Christian Doll, 1971 in Düsseldorf geboren, aufgewachsen in Ahlen/Westfalen, studiert Physik und Philosophie in Freiburg und Schauspiel an der Otto Falckenberg Schule München. Engagements bei den Münchner Kammerspielen und Wuppertaler Bühnen, Wechsel ins Regiefach. Seit 2017 ist Christian Doll Intendant der Freilichtspiele Schwäbisch Hall. Der zweifache Vater lebt mit seiner Familie in Hall.
100 Jahre Freilichtspiele Schwäbisch Hall: „Eine Ehre und ein Vergnügen“
Christian Doll, Intendant der Freilichtspiele Schwäbisch Hall, erklärt, was die Jubiläumssaison neben „Romeo und Julia“, „West Side Story“ und dem „Jedermann“ alles bietet.

Mit „Jedermann“ fing alles an. Zur Gründung der zweitältesten Freilichtspiele Deutschlands in Schwäbisch Hall im Jahr 1925 wurde zunächst nur Hugo von Hofmannsthals Mysterienspiel aufgeführt, bis 1968 dann waren überwiegend klassische Komödien auf der Treppe vor St. Michael zu sehen.
Nach und nach kamen zeitgenössische Stücke, Musicals und Kindertheater dazu. Zum Gespräch über die Relevanz der Freilichtspiele und das dichte Jubiläumsprogramm hat sich Intendant Christian Doll zwischen Proben und Verpflichtungen Zeit genommen.
Mit welchen Gefühlen begegnet der Intendant der 100. Spielzeit?
Christian Doll: Es ist eine Ehre und ein Vergnügen, so eine Spielzeit leiten zu dürfen und auf so eine Geschichte zurückzublicken. Wir haben uns viel vorgenommen. Das schafft ein Gefühl von Freude. Und zugleich weiß ich, dass das viel Arbeit bisher war und sein wird.
Im Globe starten am Samstag die Freilichtspiele mit „Romeo und Julia“.
Doll: Eigentlich sind wir schon gestartet mit „Ronja Räubertochter“im Mai. Jetzt im Globe gibt es die andere große Liebesgeschichte. Während „Ronja Räubertochter“ von Freundschaft erzählt, geht es bei „Romeo und Julia“ um Leidenschaft, auch körperliche Leidenschaft, um Jungsein. Ja, um eine gewisse Art von Verrücktsein. Und auch bei Shakespeare gibt es diese Konstellation von Banden, diese beiden großen italienischen Familien, die verfeindet sind. Ein großartiges Stück.
Sie sind ein echter Shakespeare-Fan.
Doll: Shakespeare ist tatsächlich in meinem theatralen Denken ein Fixpunkt. Und jetzt bot sich das an, dass wir diesen Stoff eben in unserer Premiere im Neuen Globe, aber auch in unserer Eröffnungspremiere kommende Woche auf der Großen Treppe gleich noch einmal bearbeiten. In der „West Side Story“.
Die Sie, Herr Doll, inszenieren.
Doll: Auch das ist eine Ehre, weil das ist von allen Musicals, mit denen ich zu tun hatte, das mit Abstand großartigste. Die „West Side Story“, ein Plädoyer für Toleranz, hat so viele Ebenen, auf denen sie funktioniert. Eine kluge Dramaturgie, vor allem aber großartige Musik. Leonhard Bernstein hat Hits geschrieben, die nirgendwo banal sind.
Sondern?
Doll: Bernsteins Kompositionen haben in ihrer klaren Struktur eine große Komplexität. Es wird nie kitschig, ist schlicht schön. Man spürt, das ist Musik, die für das Theater geschrieben ist und Handlung erfordert. Ich komme ja aus dem Schauspiel. Und hier auf der Treppe machen wir nun wirklich alles groß. Mit einem Ensemble aus 27 Darstellern und einem Orchester aus 21 Musikern auf den 53 Stufen der Treppe.
1920 begründet der „Jedermann“ die Salzburger Festspiele, 1925 die Schwäbisch Haller Freilichtspiele. Jetzt könnte man sagen, meine Güte, dieses katholische Läuterungsstück, was mag es uns heute noch sagen?
Doll: Ein ungewöhnliches Stück, in der Tat. Ich glaube, wenn es nicht in Salzburg und Schwäbisch Hall vor 105 beziehungsweise vor 100 Jahren gespielt worden wäre und vor allem in Salzburg diese Tradition hätte, wäre der „Jedermann“ wahrscheinlich vergessen. Dabei eignet es sich in der Holzschnittartigkeit seiner allegorischen Figuren für Freilichtspiele – und trifft einen Nerv.
Welchen Nerv?
Doll: Hofmannsthal stellt die generell große Frage nach dem Lebenssinn und nach ethischer Verantwortung. Es gibt übrigens begleitend dazu hier in der Bausparkasse eine Ausstellung von Haller Künstlern zum Thema „Wer hat, der hat“. Welche Verantwortung trägt denn jemand, der viel Geld in der Hand hält? Eine brandaktuelle Frage.
Nicht umsonst heißt das Stück „Jedermann“, jeder könnte gemeint sein.
Doll: Heute würde man wohl Jedermann und Jedefrau sagen. Wir alle sind in einer extrem privilegierten Situation, in Europa, in Deutschland. Insofern kann sich jeder die Frage stellen, wie gehen wir mit diesen Privilegien um, die wir haben. Danach fragt durchaus lustvoll unsere Jubiläumsinszenierung, aber auch nach der Zumutung der Endlichkeit. Und sie zeigt, dass jemand, der so jung stirbt, darüber vielleicht noch gar nicht nachgedacht hat.
„Bei uns ist der Trend, dass der Vorverkauf immer besser wird.“
Die Krux ist das Ende mit seiner sehr religiösen Botschaft.
Doll: Da muss man ohnehin eingreifen, weil es auch antisemitisch wird an einigen Stellen. Und das wird Regisseur Philipp Moschitz auch tun. Es wird ein zirzensisches Spektakel mit viel Musik und vielen Menschen. Der „Jedermann“ wurde schließlich im Berliner Zirkus Schumann uraufgeführt im Dezember 1911.
Wie viele Vorstellungen in den verschiedenen Spielstätten sind gesetzt?
Doll: Elf Produktionen in 126 Vorstellungen bis September.
Der Festspieletat, wie hoch ist der?
Doll: Wir haben von der Stadt zusätzlich 220.000 Euro zur Verfügung gestellt bekommen und erhalten auch von unseren Sponsoren mehr Unterstützung als sonst, so dass das geplante Budget 5,56 Millionen Euro umfasst. Unsere Behauptung, die 100-Jahre-Spielzeit muss etwas Besonderes sein und besonders gefeiert werden, ist wichtig und richtig. Das zeigt allein schon der Vorverkauf, der noch nie so gut war.
Während viele Theater über den Kartenvorverkauf klagen ...
Doll: Wir nicht. Wir sind bei über 42.000 verkauften Tickets. Ja, diesmal soll alles richtig groß sein. Dabei blicken wir nicht nur zurück, sondern auch nach vorn. Wie stellen wir die Freilichtspiele nachhaltig auf? Gerade haben wir neue Stühle gekriegt, komplett für den ganzen Platz. Grundsätzlich geht es doch darum, das Feuer am Lodern zu halten, das hat offensichtlich über 100 Jahre geklappt. Wir haben uns extrem vergrößert, indem wir auch ein Winterprogramm machen im Neuen Globe. Also ein Ganzjahresbetrieb sind.
Mit wie vielen Besuchern rechnen Sie, jetzt im Sommer?
Doll: Folge ich dem Trend, dass unser Vorverkauf immer besser wird, so denke ich, dass wir auf mehr als 70.000 Besucher kommen, das ist meine Hochrechnung. Die Hand ins Feuer würde ich dafür nicht legen, weil das Wetter dazwischen kommen kann. Im Freilichttheater bleibt das ja immer Abenteuer.
Programm und Infos: www.freilichtspiele-hall.de

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