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„Kein Verlass auf Uhren und Gestirne“

Heilbronner Übersetzerin Renate Schmidgall veröffentlich Lyrikband-Debüt

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„Prosa ist Arbeit, Lyrik ein Geschenk – auch wenn man an dem Geschenk manchmal recht lange feilen muss“, sagt die renommierte Übersetzerin Renate Schmidgall. Mit 70 hat sie ihre gesammelten Gedichte aus den vergangenen Jahrzehnten veröffentlicht.

„Kein Verlass auf Uhren und Gestirne“: Am 16. Juli liest Renate Schmidgall im Literaturhaus Heilbronn.
„Kein Verlass auf Uhren und Gestirne“: Am 16. Juli liest Renate Schmidgall im Literaturhaus Heilbronn.  Foto: Berger, Mario

„Ich habe schon zu tun, das habe ich ja immer“, erzählt Renate Schmidgall kurz vor ihrem 71. Geburtstag diese Woche am Telefon. Die Heilbronnerin, heute wohnhaft in Darmstadt, übersetzt seit mehr als 35 Jahren Lyrik und Prosa aus dem Polnischen ins Deutsche. Zum Beispiel von Andrzej Stasiuk, der oft in einem Atemzug mit  Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk genannt wird als herausragende literarische Stimme ihrer Generation. Mit „Der Fluss der Kindheit“ erscheint im Suhrkamp Verlag Ende November sein neuer Roman. Schmidgall schätzt Stasiuk als großen Stilisten, wunderbaren Menschen und hat auch dieses Buch von ihm ins Deutsche übertragen.

Ein weiterer Autor, dessen Texte durch ihre Hände gegangen sind, ist der vor fünf Jahren verstorbene Lyriker und Essayist Adam Zagajewski, zu dessen Gedenken am Vorabend des Telefongesprächs Renate Schmidgall in Darmstadt gelesen hat. „Er war einer meiner ganz großen Autoren und jemand, der immer wieder auf der Liste für den Nobelpreis war.“

Obendrein hatte Zagajewski mit den größten Einfluss auf Renate Schmidgalls eigenes Schreiben. Denn seit den 90ern hat die renommierte Übersetzerin beiläufig an ihren eigenen Gedichten gearbeitet. Gesammelt in einem Band, sind sie nun unter dem Titel „Kein Verlass auf Uhren und Gestirne“ im Berliner Secession Verlag erschienen (143 Seiten, 18 Euro). „Endlich!“, wie entzückt der ehemalige Hanser-Chef Michael Krüger anmerkt, der ein Nachwort beigesteuert hat.

Infos zur Person und Lesung

Renate Schmidgall, geboren 1955 in Heilbronn, lernt als dritte Fremdsprache am Elly-Knapp-Heuss Gym nasium Russisch, später studiert sie Slawistik an der Universität in Hei delberg – und dabei auch Polnisch. Seit 1984 lebt Schmidgall in Darmstadt, wo sie erst Bibliothekarin, dann wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Polen-Institut ist. Für ihre Arbeit als freie Übersetzerin wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Am Donnerstag, 16. Juli, 19 Uhr, liest Renate Schmidgall im Heilbronner Literaturhaus aus „Kein Verlass auf Uhren und Gestirne“.

Renate Schmidgall: „Ich wollte nie die Sprache revolutionieren“

„Da bin ich nur bedingt dran schuld“, kommentiert Schmidgall dieses späte Debüt und zählt geglückte und missglückte Versuche auf, in der Vergangenheit hier und da etwas in einer Literaturzeitschrift zu publizieren. Auch spricht sie vom schweren Stand, den eine Lyrik wie die ihre hierzulande hat. „Ich wollte nie die Sprache revolutionieren oder irgendwie in der Hinsicht experimentell arbeiten.“ An die Tradition der polnischen Poesie anknüpfend, schreibe sie einfache, verständliche, für viele Leser zugängliche Verse. „Das heißt ja nicht, dass die Gedichte primitiv sind.“

In fünf Einheiten chronologisch nach ihrem Entstehungszeitraum gruppiert, lässt sich an den Gedichten in „Kein Verlass auf Uhren und Gestirne“ ein Wandel der Themen nachverfolgen. Vor allem um die Liebe geht es in den beiden ersten Kapiteln. „Als sie sich in gewisser Weise erschöpft hatte, kamen andere Inspirationsquellen.“ Was für Renate Schmidgall insbesondere Orte waren, die sie sehr berührt haben und an denen sie flüchtige Alltagsbeobachtungen festgehalten hat.

Dementsprechend geht es in diesem Lyrikband viel um Polen. Auch die Ukraine und die Niederlande kommen vor sowie Russland, wo Schmidgall 13 Monate lang in Moskau gelebt hat. In Peking wiederum wohnt seit vier Jahren ihre Tochter Vera. Ein ganzer Abschnitt, der vierte, ist mit „Herbst auf Rhodos“ überschrieben, auf der griechischen Insel war die Lyrikerin 2012 aufgrund eines Stipendiums.

Im Herbst erscheint die nächste Stasiuk-Übersetzung der Heilbronnerin

In Versen wie „Und ein / altes Gefühl: Heimweh nach einem fremden Ort“ beschreibt Renate Schmidgall diese Sehnsucht nach der Ferne, der sie an anderer Stelle entgegenhält: „Heimat. Man kann nicht genug davon haben.“ Entsprechend finden sich Szenen und Stimmungen aus Bad Friedrichshall, Weinsberg, Sontheim – und Böckingen, wo Schmidgall einst „eine Kindheit auf Straßen, Bauplätzen / und Wiesen. Anfang der sechziger Jahre“ verbrachte. „Frundsbergstraße, unser Revier.“ Rührend liest sich der Abschied vom Vater.

Überhaupt spielt Autobiografisches stark hinein in die Gedichte. „Es hat etwas ungemein Tröstliches, wenn man das Leben oder irgendwelche Elemente davon in eine Form verwandeln kann“, sagt Schmidgall, die das Schreiben als intuitive Tätigkeit begreift. „Prosa ist Arbeit, Lyrik ein Geschenk – auch wenn man an dem Geschenk manchmal recht lange feilen muss“, bemerkte die Übersetzerin und Dichterin in ihrer Dankesrede zum Ginkgo-Biloba-Preis im vergangenen Herbst in Heidelberg.

Einige Verse hat Schmidgall dem Prosaisten Andrzej Stasiuk gewidmet, der selbst seinerzeit mit Gedichten begann. Wie bereits erwähnt, hatte auch Adam Zagajewski auf sie einen großen Einfluss. Und vor allem Maciej Niemiec, über den es heißt: „Wieder bringen Deine Gedichte mich zum Schreiben, / ein letztes Mal?“ Wohl kaum. Renate Schmidgall fühlt sich durch ihr Lyrikband-Debüt ermuntert, weiterzumachen. Auch die nächsten beiden Übersetzungen aus dem Polnischen hat sie schon in Aussicht. „Ich werde immer sehr beschäftigt sein.“

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