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Interview Florian Schroeder
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„Glück kann nicht das Maß aller Dinge sein“

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Was der Komiker, Satiriker und Autor Florian Schroeder von der grassierenden Glücksdoktrin hält, der wirren Weltpolitik, von einem kriegsgeilen Trump - und dem Leben an sich. Ein Gespräch vor Schroeders Auftritt in Heilbronn.

„Ich bin kein besonders herkunftsverbundener Mensch. Das ist eher eine Leerstelle in mir“:
Florian Schroeder.
„Ich bin kein besonders herkunftsverbundener Mensch. Das ist eher eine Leerstelle in mir“: Florian Schroeder.  Foto: Frank Eidel

Mit der grassierenden Glücksdoktrin rechnet Florian Schroeder in seinem jüngsten Buch ab, mit den vergangenen zwölf Monaten in seiner Jahresrückblickschau „Schluss jetzt!“. Mit der Show tourt der Kabarettist gerade quer durch die Republik. Auf der Zugfahrt von Berlin zum Auftritt in Flensburg hat er sich für ein Telefonat Zeit genommen. In Heilbronn ist Florian Schroeder am 25. Februar zu erleben.

„Ich bin nicht glücklich, und ich möchte es auch nicht sein“, provozieren Sie in ihrem Buch „Happy End. Warum Du ohne Glück glücklicher bist.“ Herr Schroeder, wie unglücklich sind Sie just in diesem Moment?

Florian Schroeder: Ich bin gar nicht unglücklich. Ich bin ein zufriedener, von seinem Beruf und Leben erfüllter Mensch. Wenn ich mich auf einer Skala von eins bis zehn einrichten müsste, würde ich jetzt sagen, sechs bis sieben, weil Reisen nicht unbedingt meine Lieblingsbeschäftigung ist. Aber heute Abend, wenn ich auf der Bühne stehe, dann bin ich wieder bei neun.

Und zur zehn fehlt was?

Schroeder: Ihre Frage bringt das Problem auf den Punkt. Es heißt nie Glückwunsch, eine neun ist ja toll! Wie machen Sie das? Es fehlt immer noch etwas, es ist nie genug.

Mit der steilen These „Warum Du ohne Glück glücklicher bist“ wollen Sie uns aber schon was sagen?

Schroder: Dass wir uns frei machen von der Glücksdoktrin der Gegenwart. Diese Glücksdoktrin macht das Glück nicht zu etwas Besonderem, sondern zu einer Verpflichtung, zu einem Zwang. Wer nicht glücklich ist, ist gescheitert. Wer nicht glücklich ist, muss sich schämen. Glück kann nicht das Maß aller Dinge sein. Auch nicht das Maß, ob man ein guter oder ein schlechter Mensch ist.

Mit „Schluss jetzt!“ treten Sie seit Dezember mit wenigen Pausen Abend für Abend auf. Das klingt nach einer Mission: Womit soll Schluss sein?

Schroeder: Die Mission besteht darin, das Jahr satirisch mit möglichst viel Spaß und Freude zu verabschieden, die Themen noch mal aufs Tablett zu bringen und den einen oder anderen Gedanken gemeinsam zu denken, der vielleicht vorher noch nicht da war.

Was letztes Jahr aufs Tablett gebracht wurde, war und ist doch überwiegend zum Totlachen – im Wortsinn.

Schroeder: Ja, vergangenes Jahr war sehr vieles nicht lustig. Meine Aufgabe besteht darin, das unterhaltsam zu machen, was es eigentlich nicht ist, und darin die komische Spur zu finden und ihr zu folgen.

2026 hat mit dem US-Kidnapping von Venezuelas Präsident Maduro irre angefangen und geht mit dem Anspruch Trumps auf Grönland munter weiter. Überrascht Sie das noch?

Schroeder: Die Grönland-Idee ist ja nicht neu. Was will Trump dort? Seine Leute wollen die Kälte dort nutzen für Computeranlagen, denn für KI und Bitcoin braucht man Rechnerkapazität, und das wird sehr warm, deshalb muss gekühlt werden. Und es könnte ein Spielfeld werden, wo man mit den Auswirkungen des Klimawandels, den Trump ja leugnet, experimentiert und im wahrsten Sinne des Wortes das Eis bricht. Im Großraumdenken von Trump ist das eine Scholle, die man haben will.

Und Venezuela?

Schroeder: Die Entführung von Maduro, damit hätte ich nicht gerechnet. Trump ist genauso kriegsgeil, wie man es seinen Vorgängern immer vorgeworfen hat. Er hat nur keine angeblich demokratie-exportierende Mission. Er will den Amerikanern zurückgeben, was ihnen angeblich genommen worden ist. Das macht ihn noch unberechenbarer, weil das ein Gestus der Rache ist.

Während Europa die Weltgeschichte erneut verschläft und Kanzler Friedrich Merz das völkerrechtswidrige Vorgehen als „komplex“ bezeichnet.

Schroeder: Ich kann zwar verstehen, dass Merz Trump vor dem Hintergrund der Friedensverhandlungen in der Ukraine nicht unnötig reizen will. Aber die klare Ansage, das ist völkerrechtswidrig und nicht komplex, wäre richtig und wichtig gewesen. An dem Ausdruck „komplex“ sind zwei Dinge schwierig.

Erstens?

Schroeder: Es ist eine Unterwerfungsgeste unter Trump, das heißt: Trump sieht, Europa schlägt sich in die Büsche, reagiert mit Angst. Das ist die Schwäche, die er sich erhofft.

Und das Zweite?

Schroeder: Es ermutigt alle anderen Autokraten dieser Welt, das Gleiche zu tun. Wenn ich kurz spielerisch in einen Verschwörungsmythos gehen darf, dann würde ich sagen, es ist doch spannend, dass Putin und Xi Jinping sich zu dieser Aktion kaum zu Wort melden.

„Wir brauchen das Böse, um uns selbst als die Guten zu fühlen.“

Eine Blaupause für das, was Putin in der Ukraine tut und Xi in Taiwan.

Schroeder: Es ist sehr spekulativ, aber könnte es nicht sein, dass es eine Art Absprache zwischen den dreien gibt? Wir quatschen euch nicht rein und ihr uns nicht. Das macht es leichter, die Welt in Supermächte aufzuteilen.

Florian Schroeder, 1979 in Lörrach geboren, hat mit 14 Jahren einen ersten, kurzen Auftritt in Harald Schmidts „Schmidteinander“. Nach Abitur und Zivildienst studiert er in Freiburg Germanistik und Philosophie und wechselt nach Berlin, wo er heute lebt. Anfangs im Duett mit Volkmar Staub, tourt Schroeder seit 2019 alleine mit der Jahresrückblickshow „Schluss jetzt!“. 

Würden Sie sich als politischen Kabarettisten bezeichnen?

Schroeder: Ich bin Komiker und Satiriker, dabei ist Politik ein Feld, mit dem ich mich stark und gerne beschäftige, aber nicht das einzige. Mit dem Begriff politisches Kabarett habe ich Schwierigkeiten, weil er mir zu altbacken klingt.

Sie können auch privat werden, wie in dem Buch „Unter Wahnsinnigen. Warum wir das Böse brauchen“, wenn Sie über Ihren kriminellen Vater schreiben, der im Gefängnis saß. Launige Felix-Krull-Geschichte oder unsentimentale Abrechnung?

Schroder: Weder noch, es ist eine unsentimentale Felix-Krull-Geschichte. Es war mir ein Anliegen, wenn ich schon über ein Thema wie das Böse schreibe und es diesen biografischen Bezug gibt, das auch zu erwähnen. Viele Menschen kommen aus windschiefen Verhältnissen, schämen sich ihrer Herkunft, ihrer Eltern, irgendwelcher Dinge, die als nicht satisfaktionsfähig gelten. Und da ich weiß, was Scham bedeutet, ist meine Arbeit immer auch eine Arbeit gegen die Scham.

Warum brauchen wir das Böse?

Schroeder: Wir brauchen das Böse, um uns selbst als die Guten zu fühlen und um uns unseren eigenen Abgründen nicht widmen zu müssen.

Sie sind in Lörrach geboren und aufgewachsen. Wie viel Südbadener steckt in Florian Schroeder?

Schroeder: Ich bin kein besonders herkunftsverbundener Mensch. Das ist eher eine Leerstelle in mir. Ich bin gerne dort, aber den alemannischen Dialekt kann ich nur parodieren, nicht sprechen. Das Badische in mir ist meine Liebe zum Wein.

Gute Weine gibt es mittlerweile auch in Württemberg.

Schroeder: Das habe ich gehört.

Auftritt in Heilbronn

Harmonie, Sonntag, 25. Januar, 19 Uhr

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