Stimme+
„Melania“ - der Film
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Frau wird ja mal träumen dürfen

   | 
Lesezeit  3 Min
audio Anhören
Erfolgreich kopiert!

Kassengift? Was „Melania“ in Hochglanzbildern erzählt und warum der Film in Deutschland nur in wenigen Häusern läuft - und in der Region gar nicht.

Auf Promotour für „Melania. 20 Days to History“: Die US-First Lady Melania Trump vergangene Woche im Sitzungssaal der New Yorker Börse. In Deutschland macht schon die Rede vom „Kassengift“ die Runde.
Auf Promotour für „Melania. 20 Days to History“: Die US-First Lady Melania Trump vergangene Woche im Sitzungssaal der New Yorker Börse. In Deutschland macht schon die Rede vom „Kassengift“ die Runde.  Foto: dpa

Was eigentlich macht Melania, hieß es oft in den vergangenen Jahren. Die Gattin von US-Präsident Donald Trump hatte sich rar gemacht, öffentliche Auftritte streng kontrolliert, Interviews vermieden. In ihren Augen wie in denen ihres Mannes schließlich sind Journalisten böse. Und so gab es zur Präsentation des Films „Melania“ in Washington letzte Woche auch keine Pressesichtung vorab, nur handverlesenes Publikum.

Dokumentarfilm oder schamlose Hochglanz-Propaganda? Ein Dokumentarfilm ist „Melania“ sicher nicht. Wird an eine Doku doch der Anspruch erhoben, authentisch zu sein, während der Amazon-Streifen „Melania“ – Untertitel „wie Geschichte geschrieben wird“ – so gar nicht authentisch ist. Es sei denn, man interpretiert die verräterische Selbstinszenierung der First Lady als unverfälscht. Immerhin zeigt der Film die vielleicht bittere Wahrheit: So tickt jetzt das Weiße Haus, wie in einem schlechten Fantasy-Film.

Regisseur Brett Ratner und „Me Too“-Vorwürfe

Um nach Hollywood-Maßstäben erfolgreich zu sein, müsste „Melania“ mindestens das Dreifache der investierten 40 Millionen Dollar einspielen. So viel soll Amazon für den Film bezahlt haben und weitere 35 Millionen für das Marketing. 28 Millionen soll allein Melania Trump bekommen, die als Co-Produzentin firmiert. Gedreht hat die Kampagne Brett Ratner. Berühmt wurde der Regisseur mit „Rush Hour“, dann blieben nach homophoben und sexistischen Äußerungen sowie „Me Too“-Vorwürfen die Angebote aus. Inzwischen hat sich wohl Donald Trump dafür eingesetzt, dass Brett Ratner für „Rush Hour 4“ wieder im Gespräch ist.

Auch wenn Amazon von einem guten Kinostart in den USA spricht, die Medien sehen das anders und die Kritiken lesen sich überwiegend vernichtend: In Deutschland wird „Melania“ diesen Donnerstag sehr klein starten in nur 47 Kinos bundesweit. In der Region ist die Selbstdarstellung der Präsidentengattin nicht zu sehen, wie sie sich auf High Heels und in Innenräumen mit Sonnenbrille vorzugsweise mit schicken Klamotten befasst und sich der perfekten  Dekoration und Ausstattungsfragen widmet. Zwischendurch fabuliert sie von Frieden, von Abläufen und preist Trump – „Hey Mr. President, Congratulation“ – am Telefon.

Cineplex Neckarsulm: „Vor diesem Hintergrund haben wir den Film ,Melania’ für keinen unserer Standorte eingeplant und sehen aufgrund der weltweit kritischen Reaktionen und der geringen Publikumsnachfrage auch künftig keinen Einsatz.“

Auf unsere Anfrage im Cineplex Neckarsulm antwortet Lars Gölitzer, Geschäftsführer der Filmtheaterbetriebe Spickert Entertainment GmbH mit Sitz in Mannheim, zu denen der Neckarsulmer Filmpalast gehört: „Bei politisch stark polarisierenden Themen achten wir sehr genau darauf, ob diese zu unserem Programm und unseren Standorten passen. Vor diesem Hintergrund haben wir den Film ,Melania’ für keinen unserer Standorte eingeplant und sehen aufgrund der weltweit kritischen Reaktionen und der geringen Publikumsnachfrage auch künftig keinen Einsatz.“

Für die Arthaus-Kinos in Heilbronn und Umgebung hat sich die Frage erst gar nicht gestellt, „da es kein Arthaus-Film ist. Zudem sind ja im Januar, Februar und März die Säle unter anderem durch die Oscar-Filme sowieso besonders voll“, sagt Michael Rösch. Auch kein Kino in Ludwigsburg oder Stuttgart hat „Melania“ im Programm, nächste Stationen wären Nürnberg und Rothenburg ob der Tauber.

Wie es ist, im Weißen Haus zu residieren

In den USA soll der Film vor allem in den Südstaaten Frauen über 55 Jahre, also Melanias Alter, ansprechen. Frau wird ja mal träumen dürfen, wie es ist, im Weißen Haus zu residieren und dem Präsidenten einzuflüstern, er werde nicht nur als „peacemaker“ in die Geschichte eingehen, als Friedensstifter, sondern als „Einiger“. Das ist so unverfroren, wie es dreist ist, wenn sich Melania in einer Szene rühmt, während der ersten Amtszeit den Rosengarten neu gestaltet zu haben und unterschlägt, dass der inzwischen eingestampft und gepflastert wurde. Sowie auch ihr Büro im Ostflügel, den Trump abreißen ließ, um einen Ballsaal zu bauen.

Der weltgrößte Online-Händler Amazon, dem das traditionsreiche Hollywood-Studio MGM gehört, zahlte wohl 40 Millionen Dollar für die Rechte an „Melania“. Kritische Beobachter wie der Moderator der Late-Night-Show Jimmy Kimmel sprechen von „Schmiergeld“, mit dem sich der Konzern von Jeff Bezos in Donald Trumps Weißem Haus einschmeicheln wolle. Weitere 35 Millionen Dollar soll Amazon in die Vermarktung des Films stecken. Und die Präsidentengattin als Co-Produzentin soll 28 Millionen Dollar erhalten. 

„Amazing“, „incredible“, „beautiful“ wird sich das ungleiche Paar Honig ums Maul schmieren im Laufe des Films, der in Mar-a-Lago beginnt, ihrem Luxusanwesen in Florida und Trumpschen Außenstelle des Weißen Hauses, um die Wochen vor der zweiten Amtsübernahme ihres Mannes am 20. Januar 2025 aus Melanias Blick weichzuzeichnen.

Und das interessiert die Menschen weltweit in laut „Hollywood Reporter“ 3000 Kinos? Nicht nur in Deutschland macht die Rede vom „Kassengift“ die Runde. Wer sich ein Bild verschaffen möchte, sieht sich den Trailer im Netz an. „Here we go again“, raunt da Melania Trump, das Ex-Model aus Slowenien, in ihrem eigenwilligen Akzent, auf dem Weg zur Amtseinführung des Präsidenten. „Everybody wants to know it, so here it is“, wird sie das Filmprojekt rechtfertigen. „Alle wollen es wissen, also gut.“ Wirklich alle?

Nach oben  Nach oben