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Gärtner des Ur-Keims: Lesung von Autor Heinrich Steinfest in Neckarwestheim

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Aus seinem aktuellen Roman „Das schwarze Manuskript“ liest Heinrich Steinfest am Mittwochabend in der Medienwelt Neckarwestheim. Zusätzlich gibt der Bestseller-Autor Einblicke in seinen Schreibprozess. 

„Ich bin nicht in der Lage, Geschichten zu konstruieren“: Autor Heinrich Steinfest sagt das auch über seinen aktuellen Roman „Das schwarze Manuskript“ .
„Ich bin nicht in der Lage, Geschichten zu konstruieren“: Autor Heinrich Steinfest sagt das auch über seinen aktuellen Roman „Das schwarze Manuskript“ .  Foto: Christiana Kunz

Um seine Vorgehensweise zu beschreiben, zitiert Autor Heinrich Steinfest einen der bedeutendsten Romanciers des 20. Jahrhunderts. Der Österreicher Heimito von Doderer sagte einmal auf die Frage, was ein realistischer Romanautor sei: Jemand, der in ein erfundenes Gewand hineinschlüpfe und bei wirklichen Ärmeln wieder herauskomme. Bei ihm, so Steinfest, sei es genau umgekehrt, dreht der 64-Jährige das Bild, auch mit Blick auf seinen aktuellen Roman „Das schwarze Manuskript“ (Piper Verlag, 240 Seiten, 23 Euro), den er am Mittwochabend in der ausverkauften Medienwelt in Neckarwestheim vorstellt. Und in dem allerhand Unvorhersehbares passiert.

Lesung in Neckarwestheim: Heinrich Steinfest kommt ins Plaudern

Steinfest sei, so sagt er es selbst, jemand, der kurze Fragen gerne lang beantwortet. Und so kommt er auch an diesem Abend – tags darauf liest der Autor im Literaturhaus Salzburg – ausgiebig ins Plaudern, spricht über den Zufall, der in seinen Büchern immer eine Rolle spielt, über Religion und, ganz banal, über sein Hotelzimmer für die Nacht, das ihn – voll automatisiert – mit einem „Aloha“ begrüßt.

Immer wieder findet Heinrich Steinfest den Bogen zum Schreiben zurück. Oder genauer: zum Schreibprozess. „Ich bin nicht in der Lage, Geschichten zu konstruieren. Ich weiß als Autor nicht, wie die Geschichte ausgeht.“ Steinfest spricht von einer Ausgangsidee, einem „Ur-Keim“. „Ich bin ein Gärtner, der diesen Keim gießt und die Geschichte wächst. Ich kann auch nur spekulieren darüber, wie die Handlung weitergeht“, so der Bestseller-Autor, der manchmal selbst überrascht sei, wo sich das von ihm Erdachte hinentwickelt.

Heinrich Steinfest in Neckarwestheim: Worum es im neuen Roman geht

Bei „Das schwarze Manuskript“ sei zuerst, für ihn wie Steinfest sagt ungewöhnlich, der Arbeitstitel gewesen: „Rich Man Drowning“. Der ertrinkende reiche Mann hätte dem Verlag nicht gefallen. „Es funktioniert als Film-, aber nicht als Buchtitel.“ Besagter Reicher heißt im Roman Ashok Oswald, ist 64 Jahre alt und CEO eines großen, europäischen Mischkonzerns. Oswald steckt in einer Lebenskrise: Er lebt zwar in einer Villa mit übergroßem Pool, doch seine Frau hat ihn verlassen, seinen Leibwächtern hat er gekündigt, die Wachhunde abgegeben – „eine bewusste Reduktion“, nennt es Steinfest. Eines Morgens, während er seine Bahnen im Schwimmbad zieht, stehen drei Personen vor dem Pool, „eher Schlägertypen“. Sie verlangen die Herausgabe des titelgebenden Manuskripts.

Zunächst weiß Oswald nicht, worüber der unerwartete Besuch spricht, dann wird ihm klar, dass er vor 41 Jahren von einem Mann names Peter Bischof ein Manuskript zur Aufbewahrung erhielt. Die Vergangenheit holt den vermögenden Unternehmer ein, denn das gesuchte Utensil wurde aus seinem Keller geraubt, und er muss sich auf die Suche nach der Wahrheit begeben. Klingt die Geschichte nicht ein wenig absurd? Steinfest relativiert: „Alles Absurde, was vorkommt, entspringt oder entspricht der Absurdität der Realität.“ Wiederkehrend in seinen Romanen sind auch die „göttlichen Boten“, die den Plot vorantreiben, wie ein Busfahrer in Irland, der die vorgesehene Route verlässt und ein unbekanntes Ziel ansteuert.

All seine Geschichten spielten in einer Parallelwelt, sagt Steinfest. „Meine Figuren sind zusammengesetzt aus all den Erfahrungen, die ich mit Menschen gemacht habe“, so der gebürtige Australier, der lange in Wien lebte und der Liebe wegen erst nach Stuttgart und dann in die Nähe von Heidelberg zog. Und der sich nach der Lesung viel Zeit für die Leser nimmt – nicht nur zum Signieren, sondern auch für das eine oder andere längere Gespräch.

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