Grazie, Till: Jazztrompeter Till Brönner huldigt Italien bei Heilbronn-Auftritt
Seine Kindheit hat Till Brönner teilweise in Rom verbracht. Die italienischen Sounds der 60er- bis 80er-Jahre hat der Jazztrompeter nun auf seinem neuen Album verarbeitet. Wie Brönners Tour-Auftritt in Heilbronn war und was das Publikum in der Harmonie kurz irritierte.

„Es steckt alles in den Liedern Italiens, man muss nur hinhören“, weiß Musikjournalist Eric Pfeil, der in seinen Büchern „Azzurro“ und „Ciao amore, ciao“ anhand von jeweils 100 Songs viel über Land und Leute zu erzählen hat. Während Pfeil damit zwei Bestseller landete, erobern Italo-Hits seit einiger Zeit die Playlists auf den Streaming-Plattformen und trenden in den sozialen Netzwerken Beiträge, versehen mit Schlagworten wie "ItaloVibes" – musikalisch natürlich entsprechend unterlegt. Vom Soundtrack für eine eskapistische Gegenwartsflucht sprechen Beobachter. Am Freitagabend war er damit zu Gast in Heilbronn.
Jazztrompeter Till Brönner mit "ItaloVibes" zu Gast in Heilbronn
Nach der Popmusik ist der Retro-Hype spätestens mit Till Brönners neuem Album auch im Jazz angekommen. Schlicht „Italia“ nennt der wohl bekannteste und international erfolgreichste Trompeter Deutschlands seine im September veröffentlichte Hommage an ein Land, zu dem der 54-Jährige einen biografischen Bezug hat.
Die Eltern des gebürtigen Rheinländers waren Lehrer und unterrichteten an einer deutschen Schule in Rom, weswegen Brönner seine frühe Kindheit in der Ewigen Stadt verbrachte. „Eine wichtige Zeit“ für den Musiker, Hochschullehrer, Fotografen und Genießer, die er zunächst kulinarisch aufgearbeitet hat mit einem Kochbuch, ehe er sich den italienischen Sound der 60er- bis frühen 80er-Jahre vornahm, der ihn geprägt hat.
Von Disco über Filmmusik bis zur Oper reicht Till Brönners Auswahl
Seit knapp zwei Wochen ist Till Brönner nun auf „Italia“-Tour durch insgesamt 20 Städte von Hamburg bis München. Am vergangenen Freitag steht Heilbronn auf dem Plan, wo der Jazzer in der Harmonie 700 Fans beglückt mit seinem technisch raffinierten, melodiös feinen und elegant lässigen Spiel. Von Schlager über Disco und Filmmusik bis zur Oper geht die Reise. „Kill your darlings“: Nach diesem Motto hat Brönner aus gut 150 Stücken eine Auswahl destilliert für das Album und später noch einmal für die Tournee. Weniger bekannte Nummern finden sich ebenso auf der Setliste wie beliebte Ohrwürmer, die erfrischend eigenwillig interpretiert werden. Zwar steht Till Brönners Instrument klar im Mittelpunkt, das er mal samtig weich, mal scharf akzentuiert, dann wieder plauderhaft locker klingen lässt. Doch bleibt auch Raum für eindrückliche Soli der famosen Begleiter.
An diesem Abend sind dies der musikalische Leiter Christian von Kaphengst mit einem pulsierenden Bass, Mark Wyand und sein ausdrucksstarkes Saxofon sowie an den Drums David Haynes, der für einen präzisen Drive sorgt. Facettenreich ist die Performance der Pianisten Roberto di Gioia und Christian Frentzen sowie von Gittarist Bruno Müller. Gefühlvolle Vocals steuert Alessia Tavian bei in diesem bestens aufeinander abgestimmten und miteinander musizierenden Ensemble. Teilweise singt Brönner auch selbst, die Stücke moderiert er zwischendurch launig, aber nicht immer klischeefrei an.
Als der Jazztrompeter spielen will, fängt jemand im Zuschauerraum an zu singen
Mehr als zwei Stunden ohne Pause bestreiten der Trompeter und die Band. Zwischen dem melancholischen Titelstück „Il postino“ aus dem gleichnamigen Kinofilm und der Puccini-Zugabe „Nessun dorma“, die in den Händen von Brönner und di Gioia zum kleinen, zarten, verträumten Ständchen wird, bedient das Konzert abwechslungsreich die Sehnsucht nach Sonne, Meer und Ferien. „Herzlichen Glückwunsch, wenn Sie es wiedererkennen“, kündigt Brönner etwa das vermutlich populärste italienische Lied an und dekliniert die Musiker Domenico Modugnos „Nel blu, dipinto di blu“ orientiert am Bebop temporeich durch. Rasant geht es auch bei Nino Rotas Thema aus dem Mafiaepos „Der Pate“ und Ninas „Parole, parole“ zu.
Überraschungsmoment kurz vor „Caruso“
Kurz irritiert ist das Publikum, als Brönner ansetzt zu Lucio Dallas „Caruso“ und jemand im Zuschauersaal mit Inbrunst zu singen beginnt: ein freilich abgesprochener Überraschungsauftritt von Tenor und Social-Media-Phänomen Ricardo Marinello.
Rock- und Funk-Elemente fließen ein in „Amarsi un po’“ von Lucio Battista und „In alto mare“ von Loredana Bertè. Nicht nur Paolo Contes verführerisches „Via con me“ schlägt einen Bogen nach Brasilien und dessen Bossa Nova. Mittanzen möchte man auch beim Gute-Laune-Medley aus Ryan Paris’ „Dolce Vita“ und Toto Cutugnos „L’italiano“.
Das hellauf begeisterte Publikum bedankt sich mit Ovationen im Stehen. Und einem in die Stille gerufenen „Grazie!“, als der letzte Ton verklungen ist.

Stimme.de