherrin des Musikfests der Stiftung Würth am 11. Juli.

Frau, Grüne, Mensch mit Migrationshintergrund: Als Muhterem Aras 2016 zur Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg gewählt wird, ist das in dreifacher Hinsicht ein Novum. Worauf Aras am meisten stolz ist? Die erste Frau in diesem Amt zu sein. „Nach 63 Jahren war das höchste Zeit“, sagt Aras im Gespräch mit Moderatorin Bernadette Schoog, „davor haben das die Männer immer unter sich ausgemacht.“
Dass die 1966 in einem kleinen anatolischen Dorf geborene Politikerin erst als Landtagspräsidentin so richtig rassistischen Anfeindungen ausgesetzt ist, wie sie am Montag im Carmen-Würth-Forum in Künzelsau erzählt, ist gleichwohl die andere Seite der Medaille.
Aras, die dieses Jahr auch erneut Schirmherrin des Musikfests der Stiftung Würth ist, erwähnt Hassmails und Morddrohungen, sagt aber: Wenn ihre Person auf diesem Stuhl für manche Nichtdemokraten zu viel sei, „ist das nicht mein Problem, das ist deren Problem“. „Ich habe das Grundgesetz auf meiner Seite“, wie Muhterem Aras den Wert von Grundgesetz, Freiheit und Demokratie an diesem Abend – wenig überraschend – immer wieder beschwört.
„Ohne Vorurteile aufeinander zugehen“: Muhterem Aras über Integration
Bereits als Kind erfährt die Tochter kurdischer Aleviten in der Türkei Ausgrenzung aufgrund ihrer Muttersprache und Religion. Auch sind die Strukturen unter den Kurden sehr patriarchal. Der Umzug im Alter von zwölf Jahren mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern nach Filderstadt, wo der Vater als sogenannter Gastarbeiter seit einiger Zeit lebt, eröffnet Aras darum eine andere Welt. „Ich habe hier erlebt, was man als Mädchen alles darf, das hat mich fasziniert.“ In der Schule wird sie freundlich aufgenommen.
Über den Vater, der sich in Deutschland von seiner sensiblen und großzügigen Seite zeigen kann, von der Mutter, einer „extremen Feministin“, die zu Hause das Sagen hat, zeitlebens aber darunter leidet, Analphabetin zu sein, spricht Aras in der Reihe „Treffpunkt Forum“. Auch davon, wie die Eltern gegen den Druck der kurdischen Community hierzulande den Kindern Freiheiten gewähren und diese bei einer schwäbischen Bauernfamilie Anschluss finden. „Wenn beide Seiten ohne Vorurteile aufeinander zugehen, dann ist sehr viel gewonnen.“ Apropos: In Sachen Integrationspolitik findet die Grüne lobende Worte für Stuttgarts früheren Oberbürgermeister Manfred Rommel (CDU).
Das Plädoyer der Landtagspräsidentin für einen anderen Kulturbegriff
„Je mehr ich mich eingebracht habe, desto heimischer habe ich mich gefühlt“, blickt Muhterem Aras zurück. Sie macht Abitur, studiert Wirtschaftswissenschaften, heiratet zum Entsetzen der Mutter früh und politisiert sich, als es Anfang der Neunziger in Deutschland zu rassistischer Gewalt kommt. Heute spricht die Landtagspräsidentin lieber von Mosaik, anstatt von Leitkultur und möchte den Rechten weder die deutsche Flagge noch den Heimatbegriff überlassen. „Heimat ist da, wo der Esel satt wird“, zitiert Aras ihren Vater.

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