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Für Heilbronn den Affen machen

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„Die Stille leben“: Christiane Reyle, Miriam Wilke und Volker März stellen auf der Inselspitze Heilbronn aus. Ein bunter Kosmos aus Quitten, Melonen und Blüten, Scheinessern aus Ton und anderen Wesen. 

„Scheinesser“ und andere Gestalten: Volker März aus Berlin macht den Affen für Heilbronn zur Eröffnung der Ausstellung „Die Stille leben“ auf der Inselspitze.
„Scheinesser“ und andere Gestalten: Volker März aus Berlin macht den Affen für Heilbronn zur Eröffnung der Ausstellung „Die Stille leben“ auf der Inselspitze.  Foto: Lina Bihr

Brot, Ananas, Schokokugeln, Salzbrezelchen, Zitrusfrüchte, üppig wie einem Barockgemälde entliehen, Lollies, Gummibärchen. Eine wilde Mischung, arrangiert auf Tellern, in Schalen und Etagèren zu einem Stillleben auf einem Tisch. Nach einführenden Worten in der Galerie auf der Inselspitze darf gekostet werden. „Die Stille leben“, so der Ausstellungstitel, spielt mit den Facetten des Genres.

Seit Jahrhunderten ist das Stillleben ein Thema der Kunst: die Darstellung regloser Gegenstände und Objekte, von Blumen, Früchten, toten Tieren, Gläsern, Gefäßen, Instrumenten. In Heilbronn setzen sich nun drei Künstler, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher arbeiten könnten, mit Stillleben auseinander. Christiane Reyle, die souverän pastos und farbig ihre Bilder gestaltet.  Miriam Wilke, die technisch ganz anders vorgeht. Schließlich Volker März, der Gast aus Berlin, arbeitet plastisch mit Tonfiguren, aber nicht nur. Der Performer wird zur Vernissage denn auch kurz „den Affen machen“.

Farbe wird mit der bloßen Hand auf die Leinwand aufgetragen

Die Stille leben? Klingt wie ein Aufruf zur Achtsamkeit in unserer schnelllebigen Zeit, immer wieder am Versuch der Stille zu arbeiten. Das Atelier in Ungarn am Neusiedler See von Christiane Reyle mag dafür der geeignete Ort sein. Dabei arbeitet Reyle vorzugsweise im Freien, trägt mit der bloßen Hand dick Farbe auf die Leinwand, großformatige Stillleben mit Pötten, mit Quitten, Knoblauch und was der Garten bietet entstehen als Ausdruck puren Lebens. Kraftvoll und impressionistisch anmutend, zwischen Abstraktion und Figuration.

Die Ausstellung „Die Stille leben“ ist bis 29. März jeweils samstags und sonntags von 12 bis 18 Uhr in der Galerie auf der Inselspitze Heilbronn geöffnet. Weitere Besichtigungstermine auf Anfrage bei der Stadt sind möglich, der Eintritt ist frei. Die Schau mit Arbeiten von Christiane Reyle, Miriam Wilke und Volker März ist die erste von fünf Ausstellungen 2026 auf der Inselspitze. Zur Finissage am 29. März kommt noch einmal Volker März aus Berlin zu einer „Scheintänzer“-Performance.

Über längere Zeit hat sie mit Miriam Wilke das Atelier geteilt, wenngleich Wilke im geschützten Raum arbeitet. Zwei unterschiedliche Temperamente, die beide das klassische Genre Stillleben verdichten. Während Reyle die Farbe direkt und großzügig ohne Pinsel aufträgt, verteilt Wilke erst einmal dunkle  – zu Farbpigmenten verarbeitete – Erde aus dem Garten auf der Leinwand, um in weiteren Präzisionsschritten ihre stillen Bilder hervorzuheben. Filigrane Naturstudien, mitunter tauchen Menschen auf wie illustrative Scherenschnitte.

Warum Kafka seine Klappe nicht halten konnte

Der Kosmos der Figuren von Volker März hat auf den ersten Blick wenig zu tun mit Stille. Auch wenn seine meist androgynen Gestalten aus Ton stumm sind, scheint es aus ihnen herauszubrechen: der Schmerz, das Erstaunen, die Wut, die Melancholie, der Schalk. Die ironisch selbstredenden Titel bezeichnen, was März beschäftigt. „Der verkaufte Kafka“ mit orangefarbenem Punkt zwischen den Augenbrauen, das dritte Auge sozusagen, oder „Kafka konnte seine Klappe nicht halten“, eine Tonfigur im roten Schwimmring, sind munter und tragisch zugleich.

Das Wandobjekt „Frieden auf Erden“ zeigt Menschen mit Affenköpfen im Bett. Von der Decke baumelt ein Ringelblumenmobile. „KUSS-MUSS“ nennt er die Paare, die miteinander verbandelt sind. „Scheinesser“ heißt eine Werkgruppe, „Scheintänzer“ eine andere. Ausführlich erzählt März, woher die Idee kam zu den Wesen mit nacktem Oberkörper im schwarzen Rock, damals, Mitte der 90er Jahre, als er seine Mutter pflegte. „Jede Scham ist anders, Scham ist Individualität“, hat er durch die Auseinandersetzung mit Krankheit gelernt. Und dabei den Unterschied zwischen Scham und sich schämen. 

Als ein „Käthchenschmeißen“ in Heilbronn fast zum Skandal führte 

Einzelne Skulpturen inszeniert Volker März auch hier zur raumbezogenen Installation. Mitunter realisiert er Performances als gesellschaftspolitisches Happening. So provozierte der gebürtige Mannheimer vor Jahren, als er eine Ausstellung im Deutschhof-Museum hatte, mit dem geplanten „Käthchenschmeißen“ – einem Projekt gemeinsam mit dem Theater.  Das konservative Heilbronn witterte einen Skandal. Der keiner war und ohnehin abgesagt wurde. Weil die Städtischen Museen kniffen.

Jetzt bevölkern 233 kleine und kleinste Tonfiguren friedlich die Galerie auf der Inselspitze, dicht gedrängt zwischen nicht minder dicht gehängten Bildern aus Öl und Acryl und wenigen Fotoarbeiten. Die Stille und das Laute – Hand in Hand. 

Variationen von Stillleben im Dialog: Arbeiten von Christiane Reyle (links) und Miriam Wilke (Mitte), die sich mitunter das Atelier teilen.
Variationen von Stillleben im Dialog: Arbeiten von Christiane Reyle (links) und Miriam Wilke (Mitte), die sich mitunter das Atelier teilen.  Foto: Lina Bihr
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