Grandios, aber distanziert: Pianist Nelson Freire

  
Erfolgreich kopiert!

Ludwigsburg - Äußerste Konzentration, Verinnerlichung und Zurückhaltung seien sein Markenzeichen; ein Massenpublikum erreiche er ganz bewusst damit nicht. Das stand in der Ankündigung des brasilianischen Weltrangpianisten Nelson Freire. Die Kammerbestuhlung des Forums zeigte Lücken.

Von Martin Betulius

Ludwigsburg - Äußerste Konzentration, Verinnerlichung und Zurückhaltung seien sein Markenzeichen; ein Massenpublikum erreiche er ganz bewusst damit nicht. Das stand in der Ankündigung des brasilianischen Weltrangpianisten Nelson Freire. Die Kammerbestuhlung des Forums zeigte Lücken.

Schade, denn wann hat man seit Walter Gieseking bei Debussy ein solch hauchzartes Piano gehört wie jetzt bei den Schneeflocken und der Hirtenflöte in „Children’s Corner“? Impressionistisch klangen auch die Zugaben von Villa-Lobos und Montpou. Und im Finale von Chopins h-Moll-Sonate entfachte Freire ein unüberbietbares technisches Feuerwerk und viel Rasanz.

Das Largo dieses Werks und der mit cantabile und molto espressivo bezeichnete Kopfsatz von Beethovens zweitletzter Sonate in As-Dur erklangen in edelster Anschlagskultur. Warum nur wirkt dieses Klavierspiel dennoch distanziert?

Bei manchen Pianisten hat man mit ihnen Angst und freut sich mit ihnen, wenn Schwieriges gelingt. Hier ist bei Freire nichts zu befürchten. Er gestaltet darüber hinaus auch den Ausdruck „richtig“; trotzdem wirkt dies mehr gewusst als gefühlt. Vielleicht sollte man die Augen schließen, um Freires etwas scheu wirkenden Habitus zu übersehen. Als er nach einigen Verbeugungen endlich ein wenig lächelte, nahm der Beifall zu.

Das einzige echte Fragezeichen nach diesem grandiosen Abend gilt dem raschen Tempo von Mozarts A-Dur-Sonate. Hier erklang der nur „Allegretto“ bezeichnete Alla turca-Satz, wie in letzter Zeit öfter üblich, all zu „vivace“. Doch es wirkt fast kleinlich, dies einem so universalen Könner vorzuwerfen.

Nach oben  Nach oben